Lauschen hinter dem Vorhang

Vergangene Woche spielten Stefan Müller und Martin Pirktl im Hospiz in Brugg. Die Premiere des «Musikalischen Fensters» stiess auf Begeisterung.

Stefan Müller und Martin Pirktl musizieren im Brugger Hospiz
Stefan Müller und Martin Pirktl musizieren im Brugger Hospiz (Bild: aru)

von
Annegret Ruoff

13. Dezember 2018
09:00

Sorgfältig lehnt Martin Pirktl seine Gitarre an die Wand. Dann rückt er zwei Stühle zurecht und platziert den Notenständer. Nach einem kurzen Blick auf die Uhr schreitet der Musiker zum Lift, die Türe schliesst sich hinter ihm. 

Zehn Minuten später geht sie wieder auf, um Pirktl, diesmal gefolgt von Stefan Müller, zu entlassen. Die beiden Männer tragen einen blau umhüllten Gegenstand in der Grösse eines Cellos durch den Gang des Hospizes im dritten Stock des Medizinischen Zentrums Brugg. Dann lüftet Stefan Müller das Geheimnis. Zum Vorschein kommt ein polygonaler Kasten aus hellem Holz – ein Virginal, sozusagen der kleine Bruder eines Cembalos. Kurz richten sich die beiden Musiker ein – dann setzen sie mit einem kurzen Nicken zum Spiel an.

In munteren Kaskaden fliessen die Klänge der beiden Saiteninstrumente durch den Gang und tragen die Musik hinter die gezogenen Vorhänge und hinter die angelehnten oder geschlossenen Türen in die Zimmer. Dort verbringen die Patientinnen und Patienten – die meisten von ihnen unheilbar krank – ihre letzten Wochen, Tage und Stunden. Zurzeit umfasst das Hospiz in Brugg – das einzige im Kanton Aargau – zehn Betten in Einzelzimmern. Betreut werden die Gäste und ihre Angehörigen von professionellen Mitarbeitenden und zahlreichen Freiwilligen. Auch eine Hündin – Valy – gehört zum Team. 

 

Bach, Jazz und die Beatles

An diesem Dienstagabend Anfang Dezember feiern Martin Pirktl und Stefan Müller mit dem «Musikalischen Fenster» in Brugg Premiere. 2015 hat Müller, zusammen mit dem Palliativteam des Kantonsspitals Baden (KSB), die innovative Konzertreihe ins Leben gerufen. Speziell daran ist, dass sie im Gang von Spitälern, Hospizen und Pflegestationen stattfindet und damit die Musik zu denjenigen Menschen bringt, welche den Gang ins Konzertlokal nicht mehr antreten können.

Im KSB fand die Reihe grossen Anklang. Durch die finanzielle Unterstützung des Spitals wurde es möglich, dass fast monatlich ein musikalisches Fenster stattfand. 2017 wurde das erfolgreiche Konzept mit dem Aargauer Rotkreuzpreis ausgezeichnet. Derzeit arbeitet der Verein unter dem Präsidium der ehemaligen KSB-Seelsorgerin Karin Klemm daran, die erfolgreiche Reihe auf weitere Orte auszudehnen.

 

Premiere im Hospiz in Brugg

Einen ersten Versuch lancierten die Initianten im Brugger Hospiz. Bei Geschäftsführer Dieter Hermann stiess die Idee gleich auf offene Ohren. Hermann hat sich mittlerweile selbst zu den Musikern in den Gang gesellt, auch eine Betreuerin und eine Patientin im Rollstuhl sind dazugekommen – zudem drei Gäste von aus­serhalb. Diese Durchmischung ist ganz im Sinn der Konzertreihe. «Grundsätzlich sind alle willkommen», sagt Stefan Müller später beim Gespräch. Werbung mache man aus-serhalb der palliativen Institutionen aber nicht gross, um die Privatsphäre der Betroffenen nicht allzu sehr zu tangieren. «In erster Linie sind wir für die Patienten und ihre Angehörigen da», so der Neuenhofer Instrumentallehrer. Gäste von aussen oder anderen Abteilungen, die das nötige Sensorium mitbringen, seien aber ebenfalls willkommen. 

Was die Wahl der Instrumente angeht, zeigen sich die Initianten offen. «Klarinette, Saxofon, Cello, Gesang – wir berücksichtigen die ganze Bandbreite», sagt Stefan Müller. Ebenso aufgeschlossen gibt er sich, was den Musikstil angeht. «Wir spielen nicht nur Bach», schmunzelt er. Auch Jazz oder Musik von den Beatles seien schon auf dem Programm gestanden. «Wichtig ist, dass die Musik Rücksicht nimmt auf die besondere Atmosphäre an diesen Orten», erklärt der Musiker. «Sie soll das Leben wie das Sterben würdigen, ohne aufdringlich zu wirken.» Das brauche auch von den Ausübenden eine gewisse Haltung. «Um in dieser Reihe zu spielen oder zu singen, sind Offenheit, Authentizität und eine gewisse Demut wesentlich», sagt Stefan Müller. Selbstdarstellung und das Heischen nach Aufmerksamkeit seien hingegen fehl am Platz. 

 

In Resonanz mit dem Ort

Nach einem ersten Block ziehen die Musiker ans andere Ende des Gangs. Und spielen munter weiter – als wäre dies die grösste Selbstverständlichkeit. Diese Lockerheit überträgt sich aufs Publikum und geht wunderbar in Resonanz mit diesem Ort, an dem alles sein darf. Eine Patientin wiegt den Kopf im Takt, eine Betreuerin summt leise vor sich hin. Dann piepst der Alarm. Der Frau in Zimmer 348 – sie durchlebt gerade eine sehr sensible Phase – ist das alles zu viel. Eine Pflegeperson spricht leise mit ihr, dann schliesst sie die Tür. 

Währenddessen setzen Stefan Müller und Martin Pirktl zum letzten Stück an. Noch einmal erahnt man hinter den Vorhängen und angelehnten Türen ein grosses Lauschen. Dann schweben die letzten Töne durch den Raum, – die Zuhörenden applaudieren. 

 

Fortsetzung noch offen

Im Anschluss ans Konzert schaut Dieter Hermann kurz ins eine und andere Zimmer rein und fragt, wie das Angebot angekommen ist. Die meisten der Patientinnen und Patienten zeigen grosse Freude – und äussern den Wunsch nach mehr. «Eine wunderbare Idee, ein tolles Konzept», äussert sich der Hospizleiter begeistert. Auch Stefan Müller und Martin Pirktl hat es in Brugg gefallen. «Die Stimmung an diesem Ort ist etwas ganz Besonderes», bemerken sie. Es sei, als fände die Musik hier an ihren Ursprung zurück. 

Ob das «Musikalische Fenster» in Brugg fortgesetzt wird, ist zurzeit noch offen. Findet sich finanzielle Unterstützung, zum Beispiel durch private Spenden, welche die Gagen der Musikerinnen und Musiker sichern, steht einem Fortbestand der Reihe nichts entgegen.

Martin Pirktl und Stefan Müller haben inzwischen eingepackt. Herzlich verabschieden sie sich vom «sichtbaren» Teil ihres Publikums. Dann verschwinden sie mit ihren Instrumenten im Lift. Leise ratternd schliesst sich die Türe, im Hospiz kehrt wieder der Alltag ein.

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