«Philosophie ist nicht schwierig»

Malu Strauss aus Brugg rüttelt gern an Festgefahrenem. Mit «Erlebnisphilosophie» will sie die kopflastige Wissenschaft mitten in den Alltag holen. 

«Das hilft immer»: Hat Malu Strauss schlechte Laune, geht sie spazieren (Bild: aru)

04. Dezember 2019
10:00

Zur Philosophin wurde Malu Strauss durch Mani Matter. Da war diese Passage im Lied «D‘Chueh am Waldrand», die sie als Kind in ihren Bann zog und seither nicht mehr losliess: «D‘Wält isch so perfid, das si sech sälte oder nie, nach Bilder wo mir vore gmacht hei, richtet.» Die Idee, «dass das, was wir sehen, nicht alles ist, was es gibt», gefiel ihr – und prägte sie, ebenso wie ihre Eltern, die sie zum «Selberdenken» ermutigten, und die Geschichte ihrer Grosseltern, die als jüdische Flüchtlinge in die Schweiz kamen. Als Jugendliche verschlang sie das «Tagebuch der Anne Frank» – und war entsetzt. «Wie kann man Menschen so
etwas antun?», empörte sie sich.

 

Die Stimme erheben

Ungerechtigkeit bringt die 45-Jährige noch heute auf die Palme. Ihr «Zivilcourage-Reflex» motiviere sie immer wieder, öffentlich die Stimme zu erheben für «diejenigen, denen niemand zuhört», sagt sie beim Spaziergang durch den Riniker Wald. In der Schulzeit brachte sie sich ein, wenn ein Mitschüler ungerecht behandelt wurde, und als Jugendliche versuchte sie, ihrem Ideal «einer gerechteren Welt» näherzukommen. Im Studium tat sich Malu Strauss mit Kommilitoninnen zusammen, um die traditionellerweise von Männern geprägte Philosophie vom «Machtkampf der Argumentationen» zu befreien – und diesem eine interdisziplinäre, weibliche Stimme entgegenzustellen. 

Als 2010 – sie war damals als Lehrerin für Deutsch und Philosophie an der Alten Kantonsschule Aarau tätig und gerade zum zweiten Mal Mutter geworden – ein Hirntumor bei ihr entdeckt wurde, stellte sich Malu Strauss der «Unvermeidbarkeit des Schicksals». Wie der Protagonist in Albert Camus‘ «Mythos von Sisyphos», einem ihrer Lieblingsbücher, entschied sie sich dafür, die Verantwortung zu übernehmen für ihr Leben, «so, wie es nun mal ist». 

In der Reha sah sie sich mit der «Ungerechtigkeit des medizinischen Systems» konfrontiert. Und weil sie sich trotz ihrer Krankheit «unglaublich privilegiert» fühlte, wurde es ihr ein Anliegen, für andere Betroffene ein offenes Ohr zu haben. «Das Leben mit einer Hirnverletzung ist noch immer ein grosses Tabu in unserer Gesellschaft», weiss sie aus eigener Erfahrung. Und gerade deshalb hat sie sich entschieden, beim Interviewspaziergang auch diesen Teil ihres Lebens preiszugeben.

 

Die Widersprüche leben

Seit über neun Jahren hat die zweifache Mutter kaum einen schmerzfreien Tag mehr erlebt. Der Satz von Epikur «Glück ist die Abwesenheit von Schmerz» ist für sie zur existenziellen Erfahrung geworden. «Schmerzfreie Momente sind kostbar, sie helfen mir  auftanken», sagt Strauss. Ebenso wie die Bewegung draussen in der Natur, bei welcher die leidenschaftliche Ornithologin täglich Kraft schöpft. Ihr Körper gibt den Takt vor in ihrem Leben, nach jeder Anstrengung muss sie, die sich so schnell begeistern kann für eine Sache, eine Pause einlegen. Ganz vorbildlich sei sie dabei allerdings nicht, schmunzelt Malu Strauss. Das Leben sei nun mal ein stetes Pendeln zwischen Intuition und Konsequenz. Mittlerweile lebt sie, die von sich sagt, dass sie etwas entweder richtig tut oder gar nicht, ganz gut mit ihrer inkonsequenten Seite. An den Widersprüchen im Leben ist ihre Toleranz gewachsen. «Durch meine Krankheit ist mir bewusst geworden: Das Leben währt nicht ewig – der Tod lauert», erzählt sie. Die Freiheit, die in dieser Erfahrung liege, sei allerdings zweischneidig. «An der Tatsache, sich in unserer Leistungsgesellschaft nicht mehr über einen wunderbaren Beruf definieren zu können, kaue ich bis heute», gibt Malu Strauss zu. Zugleich sei die Freiheit, sich nicht mehr über die Arbeit definieren zu müssen, auch etwas Tolles. «Ich bin mutiger geworden – und wählerischer», sagt sie. Nach der Diagnose sei in ihrem Leben «glasklar relevant» geworden, wie viel Zeit sie mit ihrer Familie verbringe, welches Buch sie lese, welchen Projekten sie sich widme. «Das hat etwas Beglückendes», weiss sie. Zugleich aber sei da auch das zuweilen erdrückende Gefühl, das Leben unbedingt ausschöpfen zu müssen.

 

Die Philosophie im Alltag suchen

Dieses Hin und Her, dieses Hadern,  Finden und Wiederverwerfen ist für Malu Strauss der «lustvolle Kern» der Philosophie. Um ihn dreht sich auch ihr neues Projekt – ein «Lebenstraum», wie sie sagt. Unter dem Label «warum.space» bietet sie philosophische Exkursionen und Kurse an. «Es geht mir darum, Orte zu schaffen, an denen man sich in einer offenen Form über die wesentlichen Fragen des Lebens austauschen und gemeinsam um Antworten ringen kann», erklärt sie. Dabei stünden keinenfalls abgehobene Gedankenexperimente im Zentrum, sondern «Erlebnisphilosophie», gespeist aus alltäglichen philosophischen Fragen. «Tolle Prinzipien bringen nichts, wenn sie in der Praxis des Alltags nicht funktionieren», ist Malu Strauss überzeugt. Der erste philosophische Stadtrundgang, den sie im Advent anbietet, ist dem Thema «Schenken» gewidmet. Sie hofft, dass sich den Teilnehmern neue Gedankenräume öffnen. «Die Leute sollen sinnliche und sinn-volle Erfahrungen machen», sagt Malu Strauss, «und dabei merken: Philosophie ist überhaupt nicht schwierig.»

Philosophischer Stadtrundgang
Donnerstag, 12. Dezember, 17 Uhr, Brugg, Anmeldung: www.warum.space 

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Kommentare (1)

  • Heureka
    Heureka
    am 04.12.2019
    Beeindruckend, tiefgründig, Hut ab!

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