«Meine Fernbedienung spukt»

Der Badener Theologe und Dozent für Ethik und Nachhaltigkeit Thomas Gröbly lässt sich von seiner Krankheit nicht ausbremsen.

Thomas Gröbly im Hotel Blume mit dem Manuskript zu seinem neuen Gedichtband (Bild: ub)

von
Ursula Burgherr

26. Februar 2020
10:00

Das unternehmungslustige Funkeln in seinen Augen hat Thomas Gröbly nicht verloren. Obwohl er sich mittlerweile wegen seiner sogenannt unheilbaren Nervenkrankheit ALS (Amyotrophe Lateralsklerose) an Stöcken fortbewegen muss. Im Hotel Blume hat er zum Gespräch das Manuskript seines neuen Gedichtbandes «Dazwischen» ausgebreitet. Nach «Inmitten» veröffentlicht er nun sein zweites Werk mit berührender Poesie und feiert damit am 1. März Vernissage im ThiK Theater im Kornhaus in Baden. 

 

Vom Mysterium des Menschseins

Die Gedichte mit einer Prise Sarkasmus hier und da, kommen tiefgründig und doch leichtfüssig daher. So widmet sich der 61-Jährige dem Mysterium des Menschseins, der ewigen Sinnsuche im Leben und der unausweichlichen Auseinandersetzung mit dem Sterben. Angesichts seiner eigenen Krankheit ist der Tod nahe gerückt. Aus der Lebensbahn werfen lässt sich Gröbly trotzdem nicht. «Ich leide an Dackellähme/ Schleppe nach die Hinterbeine/ Meine Krallen dünn/ Mein Rumpf lang/ Die Ohren wackeln/ Dackel haben es schwer», beschreibt er auf ureigene spielerische Art die zunehmende Immobilität. Oder: «Meine Fernbedienung spukt/ Drücke ich Gehen/ Bleibe ich stehen/ Drücke ich Halten/ Lass ich’s fallen/ Drück ich Stehen/ Klapp ich zusammen/ Wo ist die Nahbedienung». Denn: Gröblys Hirn funktioniert 100 %. Aber die Befehle, die es an den Körper abgibt, sind verlangsamt. Zunehmende motorische Defekte sind die Folge von ALS. 

 

Alles Wichtige ist nicht fassbar

Thomas Gröbly ist studierter Theologe und bezeichnet sich als Agnostiker. Die kirchlichen Dogmen haben ihn nie interessiert. Wohl aber der Glaube an eine naturwissenschaftlich nicht beschreibbare transzendente Macht und ein tiefer Bezug zur Natur, in der der Mensch keine übergeordnete Funktion einnimmt. Den Titel «Dazwischen» hat er für sein 90 Gedichte umfassendes Oeuvre sehr bewusst gewählt: «Alles, worauf es im Leben ankommt, ist materiell nicht fassbar und liegt eben irgendwo ‹dazwischen›. Wie die Liebe. Aber nur sie macht den Menschen echt und vollständig.» 

Sein Gedicht dazu: «Die Leere/ Lässt bei der Zündkerze/ Den Funken springen/ Die Hohlräume/ In der Isolation/ Garantieren Wärme/ Die Luftblasen/ Im Prosecco/ Prickeln im Gaumen/ Der Zwischenraum/ Macht/ Den Gartenzaun/ Nur kein Muss/ Führt zum Kuss/ Ohne Nichts/ Zündet nichts». 

 

Sich nicht zu ernst nehmen

Als Theologe hat Gröbly sich in den vergangenen Jahren auf Abschiedsfeiern für konfessionsfreie Menschen spezialisiert. In der Region machte er sich jedoch als Dozent für Ethik und Nachhaltigkeit an der FHNW einen Namen. In dieser Funktion setzte er sich beispielsweise aktiv für die Sicherung der Welternährung ein. Denn rein rechnerisch werden genug Lebensmittel erzeugt, um alle Menschen auf diesem Planeten zu ernähren. Jahrelang organisierte Gröbly in der FHNW Nordwestschweiz in Brugg Welternährungskongresse, um ins Bewusstsein zu bringen: Es hat genug für alle. Nur die politische Steuerung und Verteilung stimmen nicht. «Auch die Schweiz ist ein aktiver Player in diesem ungerechten Spiel und muss sich Gedanken machen über Lebensmittelspekulationen, Freihandelsabkommen, Nestlé, Geldanlagen der Pensionskassen usw.» Hatte er je das Gefühl, mit seinen Aktivitäten etwas bewirken zu können? «Im Kleinen ja. Unsere Tagungen halfen der gegenseitigen Ermutigung und Vernetzung. Die Medien waren präsent. Mir ging es schon um Wirkung, aber ich liess mich nie davon leiten, denn sie ist nicht messbar.» 

Seit seiner Diagnose ALS, die er im Frühling 2016 bekam, musste der Familienvater einer Tochter (Silla hat das Cover seines Gedichtbands gestaltet) mit allen Aktivitäten runterfahren. «Mir fehlt die Lebensenergie», sagt er und versucht dabei, pragmatisch zu klingen. Denn hadern will er mit seinem Schicksal nicht. Die grosse Unterstützung und Liebe seiner Frau und anderer Menschen in seinem Umfeld ist wohltuend und hilfreich. Trotzdem ist es nicht immer einfach, bekundet er. Während Leute, die weit älter sind, noch grosse Reisepläne machen, schaffe er heute als Anfangssechziger mit viel Mühe noch knapp einen Kilometer zu Fuss. «Die Welt wird immer kleiner.» Sein Lebensmotto: «Wichtig ist, dass man sich freut an dem was noch möglich ist und nicht das Unmögliche betrauert. Aber auch, dass man sich selber nicht zu ernst nimmt. Es geht alles vorbei. Auch der Tod ist nicht so tragisch. Viele vor mir sind gestorben und haben es auch geschafft.» 

Gröbly bezeichnet sich mit seiner Krankheit als «Glücksfall». «Ich habe aufgrund homöopathischer Behandlung einen langsamen Verlauf und sogar leichte Verbesserungen. Vor anderthalb Jahren stand mir der Rollstuhl bevor. Heute kann ich dank der alternativen Medizin immerhin noch an Stöcken gehen.» Vorteile sieht er in der auferzwungenen Langsamkeit auch: «Kürzlich habe ich im Garten in Baden eine der seltenen Schwanzmeisen beobachtet. Ihr Anblick war wunderschön und hat mich tief berührt.» Übers Menschsein schreibt Thomas Gröbly in seinem Gedichtband: «Ich bin viele/ Ein Gaukler und Langweiler/ Ein Schönfärber und Verdränger/ Ein Geniesser und Spiesser/ Ein Schwindler und Krummbieger/ Ein Fürsorgehungriger und Liebensdurstiger/ Ein Egoist und Trotzist/ Ein Sehnsüchtler und Spieler/ Ein Mörder und Mitläufer/ Ich bin ein/ Versuchstier».

Am Sonntag, 1. März, 17 Uhr, ThiK Theater im Kornhaus in Baden, liest Thomas Gröbly mit der Trommelpoesie von Schlagzeuger Tony Renold untermalt, Gedichte aus «Dazwischen». Am Freitag, 29. Mai, 19.15 Uhr, tritt das Duo im Kulturhaus Odeon in Brugg auf.

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