«Man muss auch Grösseres wagen»

Der Verein «inBrugg» hat jüngst mit einer Plakatkampagne Aufsehen erregt. Nun folgt der nächste Coup: ein Wurst-Event an Fronleichnam.

Ist überzeugt vom Entwicklungspotenzial von Brugg: Mirco Fritschi
Ist überzeugt vom Entwicklungspotenzial von Brugg: Mirco Fritschi (Bild: aru)

von
Annegret Ruoff

12. Juni 2019
13:00

Verein INbrugg

Der Verein «inBrugg» vertritt das übergeordnete, gemeinsame Marketing von Mietervereinigung Neumarkt, Brugger Citygalerie und Gewerbeverein Zentrum Brugg. Er hat sich zum Ziel gesetzt, mit gezielten Massnahmen das Image von Brugg zu fördern und dessen Attraktivität als Einkaufsstandort zu steigern. Der Vorstand setzt sich zusammen aus Dietrich Berger, Martin Gobeli, Granit Tetaj und Mirco Fritschi.

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Mirco Fritschi, als Werber beschäftigen Sie sich seit Jahren mit der Stadt Brugg. Mitunter stecken Sie auch hinter der Kampagne von «inBrugg». Was ist Ihre Vision für diese Stadt?

Dass man endlich eine Möglichkeit findet, deren Attraktivität zu steigern. Ich setze mich mit viel Herzblut dafür ein, die kleinen Detailhändler vor Ort zu unterstützen, damit sie nicht eingehen, sondern einen Weg in die Zukunft finden.

 

Sie stammen aus dem Baselbiet. Warum engagieren Sie sich ausgerechnet für das Aufblühen von Brugg? 

Ich kam zu Brugg wie die Jungfrau zum Kind, rein zufällig. So wurde diese Stadt einer meiner Unternehmens­standorte. In den vergangenen Jahren kamen viele der hiesigen Firmen und Institutionen auf mich zu, und so lernte ich die Menschen hier immer besser kennen. Mich verbinden also freundschaftliche Beziehungen mit Brugg, und trotzdem bin ich froh, den Blick von aussen behalten zu können. Ich bringe mich mit meiner neutralen und oft sehr direkten Art ein. Als Nicht-Brugger habe ich eine gewisse Narrenfreiheit, zu sagen, was ich denke. Man sagt mir nach, dass ich wohl kaum so spontan kreativ sein könnte, hätte ich ein anderes Charakterprofil. Die einen finden meine Ehrlichkeit wertvoll, die andern wollen den verklärten Blick auf ihre Stadt behalten.

 

Ich dachte, Werber zieht es normalerweise nach Zürich oder New York?

Ich war, als Mitglied der Geschäftsleitung, in grossen internationalen Agenturen tätig und habe dort für mich festgestellt: Das bin nicht ich. Ich will kreativ sein, Dinge durchziehen und abschliessen und etwas damit bewegen. Ein halbes Jahr lang an einem Firmen­branding rumbasteln ist nicht meins.

 

War dieser Pragmatismus auch einer der Gründe, warum Sie den Verein «inBrugg» initiiert haben? So lassen sich mit einer übergeordneten Organisation Dinge erreichen, die in den Entscheidfindungsprozessen der beteiligten Organisationen Monate dauern würden.

Darum ging es mir nicht. Ich habe «inBrugg» zusammen mit Granit Tetaj initiiert, und wir haben von Beginn an unsere beiden Kollegen Dietrich Berger und Martin Gobeli beigezogen. Der Ursprungsgedanke von «inBrugg» war ein gemeinsames Branding. Ich durfte für die Neumarktvereinigung den neuen Auftritt gestalten. Wir kreierten dieses grosse «B» – symbolisch für Brugg. Damit nahmen wir den Neumarkt als Marke zurück und deklarierten ihn als Teil von Brugg. Ich schuf damals bereits visionäre andere B-Logos fürs Zentrum Brugg, die City-Galerie und gar für die Stadt Brugg. Mit diesem gemeinsamen Branding hätte man einen starken Auftritt erreicht und Werbebudgets gebündelt. Aus verschiedenen Gründen wurde diese Gesamtidee nicht realisiert. Trotzdem hielt man am Projekt fest, gemeinschaftlich aufzutreten und die Kräfte zu konzentrieren. So wurden die drei grossen Institutionen Neumarkt Brugg, City-Galerie und Zentrum Brugg die Auftraggeber von «inBrugg». Der Verein hat sich klar der Image- und Standortwerbung verschrieben. 

 

Schön und gut. Aber hilft es den Detailhändlern wirklich zu überleben, wenn man das Image einer Stadt fördert?

Wir können keine proaktiven verkaufsfördernden Massnahmen ergreifen. Aber wir können mit mutigen Ideen dazu beitragen, dass Brugg zu einem Ort wird, an dem man gerne einkauft. Man muss schon sehen: Die Brugger investieren 36 Millionen Franken (nur gerechnet an Migros Cumuluszahlen) im Jahr anderswo. Warum? Doch nicht nur, weil der Online-Handel boomt. Sondern, weil Brugg nicht attraktiv genug ist und weil vieles fehlt. Apropos Online-Handel: Wir hatten bei «inBrugg» mitunter die Idee, einen grossen Online-Shop für ganz Brugg auf die Beine zu stellen.

 

Das klingt spannend. Aber ist Brugg für solche Riesenprojekte nicht etwas klein?

Das ist so. Sitzen wir vom Vorstand von «inBrugg» zusammen, fallen uns tolle Dinge ein. Wir müssen sie aber immer wieder runterschrauben auf das, was hier vor Ort machbar ist.

 

«InBrugg» wurde ja bekannt mit der Plakatkampagne, vor der die Leute etwas fragend standen, weil sie von dieser Organisation noch nie gehört hatten. Gehörte dies mit zum Werbeeffekt?

Ja. Das Ziel der Kampagne war, die Menschen auf sehr zynische Art mit ihren eigenen Aussagen zu konfrontieren. Etwa damit, dass in Brugg das Ladensterben grassiert oder es hier nur noch italienische Restaurants gibt. Und wir haben darauf gesetzt, dass die Leute sich fragen, wer ihnen ihren Spiegel vorhält. Wir haben auf diese Fragen aber auch direkt Antworten geliefert. Damit wollten wir aufzeigen, wie vielfältig Brugg effektiv ist – wenn man nach Antworten sucht und nicht immer nur diese wiederkehrenden Fragen stellt.

 

Um rauszufinden, was «inBrugg» ist, musste man aber im Internet suchen.

Wer wir sind, ist nicht so wichtig. «inBrugg» macht ja nicht Werbung für sich selbst, sondern für den hiesigen Detailhandel, das Gewerbe und die Dienstleister.

 

Einer der Grundsätze von «inBrugg» ist: Klotzen statt kleckern. Das wirkt im beschaulichen Brugg doch ziemlich provokativ.

Damit ist gemeint, dass man auch mal den Mut aufbringen muss, etwas Grösseres auf die Beine zu stellen und nicht bloss Brösmeli zu produzieren. Ein gutes Beispiel dafür war die WM-Arena, an der ja dieselben Partner beteiligt waren wie nun bei «inBrugg». So etwas Grosses ist riskant und dessen Erfolg von vielen Faktoren abhängig. Klappt es aber, profitiert eine Stadt wie Brugg imagemässig enorm davon.

 

Apropos Klotzen: Als Werber haben Sie grosse Kampagnen für den Neumarkt, den Gewerbeverein – ich denke da an die Kampagne für die Expo – und «inBrugg» durchgeführt. Da könnte man ja auch auf die Idee kommen, Sie beschaffen sich so bloss Aufträge.

Wissen Sie, ich mache rund 90 Prozent meines Umsatzes ausserhalb von Brugg. Diese Stadt ist für mich also emotional deutlich wertvoller als wirtschaftlich. Ich bin zwar etwa Mitglied im Vorstand von Zentrum Brugg, lege aber Wert darauf, dass immer auch andere lokale Werber miteinbezogen werden. Für Dienstleistungen, welche durch meine Firma ausgeführt werden, verlange ich einen reduzierten Tarif. Und was die Projektleitung und solche Dinge angeht, leiste ich ehrenamtliche Arbeit wie meine Vorstandskollegen auch.

 

Trotzdem: Wer so grosse Ideen für Brugg umsetzt wie der Vorstand von «inBrugg», hat auch viel Macht. 

Diesen Eindruck teile ich nicht. Im Gegenteil. Passt der Bevölkerung oder den beteiligten Institutionen was nicht, halten sie den Finger drauf. Wir als Verein sind lediglich ein Instrument, das Projekte umsetzt. 

 

Die erste Werbekampagne von «inBrugg» setzt sich fürs gesamte Brugger Gewerbe ein. Gehört das zur Strategie, dass der Verein nicht nur für seine Mitglieder wirbt? 

Wir diskutieren das zurzeit intensiv, sind aber der Meinung, dass wir alle unterstützen und niemanden bevorzugen wollen. Die grossen Unternehmen hier haben schon lange eingesehen, dass der Standort ohne die kleinen nicht attraktiv wäre. Nun ist es an den kleinen Betrieben, einzusehen, dass sie ohne die Investitionen der grossen nirgendwohin kämen. 

 

Brugg ist ein hartes Pflaster, jammern und bremsen haben hier Tradition. Wie will es «inBrugg» schaffen, den innovativen Groove bis an die Basis runterzubringen? 

Ich hoffe, dass wir die Energie dazu haben, dies zu ändern. Ehrlich gesagt, nervt es mich, immer zu hören: Die Brugger sind halt ein schwieriges Volk, hier ist alles nicht so einfach. Dabei ist Brugg wie manche andere Ortschaft auch. Wichtig ist, dass man etwas macht. Wie zum Beispiel in Sissach. Da präsentiert sich die Gewerbeausstellung seit Jahren wie ein grosses Dorffest, mitten in Sissach. Oder Gelterkinden: Da hat es eine kleine Gemeinde geschafft, mehrere Male im Jahr einen Markt auf die Beine zu stellen, an dem der Ort aus allen Nähten platzt. Warum sollte das also im viermal grösseren Brugg nicht auch möglich sein?

 

Ihr Verein kümmert sich ums Standortmarketing. Ein Bereich, den sich auch andere Brugger Organisationen auf die Fahne geschrieben haben. Streben Sie hier eine Zusammenarbeit an?

Wir sind grundsätzlich offen, aber bisher ist noch niemand von den anderen Organisationen oder von der Stadt auf uns zugekommen. Um das Standortmarketing zu fördern, planen wir übrigens auch den Einsatz eines Influencers auf Instagram. Wir möchten damit jüngere Zielgruppen erreichen. Zudem gelänge es so, Brugg weit über die Kantons- und vielleicht sogar über die Landesgrenzen hinaus bekannt zu machen.

 

Vor dem Ausflug in die weite Welt planen Sie aber einen ganz lokalen Anlass – auf dem Neumarktplatz. Dort sollen am Fronleichnam über 2000 Bratwürste verteilt werden. Was bezwecken Sie damit?

Die Befragung zum Konsumverhalten von Brugg, die jüngst unter dem Lead von SportXX durchgeführt wurde, zeigte, dass ein Grossteil der Bruggerinnen und Brugger gerne eine Metzgerei vor Ort hätte. Deshalb bringen wir nun die Metzgereien der Region auf den Neumarktplatz. Dass der Anlass an Fronleichnam stattfindet, passt mit unserer neuen Werbekampagne zusammen. Diese wirbt auf ziemliche provokative Weise damit, dass die Geschäfte in Brugg an katholischen Feiertagen geöffnet sind. Ich gebe zu, die Kampagne ist ziemlich zynisch. Das kann für Diskussionen sorgen. Dies fördert dann aber hoffentlich den Dialog und generiert im Kern das, was wir erreichen wollen: Aufmerksamkeit fürs Brugger Gewerbe.
 

 
An Fronleichnam veranstaltet «inBrugg» das erste «Wurscht & Brot Fescht», an welchem die Metzger der Region ihre Produkte vorstellen. Die ersten 2000 Würste werden gratis abgegeben.
Donnerstag, 20. Juni, 11 bis 19 Uhr, Neumarkt-Platz, Brugg
www.inbrugg.ch

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