Nach der Leere kommt die Erinnerung

Daniele und Ben Lupini machten während des Lockdowns eine spezielle Tour de Suisse. Mit ihren Bildern schufen sie ein Zeitdokument.

Wettingen: Daniele Lupini präsentiert sein Lockdown-Werk: «Plötzlich dieses Leere». (Bilder: zVg | Daniele Lupini)

09. Juni 2021
14:05

Der 16. März 2020 ist einer dieser Tage, die sich tief in das nationale Gedächtnis verankert haben. Der Bundesrat rief an diesem Tag die «ausserordentliche Lage» aus. Die Läden und Grenzen mussten schliessen, an den Grenzen wurden für Ausnahmen wieder Kontrollen eingeführt und 8000 Soldaten erhielten den Marschbefehl.

1,5 Millionen Zuschauer verfolgten am Abend die «Tagesschau». Daniele Lupini war einer davon. Der Lockdown habe ihn nicht überrascht, sagt er heute. Die Worte des Bundesrats, «Bleiben Sie zu Hause», haben sich aber tief in sein Bewusstsein eingegraben. «Als die ‹Tagesschau› fertig war, da wusste ich: Ich muss die Schweiz fotografisch festhalten. Und zwar auf Hochdruck und zeitlos in Schwarz-Weiss.»

Der gebürtige Engadiner Berufsfotograf sitzt in seiner Agentur und Fotografieschule für hochwertige Leistungsfotografie in Wettingen. Vor ihm liegt das neu erschienene Buch «Plötzlich diese Leere». Vierundzwanzig Autoren steuerten ihre Gedankentexte zu seinen Bildern bei. Darunter der früherer BAG-Direktor Daniel Koch und der Abenteurer und Philosoph Bertrand Piccard. Sie alle beantworteten die Frage «Welchen Sinn kann uns die unerwartete Leere geben – und ist diese Frage angebracht?»

  • Corona-Impression von der Badener Rathausgasse.
  • Fast keine Menschen in der Weiten Gasse....
  • ...und fast keine Fahrzeuge in Richtung Hochbrücke


Enten watscheln auf der Piazza


Das Resultat ist durchwachsen. Manche Antworten fielen eher banal aus. Von den Bildern lässt sich das nicht sagen. Sie halten die Schockstarre fest, die vor einem Jahr die Schweiz umklammerte. Auf den ersten Blick sieht man leere Marktplätze, Strassen, Bahnhöfe. Erst beim längeren Betrachten offenbaren sich Details. In der Nähe des Berner Bundesplatzes steht ein Polizeiauto, vor dem Basler Rathaus warten auf den drei Bänken je eine Person aufs Tram, und in Ascona watscheln vier Stockenten über die Piazza.

Wer solche Fotos schiesst, muss ein guter Beobachter sein. Lupini hakt ein: «Ich mag den Ausdruck ‹Fotos› nicht. Ich bevorzuge ‹Bilder›.» Aber das mit dem guten Auge oder dem wachen Geist, das stimme schon. «Wer sehen kann, kann auch fotografieren», zitiert er einen alten Leica-Werbespruch, «sehen lernen kann allerdings ein Leben lang dauern.»

Leica ist ein gutes Stichwort. Sämtliche Bilder komponierten er und sein Sohn mit ihren kleinen, handlichen Leicas M. Ohne Stativ, diskret, demütig, unauffällig. Lupini schwärmt von der kompromisslosen Qualität. «Da, schauen Sie, sogar die Vorhänge bei dem Haus da hinten sind erkennbar.»

Alleine wollte er die Schweiz nicht bereisen. Ohne Sohn Ben wäre er um drei Uhr morgens nicht ausgerückt. Als er dem 26-Jährigen von seinem Plan erzählte, von Genf bis St. Moritz und von Schaffhausen bis Como zu fahren, sagte dieser nur: «Ja, machen wir.» Es folgten 4500 Kilometer und 4000 Bilder. In sechs Wochen.


Düstere Gedanken

Die Arbeit zehrte an seiner Moral und seinen Kräften. Wenn er auf der leeren Autobahn fuhr, wirkte die Szenerie «wie nach einem Atomangriff». Manchmal packte es ihn kalt am Nacken. Genf zum Beispiel schien wie ausgestorben: «Kein Mensch war draussen, sogar die öffentlichen Toiletten waren mit Absperrband zugeklebt.» Auf dem Nachhauseweg beschlichen ihn düstere Gedanken. Der sonst so muntere Lupini fuhr von den Schauplätzen nachdenklich zurück.

Was hat ihm geholfen, diese schwierige Zeit auszuhalten? «Der Zusammenhalt mit meinem Sohn Ben und die Musik.» Ein Stück begleitete ihn geistig während des Lockdowns: Die Nocturne in cis-Moll aus dem Jahr 1830 von F. Chopin. Als leidenschaftlicher Pianist trainierte er dies kurzerhand im Jahr der Buchentstehung ein, eine emotionale «Tankstelle für den Geist und die Gesundheit». Vor ein paar Monaten konnte er das Stück auf einem Bösendorfer Imperialflügel im Kloster professionell aufnehmen. Seine Live-Interpretation ist nun als spezieller Soundtrack zum Leerbuch auf allen Musikplattformen präsent.

Mit Daniele Lupini verhält es sich ähnlich wie mit seinen Bildern. Man muss zweimal hinschauen. Zuerst sitzt man vor einem erfahrenen Mann, der nicht uneitel ist und über einen guten Redefluss verfügt. Er schwärmt von seiner Marke Leistungsfotografie, seinen Bildografieschülern und Visionen. Dann stoppt er und hört zu, wägt ab, zeigt sich selbstkritisch.


Ein Buch des Lockdowns

Die Bilder, die in «Plötzlich diese Leere» vorkommen, sind bedeutende, nationale  Kompositionen, unbestritten. Die grösste Leistung aber ist, dass das Buch heute vor ihm liegt. Am ersten Tag des Lockdowns ein neues und hochwertiges Buch in Angriff zu nehmen, das kam in der Schweiz nicht häufig vor.

Mit dem Herausgeber Adrian Krüsi, der verantwortlichen Redaktorin Gilgi Guggenheim und dem Gestalter Marcus Gossolt sind weitere Personen für das Buch verantwortlich, die ebenfalls eine klare Meinung hatten. Das Meisterstück war aber die Überzeugungsarbeit, 24 Personen, ökonomische Ermöglicher, für das Vorhaben zu gewinnen. Ihnen gebührt ein besonderer Dank für ihr Vertrauen in das «Buchmacherteam». «Ohne sie kein Buch», so Lupini wörtlich mit Demut und ehrlicher Wertschätzung.

In der Region Baden-Wettingen fand er fünf Firmen mit Menschen aus ganz verschiedenen Branchen: das Autocenter Baschnagel, Wettingen, die Diebold & Zgraggen AG, Fislisbach, den Kaminfegermeister Roland Frei aus Würenlos, Doris Sommer mit ihrer 3S Holding AG in Remigen und die Bäckerei Spitzbueb AG, Baden/Wettingen. Fünf von 24 Firmen, die nicht als klassische Mäzene gelten, die aber an dieses Zeitdokument glaubten. Und der sechste Ermöglicher der Region war Daniele Lupini selbst, der sich ebenfalls finanziell am Buchprojekt beteiligte und zudem auch 2020 in eine grosse Vorleistung ging.

Das Buch kann bei der Buchhandlung Librium AG in Baden oder anderen Buchhandlungen der Schweiz bestellt werden. Die Vernissage findet am 12. Juni in St. Gallen statt. Weitere Informationen gibts online unter
leerbuch.com.

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