«Meine innere Uhr ist gut synchronisiert»

Am kommenden Wochenende stellen wir die Uhren um auf Winterzeit. Lichtplaner Roland Bodenmann erklärt, warum ihn auch das Dunkel fasziniert.

«Die natürliche Dunkelheit ist ein spezielles Biotop»: Roland Bodenmann. (zVg)

21. Oktober 2020
19:05

Roland Bodenmann, 61

hat das Handwerk des Elektroplaners erlernt und sich als Lichtplaner SLG weitergebildet. Er ist Miteigentümer eines grösseren Deutschschweizer Elektroengineering-Unternehmens und führt seit 2020 sein eigenes Beratungsunternehmen für nachhaltige Aussenbeleuchtung. Bodenmann ist Mitglied der Schweizer Licht Gesellschaft (SLG) und präsidiert die Fachgruppe 1 Innenbeleuchtung. Der Vizeammann von Lupfig ist Vorstandsmitglied des Vereins Dark-Sky Switzerland, der sich für umweltschonende Beleuchtung und den Schutz der Nacht einsetzt.

Roland Bodenmann, was mögen Sie lieber: den Tag oder die Nacht?

Ich bin ein Frühaufsteher, ich mag den frühen Morgen mit dem ersten Sonnenlicht.


Beruflich bringen Sie als Lichtplaner wortwörtlich Licht ins Dunkel, als Vorstandsmitglied von Dark-Sky plädieren Sie für mehr Nacht: Ist das nicht ein Widerspruch?

Ich plane funktionales, möglichst naturverträgliches Licht für das «Tagtier» Mensch. Das ist ein gesellschaftlich breit abgestütztes Bedürfnis und auch nicht verboten. Das bedeutet aber nicht, dass die Nöte der nachtaktiven Fauna deshalb einfach ignoriert werden dürfen. Gerade als Lichtplaner und Sachverständiger ist es für mich professionelle Pflicht, auch das Biotop der natürlichen Dunkelheit zu respektieren und, wo immer möglich, zu schützen. Wer bitte soll das tun, wenn nicht die Licht Planenden.


Am kommenden Wochenende beginnt die Winterzeit. Gelingt Ihnen persönlich diese Umstellung immer leicht, oder kommen Sie aus dem Rhythmus?

Da hab ich keine Probleme. Ich bewege mich oft draussen, deshalb ist meine innere Uhr gut synchronisiert.


Was halten Sie, auch mit einem Blick auf das Tierreich, insgesamt von der Zeitumstellung: Macht sie Sinn, oder plädieren Sie für deren Abschaffung, wie sie derzeit ja auch auf politischer Ebene diskutiert wird?

Eine gute Frage! Aus Sicht der nachtaktiven Fauna ist das natürlich gehupft wie gesprungen. Die Tiere müssen ja keine Uhren verstellen. In der Schweiz gilt die SIA-Norm 491, die für nicht funktionale Beleuchtung wie zum Beispiel Werbung oder Zierbeleuchtung die Abschaltung zwischen 22 und 6 Uhr empfiehlt. Analog der akustischen Nachtruhe ist das sozusagen eine visuelle Nachtruhezeit. Nun sorgt die Sommerzeit dafür, dass die Dämmerung sozusagen eine Stunde später eintritt. Wird jetzt alles unnütze Licht um 22 Uhr abgeschaltet, reduziert das im Frühling und Frühsommer die Lichtemissionen in der wichtigen Dämmerungsphase. Das ist sozusagen die Rushhour in der Aktivitätsphase vieler Wildtiere. Meiner Meinung nach soll man die Sommerzeit also unbedingt beibehalten!


Bald beginnt wieder die Zeit der Weihnachtsbeleuchtungen, nicht nur in den Städten und Dörfern, sondern auch in den Privatgärten. Ist Ihnen dieses Lichtspiel, das mancherorts eindrückliche Ausmasse annimmt, ein Dorn im Auge, oder freuen Sie sich drauf?

Hier möchte ich unbedingt eine differenzierte Sicht empfehlen. Traditionelle Weihnachtbeleuchtung ist ein fester Bestandteil unserer Kultur des Lichts. Besinnliche Weihnachtsbeleuchtung können wir nachhaltig gestalten. Das Bundesgericht hat sich auch schon dazu geäussert und festgelegt, dass Weihnachtsbeleuchtungen zwischen dem 1. Advent und dem Dreikönigstag nur zwischen 1 und 6 Uhr abzuschalten seien. Im selben Urteil wurde aber auch festgehalten, dass übermässige Zierbeleuchtung keiner Tradition folgt und keine Weihnachtsbeleuchtung im traditionellen Sinne darstellt. Tatsächlich ist im Handel viel visueller Sondermüll für wenig Geld zu haben, und das Wettrüsten im Lichtermeer führt zu immer abartigeren Auswüchsen.
 
Was halten Sie denn von Beleuchtungen bei Hauseingängen und in Gärten, die mit einem Sensor ausgestattet sind und sich automatisch ein- und ausschalten?

Das ist die zweitbeste Lösung. Besser wäre, wir würden die Beleuchtung manuell einschalten, und sie würde sich nach einer einstellbaren Zeit automatisch abschalten.


Was können Gemeinden besser machen, um das Licht wieder umweltverträglicher einzusetzen?

Erstens muss bei Baubewilligungen die SIA 491 als Regel der Baukunde konsequent eingefordert werden. Zweitens muss die öffentliche Beleuchtung angemessen geplant und interaktiv betrieben werden: so viel wie nötig, so wenig wie möglich, und nur, wenn ein Nutzen gegeben ist. Drittens können Industrie und Gewerbe aufgefordert werden, ihre Reklamebeleuchtung und Aussenbeleuchtungen von 22 bis 6 Uhr auszuschalten – was die beiden orangen Grossverteiler heute schon tun. Letztlich aber sind wir die Gemeinde, wir alle haben den Lichtschalter sozusagen in der Hand.


Und was können Privatpersonen dazu beitragen?

Vor der eigenen Türe wischen und mit gutem Beispiel vorangehen.


Generell befinden wir uns aktuell in der «dunkleren Jahreszeit», die manchen Menschen, gerade ängstlichen und depressiven, auch zu schaffen macht. Welche Tipps haben Sie, die dem Dunkel etwas den Schrecken nehmen?

Es gibt die Diagnose der saisonalen Depression durch zu wenig Licht. Hier hilft es, vor allem am Morgen nach draussen zu gehen und eine «Lichtdusche» zu nehmen. Bei schwerwiegenden Fällen kann auch eine spezielle Lichttherapie helfen. Aber das muss natürlich medizinisch abgeklärt werden.


An Weihnachten feiert man die «heilige Nacht». Diese ist wohl auch eine Vision des Vereins Dark-Sky, bei dem Sie sich engagieren. Was bedeutet Ihnen persönlich dieser mystische, spirituelle Aspekt der Nacht?

Die natürliche Dunkelheit ist ein Lebensraum, ein spezielles Biotop. Für mehr als die Hälfte aller globalen Arten ist sie der natürliche Lebensraum. Dieses Biotop zu respektieren und wo immer möglich vor vermeidbarer Störung zu schützen, ist – um die Brücke zu Weihnachten zu schlagen – christliche Pflicht.


Und was bedeutet Ihnen der Blick in die Sterne?

Ich weiss, dass sie da sind. Auch wenn ich sie leider kaum noch sehe. Aber das liegt auch daran, dass ich als Morgenmensch früh schlafen gehe …


Wie viel Licht muss sein? Kurs von
Roland Bodenmann an der Volkshochschule Brugg
Mittwoch, 28. Oktober, 19.30 Uhr
zB. Zentrum Bildung Brugg, Industriestrasse 19, Brugg ( Windischer Seite)


Exkursion «Lichtverschmutzung» mit Roland Bodenmann, organisiert von Birdlife Aargau
13. November, 19 Uhr
Bahnhof Brugg, Ausgang Fachhochschule

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