Mehr Menschlichkeit statt reiner Kapitalismus

Unternehmens- und Kommunikationsberater Andreas Schärer will die Philosophie des bhutanesischen Bruttonationalglücks in der Schweiz verankern.

Andreas Schärer in seinem Beratungsbüro im Oederlin-Areal, das er «Glückszentrale» nennt. (Bild: ub)

30. Dezember 2020
18:10

«Glück ist erlernbar», sagt Andreas Schärer. Er hat für diese innere Überzeugung sein Leben umgekrempelt. Hinter seinem Schreibtisch hängt das Logo seiner frisch gegründeten Firma «Glückskonzepte»: ein sternförmiges Mandala. Er studierte Maschinenbau und arbeitete in seiner Kommunikationsfirma Schärer AG zwanzig Jahre für nationale und internationale Kunden und veranstaltete mit seinem Team von dreissig Angestellten grosse Events wie die Eröffnung der Westumfahrung Zürich und den Durchstich des SBB-Tunnels unter dem HB Zürich. «Ich war erfolgreich, aber nonstop im Stress. Irgendwann merkte ich, dass ich an nichts mehr richtig Freude hatte», meint der attraktive 53-Jährige, und seine stahlblauen Augen blicken ernst. Ein Burn-out umschiffte er rechtzeitig und nahm sich im Oktober 2018 eine längere Auszeit. Drei Wochen davon zog er sich in Sardinien in die totale Abgeschiedenheit zurück. «Ich fand einen Interims-Manager für meinen Betrieb und konnte endlich durchatmen und ganz loslassen», erzählt Schärer. Die totale Wende kam eher zufällig. In einer Buchhandlung fiel ihm das Werk «Grundrecht auf Glück» in die Hände, verfasst vom ehemaligen Glücksminister von Bhutan, Ha Vinh Tho. Im kleinen asiatischen Königreich steht das persönliche Glück im Mittelpunkt des Lebens und wird seit Langem zum höchsten Staatsziel erklärt. «Bruttonationalglück» statt Bruttonationalprodukt: Von diesem Paradigmenwechsel war Schärer so fasziniert, dass er selber nach Bhutan reiste und dort seine neue Lebenseinsicht vertiefte.


Das Glück bleibt auf der Strecke
«In unserer Konsumgesellschaft wird alles nach materiellen Werten gemessen. Wir denken, je mehr wir haben, desto besser geht es uns. Aber aus der Glücksforschung heraus weiss man, dass das nicht korreliert», ist Schärer überzeugt. Natürlich gelte dies nicht für Menschen, die ohne Geld auf der Strasse leben. «Aber bei mittleren oder höheren Einkommen bleiben Glück und Zufriedenheit auch mit zunehmendem Reichtum gleich. Oder nehmen sogar ab.»


Mehr Zeit für sich selber
Was aber macht den Menschen gemäss bhutanesischer Philosophie besonders glücklich? Schärer dazu: «Glück ist kein kurzes Hochgefühl, sondern eine langanhaltender innerer Zustand von Zufriedenheit und Wohlbefinden. Massgebend sind unter anderem die körperliche Gesundheit, Bildung, Erhalt der eigenen Kultur, eine gute Regierung, Zeit für sich selber und der sorgfältige Umgang mit der Natur. «Die Bhutanesinnen und Bhutanesen sind überzeugt, dass man selber nur glücklich sein kann, wenn es auch den anderen Menschen und dem ganzen Planeten gut geht.»  Natürlich sei auch dort wie überall die Wirtschaft wichtig. «Aber sie soll im Dienst der Menschen stehen und nicht der Mensch im Dienst der Wirtschaft.»


Authentizität ist die Basis
Andreas Schärer hat seine Firma Schärer AG verkauft. Sie wird nun von Shady Ashong und Simon Schleuniger unter dem Namen «visàvis» weitergeführt. 2019 bis 2020 absolvierte er in Deutschland einen Studienlehrgang bei Ha Vinh Tho zum «Gross National Happiness Practitioner». Im Juni 2020 gründete er seine Firma «Glückskonzepte» mit Domizil im Oederlin-Areal und möchte künftig Privatpersonen, Organisationen und Firmen bei ihrer eigenen «Glücksfindung» beratend zur Seite stehen. Wie sieht das in der Praxis aus? «Basis ist, dass jeder Mensch wieder lernt, authentisch und ehrlich zu sein und nicht etwas vorzuspielen. Das ist im heutigen Geschäftsleben leider gang und gäbe. Aber wenn man sich ständig selber verbiegt, verliert man sich selber.» Zehn bis fünfzehn Minuten am Tag zu meditieren und sich auf sein wahres Ich zu fokussieren, sei elementar. «Die Stille ist ein guter Weg, um zu sich selber zu finden.» Im Westen würde zudem zu viel Gewicht auf die Wirkung nach aussen gesetzt. Bei all den Ego-Spielen sei der Bezug zu sich selber, zur Natur, zu den Mitmenschen und schliesslich auch zum Lebenssinn grösstenteils verloren gegangen. «Die meisten Unternehmen sind auf ihren finanziellen Erfolg fokussiert. Ich möchte die Philosophie des Bruttonationalglücks als ganzheitliches Entwicklungsmodell in Firmen etablieren und so Glück und Wohlbefinden aller Menschen, die dort arbeiten, nachhaltig fördern.»

Mit ersten CEOs ist Schärer schon in Kontakt. Sie sind interessiert, weil sie merken, dass sie mit ihren bisherigen Konzepten nicht mehr weiterkommen. «Natürlich muss ein Geschäft wirtschaftlich rentieren. Aber nicht um jeden Preis – immer mehr Leute sind ausgebrannt, haben Depressionen. So kann es nicht weitergehen.» Schärer ist kein weltfremder Esoteriker, sondern war jahrelang selber Unternehmer. «Ich weiss, was es heisst, erfolgreich zu sein. Und wie es ist, wenn die Geschäfte harzig laufen. Aber ich bin überzeugt, dass ein Paradigmenwechsel zum zutiefst menschlichen bhutanesischen Glücksprinzip langfristig reüssieren wird. Es wäre schön, wenn gerade die Schweiz Vorreiterin für diesen Umschwung vom Kapitalismus zur Menschlichkeit wäre.»

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