Keiner liebt Baden so wie er

Sepp Schmid, das Badener Stadtoriginal, hat eine Corona-Erkrankung bezwungen. Nun zeigt er sich wieder inspiriert – und demütig.

Ist nach schwerer Corona-Erkrankung wieder fit und zu neuen Aktivitäten bereit: Sepp Schmid.(Bild: ub)

14. Oktober 2020
21:44

«Zur Eröffnung des umgebauten Kurtheaters habe ich in meinem ‹Badener Fenster› im Haus zum Engel eine spezielle Ausstellung eingerichtet», sagt Sepp Schmid am Telefon und sprudelt vor Energie. Seltene alte Plakate von Events auf der grössten Theaterbühne im Aargau sind derzeit an der Rathausgasse 24 zu sehen. Zu Ehren der Kurtheater-Wiedereröffnung, die am 14. Oktober mit der Aufführung von einem Gastspiel des Residenztheaters München von «Lulu» über die Bühne ging. Kaum einer hat sich je für das Leben in der Bäderstadt so engagiert wie Sepp Schmid. In seinem Keller archiviert er Hunderte von Fotos und Tausende von Zeitungsartikeln über Baden. Der 82-Jährige weiss mehr über seine Heimatstadt als jeder andere. Tausend Ansichts-karten besitzt er allein vom Stadtturm, an den sein Haus angrenzt. Jede Badenfahrt seit 1923 ist sorgfältig dokumentiert. Im «Underground» von Schmid gibt es aber auch Kuriositäten zu besichtigen. Stühle zum Beispiel, die Thermalbad-Architekt Mario Botta zur 700-Jahr-Feier der Schweiz kreiert hat. Oder ein Plüschsessel von Kinobetreiber Peter Sterk sowie ein uralter Reisekoffer, an dem noch die Werbeetikette des ehemaligen Bäderhotels Verenahof klebt. Das Sammelsurium wirkt etwas chaotisch. Aber das Herzblut, das darin steckt, ist offensichtlich. «Es muss ja nicht immer alles perfekt sein», sagt Schmid und lacht.


Dem Tode nahe
Das Lachen und seine Lebendigkeit sind Sepp Schmid im März dieses Jahres abhandengekommen. Der ehemalige Geschäftsführer des Einrichtungsgeschäfts form+wohnen, der zu seinen aktiven Zeiten sechzehn Stunden pro Tag arbeitete und über fünfzig Jahre niemals krank war, lag plötzlich flach. Das Corona-virus erwischte ihn so eiskalt, dass er sich drei Wochen im Koma befand. «Ich nahm vierzehn Kilo ab und musste wieder gehen lernen», sagt er über seine Rekonvaleszenz, und seine Augen blicken dabei ernst. Ohne starken Support seiner Frau Erika, der ganzen Familie sowie guter Ärzten hätte er nie so schnell zu neuer Form gefunden. Das will er betont haben. Und vor allem auch, dass er wieder fit und zu neuen Aktivitäten bereit ist. Sein Waldhaus in Lengnau, in dem er mit seiner Familie die Freizeit verbringt, habe viel zu seiner Regeneration beigetragen. «Der Wald hat mich gerettet. Ich machte jeden Tag ein paar Schritte mehr und atmete die frische Luft ein.» Für das Erhalten der Natur – vor allem des Waldes – setzte sich Schmid schon immer ein. Er zeigt die Kopie eines Berichts im Aargauer Volksblatt von 1965 mit dem Titel «Leute gebt acht auf den Wald.» Und meint: «Das Thema ist nicht nur heute seit den Klimadiskussionen wegen der Erderwärmung aktuell. Es war schon seit jeher so.»


Mit- statt gegeneinander
Immer schon war Sepp Schmid ein sehr umtriebiger Mensch, der gerne in der Öffentlichkeit seine Meinung äusserte. Für manche wirkt er damit fast etwas fanatisch. Doch wen gibt es heute noch, der sich so intensiv mit seiner Heimatstadt, deren Geschichte und Zukunft auseinandersetzt? «Ich bin sehr stolz, dass Baden den Wakkerpreis bekommen hat, seit Jahren das Fantoche-Festival organisiert und die Weite Gasse mittlerweile verkehrsfrei ist», sagt er, und seine Augen funkeln vor Leidenschaft. Er fügt hinzu: «Baden war vor Zürich und Basel die erste Stadt, die in der Schweiz ein Theater hatte.» Für ihn ist seine Heimat immer noch die heimliche Hauptstadt der Schweiz. Er wünscht sich, dass die Regierung noch mehr zusammenarbeitet. «Mit- statt gegeneinander. Egal in welcher Partei. Nur so kommt man weiter», findet er. Die Diskussionen über den Namen «Fortyseven» des neuen Thermalbads erachtet er als müssig. «Dieses Label wird sich niemals durchsetzen. Nur Baden hat seit über 2000 Jahren ein Römerbad. Drum werden die Leute künftig sagen: ‹Chumm Schatz, mir gönd is Römi›». Davon ist er überzeugt.

  
Er will Menschen glücklich machen
Nach wie vor macht Sepp Schmid private Führungen für Freunde durch die Stadt und den Stadtturm mit seinen Gefängniszellen sowie durch sein Archiv im Haus. Er kümmert sich zudem fürsorglich um einstige Kundinnen und Kunden seines Möbelgeschäfts form+wohnen, das er 1969 gründete. Kürzlich lud er bereits wieder eine 99-jährige, geistig noch rege Frau ins Waldhaus zum Kaffee ein. Glücklich sagte diese beim Abschied: «Ich hätte nie gedacht, dass ich in meinem Alter nochmals in den Wald komme.» Sepp Schmid strahlt. Leute zu berühren, macht ihn definitiv glücklich. Zu seinem 60. Geburtstag wurden er und seine Frau Erika zu Ehren ihrer vielseitigen Aktivitäten für Baden zu Ehrenbürgern ernannt. Corona hat ihn gelehrt, im Hier und Jetzt zu leben. Und dankbar zu sein für jeden neuen Tag.

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