Jüdischer Friedhof: «Der gute Ort»

Der jüdische Friedhof zwischen Lengnau und Endingen ist ein mystischer Ort. Ein neues Buch bringt Spannendes und Unbekanntes zutage.

Roy Oppenheim hat schon viele Besucherinnen und Besucher über den jüdischen Friedhof Endingen-Legnau geführt. (Bild: ub)

21. Oktober 2020
20:18

Der Schlüssel dreht sich etwas harzig im Schloss, doch dann öffnet sich das schmiedeeiserne Tor zum Friedhof Endingen-Lengnau, und die Besucherin betritt eine andere Welt. Der erste Blick fällt auf riesige Eichen und Nadelbäume, durch deren Wipfel der Wind weht. Dann auf die einfachen Grabsteine aus Granit, Basalt oder Sandstein, die zum Teil über Jahrhunderte Wind und Wetter getrotzt haben. Wegen ihres Alters und des leicht abschüssigen Geländes ragen sie in alle Himmelsrichtungen. Die Bestattung im Judentum ist sehr vom Glauben an ein Leben im Jenseits geprägt, weshalb nur Erdbestattung erlaubt ist. Durch den Gedanken der Auferstehung ist der jüdische Friedhof heilig und darf nicht aufgelöst werden. Deshalb werden die Gräber nie aufgehoben. Die Inschriften in hebräischer oder deutscher Sprache sind teilweise so verwittert, dass man sie gar nicht mehr entziffern kann.

Der Friedhof Endingen-Lengnau ist mit seinen 2737 Gräbern der grösste in der Schweiz. Eine Oase des Friedens und der Ruhe, die wegen ihrer einzigartigen Atmosphäre auch als «Der gute Ort» bezeichnet wird. Das Laub knirscht unter den Schuhen von Roy Oppenheim, der hier schon Hunderte von Führungen gemacht hat, und jetzt mit der Historikerin Nicole Dreyfuss im Auftrag des «Vereins zur Erhaltung der Synagogen und des Friedhofs Endingen-Lengnau» das Buch «In weiser Voraussicht gegründet» verfasste. «Obwohl es die Surbtaler Juden in alle Welt verschlug, wählen viele noch immer diesen Friedhof als letzte Ruhestätte», erzählt er. Spannendes gibt es im neuen, reich bebilderten Werk zu lesen. Zum Beispiel über die Symbolik auf den Grabsteinen. «Nebst Namen und Lebensdaten sind oft auch Beruf sowie soziale und kulturelle Funktion eingraviert», so Oppenheim.

Abgebrochene Säulen deuten auf ein Unglück hin, das einen Menschen plötzlich aus dem Leben gerissen hat. Der Friedhof ist nicht nur ein Ort der ewigen Ruhe, sondern birgt auch ganz viel gelebtes Leben und zahlreiche Schicksale in sich. Seine etwas verwilderte Naturbelassenheit berührt wesentlich mehr als sterile und herausgeputzte Grabsteine, die in Reih und Glied stehen.


Kieselsteinchen als letzter Gruss
Blumen sieht man auf den Gräbern keine. Oppenheim: «Wer seine Angehörigen besucht, legt stattdessen kleine Kieselsteinchen vom Boden als Gestus der Erinnerung auf den Grabstein.» Diese Sitte ist kein Ritual der Religion und auch nicht in den jüdischen Schriften zu finden, sondern stammt aus der Zeit, in der Juden auf der Flucht aus Ägypten durch die Wüste zogen. Dort gab es keine Blumen und auch keine schönen Grabsteine. Wenn jemand gestorben war, brachten die Angehörigen zur Bestattung Steine mit und schichteten sie auf dem Grab auf. Niemand soll durch übertriebenen Blumenschmuck über andere gestellt werden. «Alle Menschen sind im Tode gleich», ist die Devise. Deshalb sind jüdische Friedhöfe schlicht und einfach gehalten.

Im Buch «In weiser Voraussicht gegründet» sind zahlreiche Geschichten über die Verstorbenen in Kurzform nachzulesen. Von Stürmen ist die Rede, welche Zerstörung angerichtet haben. Und Vandalismus. Verschiedene Friedhofswärter, meist (christliche) Landwirte aus der lokalen Nachbarschaft, werden porträtiert. Was ist ihre Motivation, die 48,64 Aren zu pflegen, auf denen sich die 1750 entstandene letzte Ruhestätte für Juden nach zweimaliger Erweiterung ausgebreitet hat? Bemerkenswert ist auch, dass die jüdische Gemeinschaft davor keinen eigenen Friedhof besass, weil Juden der Besitz von Land verboten wurde. «Verstorbene wurden deshalb mit Erlaubnis der Stadt Waldshut auf einer kleinen Insel im Rhein nahe Koblenz begraben; ein aufwendiges und unwürdiges Unterfangen», erzählt Oppenheim.


Rituale bei der Bestattung
Über die Entstehung des Friedhofs dank einer ortsansässigen Bauernfamilie, die den Juden ein Stück Land verkaufte, wird im Buch ebenso berichtet wie über die Rituale bei einer Bestattung. Nach Eintritt des Todes übernimmt die Chewra Kaddischa, die Beerdigungsgesellschaft, die rituelle Bestattung Verstorbener. Sie besteht aus Ehrenamtlichen der jüdischen Gemeinde, die den Toten waschen, ihm die Totenkleidung (weisses Baumwoll- oder Leinengewand) anlegen und sich um die Beerdigung kümmern. Das eigentliche Begräbnis ist schlicht. Sobald der Sarg des Verstorbenen komplett mit Erde bedeckt ist, erfolgt durch den nächsten männlichen Verwandten das Kaddisch-Gebet, welches als Lobpreisung Gottes zählt. Ein Verstorbener muss respektvoll behandelt und rasch beerdigt werden, möglichst innerhalb von 24 Stunden. Der Tote wird in das Leichentuch gehüllt und in einem einfachen Holzsarg bestattet. Dadurch soll sichergestellt werden, dass der Verstorbene rasch zu «Staub» wird. «Denn Staub bist Du, und zum Staube zurück kehrst Du», steht im Buch Genesis, Kapitel 3,19.


Vermitteln statt trennen
Wer während einer Führung durch das Osttor den jüdischen Friedhof Endigen-Lengnau betritt, findet sich am Westtor vor einer Skulptur in Form einer Flamme des Zürcher Bildhauers Dan Rubinstein wieder, einer 2014 errichteten Gedenkstätte für alle Menschen aus der Schweiz, welche durch den nationalsozialistischen Völkermord ihren Tod gefunden haben.  Doch das soll beim Besuch des Friedhofs Endingen-Lengnau nicht der Nachklang sein. Viel wichtiger ist der  Weg zur Vermittlung von der Vergangenheit in die Gegenwart. Max Bloch, Präsident des «Vereins zur Erhaltung der Synagogen und des Friedhofs Endingen-Lengnau», dessen Mitglieder bis zum heutigen Tag für Pflege und Unterhalt der Grabstätten sorgen, weist auf die Zukunft hin: «Wir haben viele junge interessierte Mitglieder, die den Fortbestand unserer Kulturstätten für die nächsten fünfzig Jahre garantieren.»

Führungen durch den jüdischen Friedhof Endigen-Lengnau können auf der Webseite juedischerfriedhof.ch gebucht werden. Das Buch «In weiser Voraussicht gegründet» zum 100-Jahr-Jubiläum des «Vereins zur Erhaltung der Synagogen und des Friedhofs Endingen-Lengnau» ist im Buchhandel erhältlich.

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