«Ohne Hingabe geht es nicht»

Sie will alte Gemüsesorten wieder­beleben: Im Klostergarten Wettingen realisiert Katrin Weixler mit ihrem Team ein interessantes Projekt.

Fördert alte Gemüsesorten: Katrin Weixler, stellvertretende Leiterin der Klostergärtnerei Wettingen. (Bild: cd)

von
Dahl, Caroline

07. Juli 2021
14:54

Hochsaison

In den Sommerwochen porträtieren wir Menschen aus verschiedenen Berufssparten. Ihnen allen ist gemeinsam: Während andere Ferien machen, haben sie Hochsaison.

«Wollen wir weitergehen?» Katrin Weixler führt mich zum nächsten Gemüsebeet. Die stellvertretende Leiterin der Klostergärtnerei Wettingen sprüht vor fröhlicher Tatkraft. Und bekennt zugleich: «Die Anlage lebt vom gesamten Team! Einer allein wäre hier aufgeschmissen.» Mit der Gärtnerei betreibt der Kanton hier in Wettingen einen IP-Landwirtschaftsbetrieb. Das siebenköpfige Team pflegt die sechs Hektaren grosse Anlage sowie den Sportplatz der Kantonsschule. Auf ihre ununterbrochene, 800-jährige Tradition ist die Klostergärtnerei stolz.


Gemeinschaftliches Gärtnern

Berufsgärtnerin und Landschaftsarchitektin Weixler hat unter anderem das Samenzuchtprojekt «Sagezu» nach Wettingen geholt. «Nach vier Jahren kann man die Ergebnisse sehen», erklärt sie. «Wir sind jetzt aber erst im dritten Jahr.» Und um was geht es bei «Sagezu»? «Aus gärtnerischer Sicht um die Erhaltung der Sortenvielfalt von Gemüsepflanzen durch Samengewinnung und Wiederanbau», sagt die Pflanzenliebhaberin. Kulturhistorisch sei dies interessant, weil die Samen traditionell von der Mutter an die Töchter weitergegeben wurden. «In vielen Kulturen ist das heute noch so», erzählt die 41-Jährige.

Das Projekt ist aber auch von sozialem Engagement getragen, denn gemeinschaftliches Gärtnern, vor allem im urbanen Bereich, gewinnt an Bedeutung. «Es gibt einige Länder, in denen man nicht einfach Samen beim Händler bestellen kann», sagt Katrin Weixler. «Zusätzliche Probleme bestehen dort darin, dass einzelne Firmen Saatgutmonopole besitzen und Hybridsaatgut produzieren.» Das schaffe Abhängigkeiten. «Unser Projekt beschäftigt sich auch mit dieser Thematik», so die Gärtnerin.

Und schliesslich interessiert sich Weixler dafür, alte, regionale Gemüsesorten wiederzubeleben, die es im Handel nicht mehr gibt: «Viele alte Sorten sind oft darum in Vergessenheit geraten, weil sie sich nicht bewährt haben, also geschmacklich aus der Mode kamen oder nicht genug Ertrag gaben.» Durch Selektion werden in Wettingen Sorten gezüchtet, die speziell ans Mikroklima der Klosterhalbinsel angepasst sind: Tomaten, Winterkopfsalat, Stangenbohnen und Nüsslisalat.


Eine lange Klostertradition

Das Samenprojekt steht somit auch in der langen Tradition des Klosters. Denn schon die Zisterziensermönche, die das Kloster 1227 gründeten, hatten hier ihren Versuchsgarten angelegt. «Sie waren sehr erfolgreich in Gartenbau und Landwirtschaft und haben viel ausprobiert, Wissen angesammelt und Erfahrungen mit anderen Klöstern ausgetauscht», erzählt Katrin Weixler. «Was sich bewährt hat, haben die umliegenden Höfe angebaut.» Die Mönche seien innovativ und stets auf dem neusten Erkenntnisstand gewesen.» Die Begeisterung darüber, dass dieses Stück Erde seit rund 800 Jahren bewirtschaftet wird, steht der Gärtnerin ins Gesicht geschrieben.

Die gebürtige Münchnerin, die seit fünf Jahren im Klostergarten Wettingen tätig ist, zeigt mir stolz «ihr Viertel» im Gemüsegarten und ist dabei ganz in ihrem Element. Weixler hat unter anderem schwarzen Rettich angebaut, Spargelsalat, eine alte Sorte der Spargelerbse, die gerade leuchtend rot blüht, und Ringelblumen gegen Schnecken und als Bienennahrung. Sie experimentiert mit der trockenresistenten Sorghumhirse, die gleichzeitig als Rankgerüst für die russischen Gurken dient. Strahlend bleibt sie bei der mit Artischocken verwandten Kardy stehen: Dieses Gemüse liebt sie ganz besonders, auch im Kochtopf.

Kichererbsen hingegen hat Katrin Weixler dieses Jahr zum ersten Mal angebaut, zudem Palmkohl und die «gerippte Rote», eine alte Tomatensorte. Um die Tomaten ist Schafwolle auf der Erde ausgebreitet. Sie schützt vor dem Austrocknen und hält sie schön locker. Auch Schweizer Schwarzerde wird auf Anregung von Weixler beim Gemüseanbau der Klostergärtnerei eingesetzt. «Wir probieren, nicht die Pflanzen zu düngen, sondern die Bodenlebewesen zu füttern, weil sie die Nährstoffe für die Pflanzen verfügbar machen», erklärt Weixler.


Feinen Wein einschenken

Ihr neustes Steckenpferd: der Wein. «Die Reben hier sind fünfzehn Jahre alt», sagt sie stolz. Die pilzwiderstandsfähige Sorte heisse «Prior» und brauche viel weniger Pflanzenschutzmittel. «Wir waren die Ersten in der Schweiz, die diese Sorte angebaut haben.» Hört man die gelernte Landschaftsgärtnerin, die der Ausbildung wegen in die Schweiz kam, von ihren Reben reden, wird schnell klar. Diese sind eines ihrer «Herzensprojekte».

Während im Corona-Jahr 2020 vieles stillstand, gründete die angehende Winzerin kurzerhand ihre eigene Weinfirma «Klosterweine Wettingen». Die Reben stehen am Lägernhang. Dieser Wein wird im Klosterlädeli verkauft. «Da ist wirklich Herzblut drin», schwärmt Katrin Weixler. «Es ist alles selbst gemacht, von der Traubenpflege bis zur Etikette!» Für Katrin Weixler steht fest: «Das alles, das ist nicht nur ein Job, es ist Berufung – und ohne Hingabe geht es nicht.»

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