«Man kann hier seinen Horizont erweitern»

Mit dem Podium «Herz» jubiliert der Kunstraum unter der Leitung von Claudia Spinelli. Zeit für ein Gespräch, das von Herzen kommt.

Kunst als soziales Medium: Claudia Spinelli macht den Kunstraum zum «Salon»
Kunst als soziales Medium: Claudia Spinelli macht den Kunstraum zum «Salon» (Bild: aru)

von
Annegret Ruoff

16. März 2018
09:00

Claudia Spinelli, 53

studierte in Basel Kunstwissenschaft, Ethnologie und Geschichte. Von 1996 bis 1998 war sie Kuratorin im «Kleinen Helmhaus» in Zürich und leitete anschliessend während zweier Jahre die Galerie Walcheturm in Zürich. Danach war Claudia Spinelli als Kunstjournalistin und Gastkuratorin tätig. Seit 2009 leitet sie den Kunstraum Baden.

50 Jahre Kunstraum

Zum Jubiläum organisiert der Verein Kunstraum Baden unter dem Motto «Organ» verschiedene Veranstaltungen. Das Podium «Herz» kreist um die Frage: «Ein Grund zum Feiern?». Unter der Leitung von Tobias Wildi diskutieren Steffi Binder, Pia Brizzi und Josef Tremp. Im Anschluss wird in der Ausstellung «Salon» ein Apéro serviert.


Mittwoch, 21. März, 19 bis 20 Uhr, Kunstraum, Haselstrasse 15
www.kunstraum.baden.ch 

Claudia Spinelli, wann und wo haben Sie Ihr Herz an die Kunst verloren?

Als Kind gefielen mir die Bilder des spätgotischen Malers Konrad Witz besonders gut. Und als ich im Kunstmuseum Basel dessen «Verkündigung» sah, ergriff mich für einen Moment pures Glück!


Geht Ihnen heute noch, beim Anblick gewisser Werke, das Herz auf? 

Oh, ja! In einem solchen Moment kommt vieles zusammen. Da sind plötzlich alle Sinne wach, etwas verdichtet sich. Passiert ist mir das grad kürzlich, als ich in London war und vor diesem Werk von Bruce Nauman stand. Zwei übereinandergestellte Monitore, über die zeitversetzt dasselbe Video läuft. Während sich im oberen Monitor ein Mann die Hände wäscht, zeigt der untere, wie die Hände wieder schmutzig werden. Diese Konfrontation mit der Kehrseite einer Handlung war für mich sehr anregend. Gleichzeitig bringt das Werk etwas zum Ausdruck, das zentral ist für unser Menschsein.


Hüpft Ihr Herz jeweils nur im ersten Moment, oder hält die Liebe an? 

Ich mache stets neue Entdeckungen in längst Vertrautem. Für die jetzige Ausstellung im Kunstraum habe ich mich beispielsweise intensiv mit dem Werk des Malers Hans Buchstätter beschäftigt. Und als ich jüngst im Kunstmuseum Basel war, stachen mir auf einmal diese Bilder von Niklaus Stöckli ins Auge – einem Zeitgenossen von Buchstätter. Ich kenne dessen  Werke zwar seit Langem, aber sie erschienen sie mir nun auf ganz neue Art und Weise. 


Was liegt Ihnen als Leiterin des Kunstraums besonders am Herzen?

Nebst dem ganz existenziellen Wunsch, dass das Geld für die Kunst nie versiegen möge, ist mein grösstes Anliegen, dass der Kunstraum ein Ort des Austauschs bleibt. Klar, es ist ein kleiner Raum in einer kleinen Stadt. Das ist aber auch eine Chance. Debatten lassen sich hier unmittelbar führen, man kann Fragen stellen, mit den Kunstschaffenden ins Gespräch kommen, sich mit anderen austauschen. Der Kunstraum ist ein Ort, wo Impulse willkommen sind, wo Erfahrungen geteilt werden und Neues entsteht. Man kann hier seinen Horizont erweitern.


Mit regionalem Kunstschaffen?

Der Kunstraum soll eine Plattform sein für die regionale Kunst. Ich gewichte es hoch, wenn die Kunstschaffenden, deren Werke hier gezeigt werden, Teil eines Gemeinsamen sind, einer Stadt, eines Soziotops. Dazu braucht es aber, wie meine Ausstellungen klar zeigen, auch die Anregungen von aussen. Der Blick über den Tellerrand hinaus ist für Kunstschaffende und Publikum essenziell.


Bei «Kunst über Mittag» werden die Teller gefüllt. Dann kochen Sie fürs Publikum. Hand aufs Herz: Ist das die Aufgabe dieser Institution?

Unbedingt! Ich mag es, wenn wir hier im Kunstraum zu Tisch bitten. Dann kommen – in einem familiären Rahmen – Menschen aus ganz verschiedenen Bereichen zusammen. Was entsteht, sind Diskussionen auf Augenhöhe. So lässt sich Kunst ins Leben integrieren. Wir vertreten dieses Konzept übrigens auch bei unseren Führungen.


Inwiefern?

Indem wir auf das Dozieren verzichten. Wir verfolgen das Ziel, aus einer Führung ein Gespräch zu machen. Sobald man beginnt, über ein Kunstwerk zu reden, wird es nun mal zugänglicher. 


Der Kunstraum tritt im Jubiläumsjahr mit einer bunten Palette von Veranstaltungen an die Öffentlichkeit. Organisiert werden sie nicht nur von Ihnen, sondern auch vom Verein Kunstraum, der jüngst ins Leben gerufen wurde.

Das finde ich wunderbar! In meinem Verständnis ist der Kunstraum ein Ort, der allen offensteht, den man teilt und für den man sich in verschiedenster Form engagiert.


Die Kunst hat, wie auch die Diskussionen rund um den Kunstraum in den vergangenen Monaten gezeigt haben, einen schweren Stand. Welche Entwicklungen brechen Ihnen das Herz?

Ich mag gar nicht, dass beim Sparen schnell bei der Kultur und ja, bei der zeitgenössischen Kunst angesetzt wird. Da sind viele Vorurteile im Spiel. Mehr als einmal habe ich erlebt, wie Leute unsere Institution in Frage stellten, ohne sie zu kennen. Ihnen ist entgangen, dass unsere Arbeit kein Luxus ist, sondern für viele Menschen eine Bereicherung und existenziell. Hinzu kommt, dass der Bereich der bildenden Kunst sehr kostengünstig produziert. Künstler arbeiten oft gratis und führen ein Leben ohne finanzielle Absicherung. Als städtische Institution kann der Kunstraum dem ein wenig entgegenwirken, indem er zum Beispiel den Einsatz, den Kunstschaffende für eine Ausstellung leisten, über Ankäufe für die Sammlung honoriert. 

 

Braucht es, um Kunst zu machen, nicht diese existenzielle Not?

So ein Quatsch! Das ist ein unmögliches Klischee, das sich einfach nicht aus der Welt schaffen lässt!


Ist für Sie der Kunstraum das Herzstück der Stadt Baden?

Ich wünschte mir, er wäre die Herzmitte der Gesellschaft. Ein Ort, wo man sich sich trifft und aus dem Vertrauten rausbewegt. Betrachtet man die gängige Tendenz, verliert die Gesellschaft diese Mitte zunehmend. Jeder geht nach der Arbeit möglichst schnell heim, um Netflix zu schauen. Nichts gegen Netflix, aber ein Dialog, wie er hier im Kunstraum stattfindet, ist damit nicht zu ersetzen.


Debattieren kann man allerdings auch in der Beiz.

Der Kunstraum bietet eine andere Umgebung. Er ist ein Ort, wo unerwartete Sichtweisen gezeigt werden und explizit erwünscht sind. Zudem zwingen die Gespräche hier dazu, die eigenen Wertvorstellungen und Haltungen immer wieder infrage zu stellen. Das hält jung und lebendig! Ich empfinde es als grosse Bereicherung. Dass der Mensch sich in dieser Form einbringen will, zeigen ja auch die sozialen Medien. Sie leben vom Teilen und Debattieren. 


Und was hat das mit Kunst zu tun?

Für mich ist die Kunst nichts anderes als ein soziales Medium, das ich teile – allerdings mit grösserer Verbindlichkeit als im digitalen Netz.


Dann teilen Sie uns zum Schluss noch mit: Was ist Ihr Herzenswunsch für den Kunstraum?

Mir liegen die Künstler der Region am Herzen, ich fühle mich für sie verantwortlich. Und ich freue mich darüber, dass stets neue Kunstschaffende auftauchen. Für sie und ihre Arbeit will ich mein Herz offen behalten.

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