«Märlitante» in zweiter Generation

Die Badenerin Larissa Brändli-Furter trägt als Märchenerzählerin das Erbe ihrer weit herum ­bekannten verstorbenen Mutter Eva Furter weiter.

Märchenerzählerin Larissa Brändli-Furter geniesst die Sonne in ihrer «Herzensheimat» Baden (Bild: ub)

08. Januar 2020
09:00

Zum Interview hat sich Larissa Brändli-Furter mächtig aufgebrezelt. Die künstlichen schwarz-bordeaux­roten Locken fallen wie ein Wasserfall in Wellen über ihre Schultern und werden mit einem goldenen Blütenkranz gebändigt. Der Pulli ist genauso mit riesigen Glitzersteinen besetzt wie die zahlreichen Ringe an ihren Fingern. «So bin ich unterwegs, wenn ich Märchen erzähle», erklärt die 49-Jährige ihren extravaganten Look und lacht. Brändli trägt das Erbe ihrer berühmten Mutter Eva Furter weiter, die 2015 im Alter von 90 Jahren verstarb und als «Märlitante» ein Original in Baden war. Deren selber geschriebenen Fantasie-Geschichten, die oft an stadtbekannten Orten handeln, wären in Vergessenheit geraten, würden sie jetzt nicht von ihrer Tochter Larissa weitererzählt. 

 

Eine Märchenwelt mit kleinen Tücken

An ihre Kindheit erinnert sich Larissa Brändli-Furter mit gemischten Gefühlen. «Es war schön, Mama zu Hause beim Üben für ihre Auftritte zuzuhören. Manchmal begleitete ich sie als Prinzessin verkleidet, wenn sie mit ihrem Wägeli voller Märchenbücher, -kassetten und -platten durch die Stadt zog.» Aber sie wurde in der Primarschule auch geplagt. «Meine Mutter stach mit ihrem extravaganten Look heraus. Manchmal musste ich Kleider nach ihrem Gusto tragen. Dann wurde ich von meinen Gspänli gehänselt.» 

Später, als sie bereits das KV hinter sich gebracht hatte, traf sie wiederum viele Menschen, die sich gerne an die Märchen erinnern, die sie von Eva Furter in ihrer Kindheit erzählt bekommen hatten. Als diese dann sehr betagt verstarb, träumte Brändli oft von ihr. «Es waren schöne Träume, in denen ich sehr glücklich war. Wenn ich aufwachte, befiel mich oft eine tiefe Traurigkeit, dass ich kein Kind mehr war.» 

Brändli braucht fürs Märchenerzählen eine riesige Menge an Requisiten. Während ihre Mutter noch einfach dastand und erzählte, reichert sie die Geschichten mit Puppen und Zaubertricks an. «Ich habe bei einem alten Magier, der in Rente ging, einige Illusionen erwerben können, die ich jetzt für meine Auftritte verwende», erzählt die Künstlerin. 

Mittlerweile hat sie ein derart gros­ses Repertoire, dass sie sich mit Zaubershows für Erwachsene ein zweites Standbein schaffen konnte. Rund 30 Auftritte hat die vielfältig Begabte pro Jahr. Sie tritt regelmässig auf Schloss Hallwyl und an vielen ­anderen Orten in der Region auf. «Meine Mutter hat im Alter immer gedacht, dass die Handygeneration kein Interesse mehr haben wird, einer Märchenerzählerin zuzuhören. Doch ich erlebe das Gegenteil. Das Bedürfnis, eine Geschichte erzählt zu bekommen, ist bei Kindern heute noch genauso gross wie früher», sagt Brändli, während sie sich durch ihr langes Wallehaar streicht. 

In natura ist sie brünett. Sich zu verkleiden, ist eine Leidenschaft der 49-jährigen Märchenerzählerin. Privat geht sie gerne mit Kolleginnen und Kollegen auf Motto-Partys – ­natürlich im jeweils passenden Outfit. Auch an der Fasnacht macht sie gerne mit: «Mit Kostüm fühle ich mich fröhlicher als ohne, komme mehr aus mir raus und vergesse den grauen Alltag.» Melancholie ist ihr nicht fremd. Besonders in den dunklen Wintermonaten. 

 

Der Vater hielt die Familie ­zusammen

Bei der Frauenpower und Originalität von Mutter und Tochter kommt Vater Hans Furter im Gespräch etwas zu kurz. Obwohl die Beziehung zu ihm sehr gut gewesen sei, wie Brändli betont. Er war Telefonmonteur und spielte Trompete in einer Dixieland-Band. Mit 58 Jahren starb er an den Folgen der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit. «Ich war gerade 22, und sein Tod war ein harter Schlag für mich», meint Brändli ernst, «Papa hat die Familie immer zusammengehalten und für die ganze Verwandtschaft gekocht.» Doch dann klärt sich ihr Blick wieder. Sie erzählt vom Wohnwagen, den ihre Eltern am Türlersee auf einem Campingplatz hatten. «Wir verbrachten im Sommer jedes Wochenende dort», erinnert sie sich und beginnt zu strahlen. 

Baden ist bis heute die «Herzensheimat» der Märchenerzählerin in zweiter Generation geblieben. Obwohl Brändli seit 2007 in Schafisheim lebt. Immer wieder zieht es sie in ihre Heimatstadt, um mit den Geschichten aus der Feder ihrer Mutter das jugend­liche Publikum in den Bann zu ziehen. 

Vor einigen Tagen erzählte sie in der Stadtbibliothek ihr Märchen über einen Berggeist. Eva Furter gab aber auch mehrere Gedichtbände heraus, die wenig bekannt sind. Larissa Brändli Furter ist sich sicher: «Das wertvolle Erbe meiner Mutter ist noch lange nicht ausgeschöpft.» 

Weitere Infos zu Larissa Brändli-­Furter gibt es auf www.larimus.ch

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