Knochenjob für Turmfalken-Eltern

Wenn junge Turmfalken kurz vor dem Ausfliegen stehen, sind ihre Eltern pausenlos am Jagen und Beschaffen von Futter für ihre Jungmannschaft.

Futterneid bei Familie Trumfalke. (Bild: Beni Herzog)

13. Juli 2022
15:16

An einem dieser brütend heissen Tage Mitte Juni: Zwei junge Turmfalken sitzen auf dem Betonausleger eines Strommasts. Obwohl es auf Mittag zugeht und die Sonne unbarmherzig vom Himmel brennt, warten die beiden geduldig auf die Altvögel, die ihnen Futter bringen. Zwischendurch dösen die Jungfalken vor sich hin, scheinen aber trotzdem wahrzunehmen, was um sie herum vorgeht. Nicht weit davon sind zwei weitere Turmfalken-Junge aus derselben Familie in einem offenen Nistkasten zu sehen, dieser ist unter dem Vordach eines Landwirtschaftsgebäudes befestigt. Sie haben es besser, denn der Nistkasten ist im Schatten. Trotzdem haben die beiden auf dem Betonmast die besseren Karten, was die Fütterung betrifft. Als sich nämlich das Turmfalken-Männchen mit trillernden Rufen am Himmel nähert, kommt Bewegung in die beiden. Aufgeregt schlagen sie mit den Flügeln und strecken dem anfliegenden Altvogel den weit geöffneten Schnabel entgegen. Dieses Verhalten verfehlt kaum seine Wirkung. Der Turmfalken-Vater macht nicht lange Federlesens und schiebt seine Beute – heute scheint er sich auf Eidechsen spezialisiert zu haben – in den erstbesten geöffneten Schnabel. Die Jungen müssen die Verteilung unter sich ausmachen.
 

Der Turmfalken-Vater (rechts) schiebt seine Beute in den erstbesten geöffneten Schnabel. (Bild: bh)


Unglaubliches Sehvermögen auch im UV-Bereich
Nebst Eidechsen jagen Turmfalken vor allem Feldmäuse, ihre Hauptnahrung, aber auch Heuschrecken, Käfer und Regenwürmer. Zwischendurch verschmähen sie auch Singvögel nicht, wenn sie diese erwischen. Sie jagen meist am Boden, nachdem sie ihre Beute von einer erhöhten Sitzwarte oder im arttypischen Rüttelflug erspäht haben. Turmfalken haben ein unglaubliches Sehvermögen und können eine Maus aus einer Entfernung von 1,5 Kilometern erkennen. Sie sehen auch im Ultraviolett-Bereich und können beispielsweise die Harnspuren von Mäusen am Boden ausmachen.

Als ehemalige Felsenbewohner bevorzugen Turmfalken hochgelegene Nistplätze. Sie haben schon früh die Nähe des Menschen gesucht und benutzten Mauernischen an Kirchtürmen, Burgen und hohen Gebäuden im Siedlungsraum als Brutplatz – daher ihr Name. Da moderne Wohnbauten wenige Nischen aufweisen, sind Turmfalken in jüngerer Zeit auf andere Hochbauten wie Strommasten, Kamine oder Industriebauten ausgewichen. Sie sind aber vielseitig und brüten auch in verlassenen Krähen-, Elstern- oder Bussardnestern. Seit einigen Jahrzehnten stellen ihnen sowohl Natur- und Vogelschutzvereine wie Privatpersonen spezielle Nistkästen bereit. Insbesondere Landwirte schätzen die Nähe der Turmfalken, da sie während der Brutzeit einen beträchtlichen «Verbrauch» an Feldmäusen haben. So sind Turmfalken-Nistkästen oft an Scheunen zu finden. Viele werden während mehrerer Jahre vom immer gleichen Brutpaar genutzt. Turmfalken füttern ihre Jungen während der Nestlingszeit von rund vier Wochen, betreuen diese aber auch nach dem Ausfliegen noch während zwei bis vier Wochen.


Erbitterter Kampf ums Futter
Vom glücklicherweise im Schatten stehenden Auto liessen sich sowohl die Jungfalken auf dem Strommast als auch im Nistkasten gut beobachten und fotografieren, ohne die Falken bei ihrem Fütterungsgeschäft zu stören. Während der Beobachtungszeit von etwa einer Stunde sind die Turmfalken-Eltern viermal mit einer Eidechse angeflogen. Jedes Mal hat sich der grösste und kräftigste der Jungvögel durchgesetzt und die Beute ergattert. Der zweite auf dem Strommast versuchte zwar einmal, ihm die Eidechse wegzuschnappen, was aber missglückte. Die beiden im Nistkasten wurden nicht berücksichtigt. Das wird sich aber mit der Zeit ausgleichen, denn erstens ist auch der hungrigste Turmfalke einmal satt, und zweitens wird der kräftigste Jung­vogel auch zuerst ausfliegen, dann rücken die anderen in der «Futter-Hierarchie» nach. Auf jeden Fall ist der Brutplatz zwischenzeitlich verwaist, alle vier Jungfalken sind aus­geflogen und – hoffentlich – bereits selber am Jagen.

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