«Nachts träume ich von Villnachern»

Seit 18 Jahren lebt Marcel Frei, der ehemalige Briefträger von Villnachern, in Thailand. Sein Herz schlägt immer noch für Villnachern.

Marcel Frei alias «Post-Mäse» (rechts) mit Frau Somya und Bruder Markus (Bild: zVg | Hans-Ueli Bolzli)

von
Erik Schwickardi

17. Juni 2020
09:00

«Jo verreckte Chaib! Das esch etz scho schön, dass ehr mer alüüted», freut sich Marcel Frei (62), als ihn diese Zeitung am Telefon im fernen Thailand erreicht. Vor 18 Jahren ist «Post-Mäse», der allseits beliebte und nie um einen Spruch verlegene Ex-Briefträger von Villnachern, nach Thailand ausgewandert. Aufgrund von Herzproblemen hatte ihm sein Arzt ein Leben an einem warmen Ort empfohlen. «Wäre ich in der Schweiz geblieben, würde ich heute wohl nicht mehr leben.» Für besonderes Aufsehen hatte gesorgt, dass Marcel Frei nicht einfach nur mit seiner thailändischen Frau Somya die Koffer Richtung Asien packte: Auch Müetti Rosa und seine zwei Brüder entschlossen sich auszuwandern und alle Zelte in der Heimat abzubrechen. Rosa Frei war erst einmal im Leben geflogen (von Zürich nach Genf), und Marcel Frei war gar nicht begeistert: «Das geht doch nicht, Müetti! In Thailand gibt es keine Ländlermusig, und auch deine Jass-Kolleginnen werden dir fehlen!» Doch Mutter Rosa liess nicht locker, sodass sie von «Post-Mäse» für drei Wochen in die «Schnupper-Pension» nach Thailand geschickt wurde. «Als sie zurückkehrte, war sie so begeistert, dass wir beschlossen, alle gemeinsam auszuwandern.»

 

Leben am Golf von Thailand

So kam es, dass die Freis ihr Haus in Holderbank verkauften und im Herbst 2003 nach Thailand auswanderten. Im Städtchen Bang Saphan Yai am Golf von Thailand bauten die Freis vier Bungalows und verlebten glückliche Jahre. 2011 verstarb Mutter Rosa mit 80 Jahren an einem Herzstillstand. «Müetti war nach Thai-Sitte sieben Tage lang auf dem Parkplatz vor dem Haus in einem gekühlten Sarg aufgebahrt – mehr als 1000 Leute Namen Abschied von ihr.» 

Ein Jahr später verstarb auch Bruder Thomas (damals 53). In die Schweiz zurückgekehrt ist Marcel Frei nie mehr. «Markus (53), mein behinderter Bruder, würde sonst wohl meinen, ich sei auch tot, wenn ich längere Zeit weg wäre.»

 

Beizli zu wegen Coronavirus

In Bang Saphan Yai betreibt er zusammen mit seiner Frau Somya ein Beizli mit thailändischen und schweizerischen Spezialitäten. «Wegen der Corona-Krise mussten wir das Restaurant schliessen – ohne Alkohol geht fast niemand auswärts essen.» Bis Ende Juni ist der Flughafen von Bangkok für Touristen gesperrt. Auch in Thailand gilt es, zwei Meter Abstand zu halten. Zudem darf in Bars und Res­taurants kein Alkohol ausgeschenkt werden. «Die Thais feiern gern und kommen sich mit ihrer herzlichen Art sehr nah – das will man so verhindern.» 

Von 22 Uhr bis 4 Uhr morgens gilt zudem eine Ausgangssperre. «Viele Thais leben vom Tourismus und werden hart getroffen durch das Virus.» In Bang Saphan Yai hat der örtliche Priester mit einer Zeremonie Buddha um Schutz und Segen gebeten. «Der Staat hat uns sogar 5000 Baht (rund 150 Schweizer Franken) Entschädigung ausbezahlt.»

 

«Ich trage Villnachern in meinem Herzen»

Das Alkoholverbot macht «Post-Mäse» nichts aus: «Am Abend trinke ich ein ‹Chang Beer›, das mit dem Elefanten auf der Etikette. Aber am Tag trinke ich vor allem Wasser und einen thailändischen Kräutertee mit Hibiskus-Blättern. Dä schmöckt guet und esch gsund». 

Ab und zu gibt es ein Raclette unter Palmen mit Schweizer Freunden. Doch die meisten Bekannten der Freis sind Thailänder: «Wir haben uns gut eingelebt. Die Leute laden uns ein zu Geburtstagen oder Beerdigungen. Und wir sie auch. Geht man mit einem Lächeln durch die Welt, so kommt das zurück.» 

Thailand ist für «Post-Mäse» und seine Familie zur neuen Heimat geworden. Auch wenn er seine Aargauer Wurzeln nicht vergessen hat. Ab und zu erhält «Mäse» Besuch aus der Schweiz. Zudem versorgt ihn seine ehemalige Chefin, Liliane Berger, Ex-Posthalterin von Villnachern, alljährlich mit einem Aargauer Kalender.

Über das Dorfleben von Villnachern ist er besser informiert als mancher Villnacherer selbst. «Die Gemeinde stellt mir das ‹gelbe Blättli› jeweils per Mail zu.» So studiert Mäse am Golf von Thailand die aktuellen Baugesuche und Schulnachrichten aus Villnachern. «Zudem lese ich jede Woche den General-Anzeiger im Internet – das ist mein Draht zur alten Heimat.» Der rührige Ex-Pöstler denkt oft an Villnachern: «Ich war 26 Jahre Briefträger im Dorf, kannte jede Türglocke und jeden Bordstein.» Bei den älteren Herrschaften gabs zum Auszahlungstermin der AHV oft auch einen Kafi mit frisch gebackener Chriesiwähe. «Das sind wunderschöne Erinnerungen», schwärmt «Post-Mäse», der hin und wieder nachts sogar von seiner alten Heimat träumt: «Dann fahre ich mit dem gelben Post-Töffli durchs Dorf und sehe die Häuser und Strassen deutlich vor mir – ich fahre durch die untere Halde oder ‹zos Mathysse› auf den Schryberhof.» Es ist «Post-Mäse» eine Herzensangelegenheit, «sein» Villnachern recht herzlich zu grüssen: «Bleibt alle gesund, allen Glück und gute Gesundheit! Und bleibt eine so tolle Gemeinde!»

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Kommentare (1)

  • Markus J. Bischof
    Markus J. Bischof
    am 19.06.2020
    Ich habe Mäse und seine Familie im Februar in Bang Saphan kennen gelernt, wirklich ein toller Typ!! Vor allem wie er zu seinem Bruder Markus schaut!! Hut ab!!

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