«Man muss fest ans Glück glauben»

Die schwarzen Männer und Frauen gelten in weiten Teilen der Welt als Glücksbringer. Wer sie berühre, habe Glück im neuen Jahr.

Marisa Tomasi, Françoise Schmid und Véronique Rychener: «Wir wünschen allen viel Glück und Gesundheit!» (Bild: sha)

30. Dezember 2020
18:19

«Aufs Glück werden wir bei unserer Arbeit immer wieder angesprochen», sagt Kaminfegerin Françoise Schmid (27) mit einem Lächeln. «Oft wollen die Leute  wissen, ob wir wirklich Glück bringen», erzählt Kollegin Véronique Rychener (29). «Ich antworte dann immer: Aber sicher! Man muss nur ganz fest daran glauben – dann kommt das Glück! Gute Gedanken ziehen gute und positive Sachen an.»  Seit dem Mittelalter gelten die Kaminfeger als Glücksbringer – etwas Russ oder das Berühren der goldenen Knöpfe soll bereits helfen. «Wir Kaminfegerinnen bringen natürlich ganz besonders viel Glück – weil wir viel seltener anzutreffen sind!», lacht Véronique Rychener mit einem Augenzwinkern. Chef und Kaminfegermeister Kurt Fischer (55) klopft energisch auf den Tisch und meint: «Also das stimmt jetzt nicht! Alle Kaminfeger bringen Glück – natürlich auch die männlichen Chämifäger!»  Man merkt es: Im Team von Kaminfeger Kurt Fischer aus Rupperswil ist die Stimmung ausgelassen, gut und familiär.


Drei Kaminfegerinnen für alle Fälle
Im neunköpfigen Betrieb von Kaminfegermeister Kurt Fischer (55) sind drei Kaminfegerinnen am Werk – in der Branche doch noch eher selten. «Die Leute staunen zwar manchmal, wenn eine Frau für die Feuerungskontrolle kommt, aber Diskussionen gibt es kaum», meint Marisa Tomasi (21). «Wir machen unseren Job gut – egal, ob Mann oder Frau.» Feministische Gender-Diskussionen sind im Chämifäger-Team von Kurt Fischer kein Thema. In den vierzehn Gemeinden des Kaminfeger-Rayons ist es längst nichts Aussergewöhnliches mehr, wenn der Kaminfeger eine Frau ist. In Auenstein, Brunegg, Holderbank, Lupfig, Möriken-Wildegg, Niederlenz, Oberflachs, Othmarsingen, Rupperswil, Scherz, Schinznach-Bad, Schinznach-Dorf, Thalheim und Veltheim reinigt der Betrieb von Kaminfeger Kurt Fischer alle Heizungs- und Abgasanlagen, die mit Öl, Holz oder Gas gefeuert werden. Zudem wird die amtliche Feuerungskontrolle (Abgasmessung) durchgeführt.

«Wir beraten auch Bauherren und Architekten im Bereich des baulichen, betrieblichen und wärmetechnischen Brandschutzes», erklärt Véronique Rychener, die auch Brandschutz-Fachfrau ist. Vom alten Bauernhaus über die Waldhütte bis hin zum mittelalterlichen Kamin auf Schloss Brunegg – die Chämifägerinnen haben Einblick in fast alle Häuser ihres Gebiets. «Der Kaminfeger ist eine Vertrauensperson», erklärt Françoise Schmid. «Oft hinterlegen uns die Leute den Schlüssel, wenn sie nicht da sind, oder erzählen uns von ihren Sorgen.»


Glücksbringer seit dem Mittelalter
Dass Kaminfeger neben vierblättrigen Kleeblättern, Marienkäfern oder rosa Schweinchen als Glückssymbol wahrgenommen werden, hat eine lange Tradition. Schon im Mittelalter boten Kaminfeger als wandernde Handwerksgesellen ihre Dienstleistung an. Sie entfernten Russablagerungen aus den Kaminen und sorgten dafür, dass geheizt und gekocht werden konnte. Gleichzeitig verringerten sie so die Brandgefahr. Ein Kaminbrand konnte schnell einen Hof oder sogar ein ganzes Stadtviertel in Schutt und Asche legen. Da die Arbeit des Kaminfegers schmutzig und schwierig war, nahmen die Leute die Dienstleistung gerne an. Der Kaminfeger war ein willkommener Gast, denn er brachte Sicherheit und damit Glück ins Haus. «Kaum ein anderer Beruf hat ein so positives Image», meint Françoise Schmid: «Es kommt immer wieder vor, dass uns Leute berühren oder die Hand schütteln wollen.» In Corona-Zeiten geht das natürlich weniger.


Duschen gehört zur Arbeitszeit
Marisa Tomasi, die ihre Lehre 2018 abgeschlossen hat, und seither den Gesellen-Zylinder tragen darf, würde sofort wieder Kaminfegerin lernen: «Man ist drinnen und draussen, immer unterwegs – mal allein, aber auch mit viel Kundenkontakt. Der Beruf ist abwechslungsreich und jeder Tag ist wieder anders.» Handwerkliches Geschick und eine sportliche Konstitution sollte man oder frau aber schon mitbringen: «Manchmal ist der Beruf auch körperlich anstrengend.» Berührungsängste vor Asche, Russ und Schmutz sollten ebenfalls nicht vorhanden sein: «Mit spezieller Sandseife bringt man das am Feierabend alles wieder weg.» Speziell zudem: «Das Duschen gehört bei uns Kaminfegern zur Arbeitszeit», lacht Marisa Tomasi, die nur positive Erfahrungen als Kaminfegerin gemacht hat. «Nur einmal hat mich eine Kundin aus Versehen im Keller eingesperrt.» Im Zeitalter der Handys war das Malheur aber schnell wieder behoben.  Fürs Jahr 2022 wäre im Kaminfeger-Team übrigens noch eine Lehrstelle frei.

Kaminfegermeister Kurt Fischer ist des Lobes voll für seine drei Kaminfegerdamen: «Sie machen das alle ganz toll. Zudem tun die Ladies meinem Team gut – Umgangssprache und Manieren sind mit Frauen einfach ganz anders.» Nur auf seine alljährliche Glückstour an Silvester muss das Kaminfegerteam dieses Jahr wohl verzichten – aus Gründen des Virenschutzes. «Ich werde aber wohl allein eine Runde durch die mir anvertrauten Ortschaften fahren», sagt Kaminfegermeister Fischer bestimmt: «Tradition ist schliesslich Tradition.» Das ganze Chämifäger-Team und speziell die drei Kaminfeger-Ladies wünschen der ganzen Leserschaft viel Glück im neuen Jahr! «Bleiben Sie gesund und passen Sie gut auf sich auf!»

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