Mammutbaum und Riesenstreit

An der Haltestelle Schwimmbad steht ein Baum, der auch ein Schatten- und Regendach ist. Nun beschäftigt er den Stadtrat.

Das Plakat zeigt: Die Besitzer hängen an ihrem Baum. (Bild: zVg)

09. Juni 2021
18:12

In einem Milchkarton ging es über den grossen Teich. 1969 war das. Der damals 33-jährige Heinz Frey erhielt von seinem Schwiegervater in Kalifornien, anlässlich eines Besuchs mit seiner Frau Joan und Baby Stephanie  zwei Setzlinge mit auf den Weg. Frey, der in den USA seine Joan kennenlernte, kehrte mit Familie und dem zukünftigen Mammutbaum nach Hause zurück. In Baden lebte die junge Familie in einer Mietwohnung. Ein kleines Mammutbäumchen landete auf dem Balkon, das andere wurde an ein befreundetes Ehepaar verschenkt. Jahre später starb dann plötzlich der Vater von Joan Frey, ein schwerer Schlag. Da ihre geliebte kalifornische Familie weit weg war, blieb ihr nur noch der kleine Mammutbaum, der sie jeden Tag an ihren Vater erinnerte.

Mit den zwei Kindern zog die Familie an die Seminarstrasse in ein kleines Haus Diesmal reichte für den Mammutbaum kein Karton. Das Bäumchen wurde vorsichtig im Garten eingepflanzt und begleitete die Familie über die letzten 49 Jahre.


Einer der letzten Mammutbäume in der Region

In der Nachbarschaft entwickelte sich der Baum zu einem Kennzeichen. Obwohl er immer mehr in die Höhe schoss, blieb sein Durchmesser relativ eng. Da er direkt an der Bushaltestelle steht, spendet er im Sommer Schatten und bei Regen ein trockenes Plätzchen. An der stark befahrenen Strasse dient er auch als grüne Lunge. Der Mammutbaum der Freys ist zudem auch einer der letzten Mammutbäume in der Region. Es mussten bereits viele weichen, zuletzt das wuchtige Exemplar beim Schulhausplatz. Insofern müsste er eigentlich längst ins Inventar des geschützten Baumbestands der Stadt Baden aufgenommen worden sein.

Das hätte ihn vor einer geplanten Baumfällaktion geschützt. Seit Januar läuft nämlich ein skurriler Krieg um ihn. Ein Nachbar will ihn fällen. Der Baum würde ihm die freie Aussicht verwehren, so das Argument. Heinz Frey, 85 Jahre alt, kann dieses nicht verstehen. «Der Baum hat einen Grenzabstand von etwa 4,5 Meter zum anderen Grundstück, hat keinen Überhang und spendet keinerlei Schatten auf die Nachbarliegenschaft.» Vor einem Jahr erst sei ein Baumpfleger wieder zur regelmässigen Kontrolle gekommen und habe den Riesen als «stand- und bruchsicher» testiert.

Der Nachbar antwortete auf Anfrage der «Rundschau Süd», dass er nichts gegen den Baum hatte, als dieser noch klein war. Mit der Zeit habe sich dies geändert: «Garten und Wege werden von Baumnadeln übersät und verursachen uns viel Reinigungsarbeit.» Der Mammutbaum versperre ausserdem die Sicht: «Unser Haus wird als Orientierungspunkt im städtischen Gebäudeinventar geführt, verschwindet aus nördlicher Sicht aber vollständig hinter dem Baum.»

Der Zwist belastet die Familie Frey sehr. Als im Frühling dann noch die Wohnung wegen eines Rohrbruchs unter Wasser stand, bat Heinz Frey seinen Nachbarn um einen Zeitaufschub. Dieser reagierte unmittelbar mit einem juristischen Schreiben.


Pro Natura setzt sich für den Baum ein

Im Prinzip handelt es sich hier um eine Forderung eines Nachbarn, wie es sie landauf, landab gibt. Der Mammutbaum verleiht diesem Fall aber eine besondere Note. Pro Natura Aargau wurde auf den Rechtsstreit aufmerksam. Für den früheren Präsidenten Johannes Jenny, der bis Oktober letzten Jahres tätig war, und den aktuellen, Matthis Betsche, ist nach einer Besichtigung klar: Der aussergewöhnliche Baum muss in den Bestand der geschützten Bäume aufgenommen werden. Zu wichtig sei seine ökologische Sonderposition.

Der Streit hat aber auch die Nachbarschaft alarmiert. Joan Frey, 82-jährig, erzählt mit feuchten Augen: «Das ist das einzig Positive an dieser traurigen Geschichte: Wir erhalten so viele positive Rückmeldungen von den Menschen.» Ein 13-jähriges Mädchen, Mitglied des Jugendparlaments, bekümmerte die Geschichte dermassen, dass sie einen Brief an Stadtrat Erich Obrist schrieb. Sie bat ihn, den Baum zu retten. Obrist telefonierte und dankte ihr für ihr Engagement. Im Ressort von Kollege Benjamin Steiner, der dafür verantwortlich sei, werde die Stadt Baden das Anliegen prüfen.

Ein paar Tage später schaltete sich dann auch Benjamin Steiner in das Geschäft ein. Das Gesuch für Unterschutzstellung liegt nun bei ihm. In den nächsten Tagen will sich der Stadtrat mit dem Mammutbaum befassen. Johannes Jenny geht von einem positiven Entscheid aus. Er verweist dabei auf das kürzlich eingebrachte Postulat von Einwohnerrätin Corinne Schmidlin (Grüne Baden), das den Stadtrat dazu aufruft, sich künftig besser um die Badener Bäume zu kümmern und deren Bestand laufend auszubauen. Heinz und Joan Frey müssen nun auf den Entscheid warten. Sie hoffen, dass die schwierige Zeit bald vorbei ist.

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