«Mein Respekt vor Politikern ist gewachsen»

Nach dem Abschied von «Giacobbo/Müller» gönnte sich Mike Müller eine Auszeit in der Wüste und schrieb eine Komödie. «Heute Gemeindeversammlung» ist ein Solo-Stück der Extraklasse.

Mike Müller in seinen Solostück «Heute Gemeindeversammlung»
Mike Müller in seinen Solostück «Heute Gemeindeversammlung» (Bild: zVg)

von
Reinhold Hönle

29. April 2018
09:00

Auftritte im Aargau

Mit seinem Solo-Stück «Heute Gemeindeversammlung» tritt Mike Müller im Aargau an folgenden Daten auf:

  • 2. Mai in Schöftland
  • 21. und 23. Mai in Frick
  • 5. bis 7. Juni in Aarau
  • 8. und 9. Juni in Hottwil (Turnhalle)
  • 21. September in Wohlen

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Mike Müller, finden Sie Dorfpolitik momentan spannender als die nationale Auseinandersetzung?

Schwer zu sagen. Nach neun Jahren satirischen Umgangs mit eidgenössischer Innenpolitik und drei Recherche-Stücken hatte ich vor allem Lust, etwas Fiktionales zu machen und die politische Ebene zu wechseln. Das ist im Theater möglich, weil man eine Behauptung aufstellen kann. Ich spiele nicht die Gemeindeversammlung eines realen Orts, sondern lasse meine Komödie in einem erfundenen Dorf handeln.

 

Was reizt Sie daran?

In der Schweiz wird die politische Diskussion durch die grossen Pol-Parteien SVP und SP dominiert, die manchmal viel Wind um nichts machen, bluffen und Aggressionen oder Ängste schüren. Bei einer Gemeindeversammlung geht es zwar oft auch emotional zu und her – es ist ja quasi eine «Arena», aber man kommt nicht nur zusammen, um zu plagieren und zu diskutieren, sondern mehr, um Sachentscheide zu fällen. Dann verwischen die Parteigrenzen. Die Geschichten, die darum herum passieren, sind für mein Stück ein super Teppich.

 

Wie viele Gemeindeversammlungen haben Sie in Ihrem Leben schon besucht?

Nur eine Einzige. Mit 20. Die hat sehr lange gedauert, es hat einen Riesenstreit gegeben und am Schluss hat der Gemeindepräsident sein Amt niedergelegt …

 

Haben Sie sich damals auch zu Wort gemeldet?

Nein, wir waren gerade neu zugezogen. Ich habe nur gestaunt, was da ablief. Meine Eltern dachten, eine Gemeindeversammlung wäre viel besser als jeder staatspolitische Unterricht. Sie sind dann selbst erschrocken, wie das dort zuging. 

 

Und Sie haben sich nachher nicht mehr hingetraut?

Das war nicht der Grund. Ich bin kurz darauf wegen meins Studiums weggezogen und habe mich auch andernorts – wie viele in diesem Alter – nicht brennend für Gemeindeversammlungen interessiert. Aus mir wird eh nie ein Politiker.

 

Und wenn Sie die Wahl zwischen Bundes- und Gemeinderat hätten?

Bundesrat wäre auf den ersten Blick attraktiv. Aber ich kann das nicht. Ich kann auch nicht so viel arbeiten wie ein Bundesrat. Durch meine vielen Begegnungen mit Politikern in unserer Sonntagabend-Sendung ist mein Respekt vor ihnen gewachsen. Viele machen das wirklich aus Engagement für die Sache, nicht wegen Geld und Ruhm. Und sie gibt es quer durch alle Parteien. 

 

Sie gehören keiner Partei an?

Ich denke, ein Komiker oder Satiriker, der nur motzen kann und keine Lösungen vorschlagen, Leute überzeugen, Grundlagen schaffen, sich durchsetzen und Kompromisse eingehen muss, sollte nicht politisch tätig sein.

 

Wie kommt es, dass Sie «Heute Gemeindeversammlung» in der Mohave Wüste geschrieben haben?

Ehrlich gesagt: Ich hätte das Stück auch in Niederbipp oder Altstetten schreiben können, aber ich habe eine Schweizer Freundin, die in der unheimlich beeindruckenden Landschaft des Joshua-Tree-Nationalparks, unweit vom Studio, wo U2 ihr Album aufgenommen haben, ein Guesthouse hat. Nach dem Ende von «Giacobbo/Müller» schaffte ich es endlich, dort eine dreimonatige Auszeit zu nehmen. Ich habe sie genutzt, um an dieser Komödie zu arbeiten. Und zwar ziemlich diszipliniert. Ohne Druck geht bei mir gar nichts! 

 

Weshalb bevorzugen Sie Solo-Stücke?

Natürlich wären viele Szenen einfacher zu spielen, wenn wir mehrere Schauspieler wären. Das Besondere am Theater ist jedoch, dass man einfach behaupten kann, dass man mehrere Personen ist. Das geht im Film oder Fernsehen nicht. Ich ziehe mich in diesem Stück nicht einmal um, wenn ich eine Frau spiele.

 

Wie wichtig sind Ihnen Ihre verschiedenen Karriere-Standbeine?

Die wirklich freie Szene sind Komiker und Komikerinnen. Die bekommen von niemandem Geld, wollen es auch nicht und können dafür alles selbst bestimmen. Das geht bei Filmprojekten nicht, wo unter 2 Millionen fast nichts möglich ist. Selbst eine «Bestatter»-Folge mit nur elf Drehtagen kostet 700'000 Franken, weil viele verschiedene Leute involviert sind. 

 

Wie hat die Rolle des Bestatters Mike Müller verändert?

Ich hoffe, dass ich eine bestimmte Distanz zu meinen Figuren wahren kann und Luc Conrad deshalb nicht auf mich abgefärbt hat. Aber es steckt schon viel von mir in dieser Figur. Wenn ich während der Dreharbeiten vom «Bestatter» träume, bin ich jedoch nicht in der Geschichte, sondern auf dem Set. Zum Beispiel habe ich immer Angst, dass der Leichenwagen kaputt geht. Das wäre eine Katastrophe! 

 

Besitzt die Produktion kein Ersatzfahrzeug?

In Deutschland hätte man natürlich eines und in Frankreich zwei. Ausserdem würde man das Auto mit dem Tieflader transportieren und die Strassen für den Dreh absperren …

 

Apropos Gemeinde-Identität: Fühlen Sie sich eigentlich als Oltner oder als Wahl-Zürcher?

Da wir in die Region Olten gezogen sind, als ich ein Kind war, und mich lange dort aufgehalten sowie viele Freunde und mein Theaterstudio habe, bezeichne ich mich als Oltner. Obwohl ich bei geborenen Oltnern nicht als solcher gelte. Inzwischen bin ich überzeugter Zürcher. Ich habe sogar eine noch grössere Zürischnurre. 

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