«Pianisten sind Schwerstarbeiter»

Sie stammen aus Möriken und kehrten über Baltimore und Zürich in den Aargau zurück: der Pianist Oliver Schnyder und die Geigerin Fränzi Frick.

Ein musikalisches Traumpaar: Pianist Oliver Schnyder und Violinistin Fränzi Frick

17. Februar 2021
18:27

Herr Schnyder, wie halten Sie Ihre Hände in Corona-Zeiten fit, wenn Sie keine Konzerte geben können?
Oliver Schnyder: Ich halte sie jeden Tag in Bewegung. Die Finger müssen geschmeidig bleiben. Der sportliche Aspekt wird jedoch vom Publikum eher überschätzt.


Ich könnte mir vorstellen, dass es körperlich herausfordernder ist, Violine zu spielen.
Fränzi Frick: Ja, die unnatürliche Haltung macht es schwieriger, als einfach nur dazusitzen! (lacht) Aber man muss klar sehen: Pianisten sind die Schwerstarbeiter unter den Musikern. Oliver ersetzt ein ganzes Orchester. Wenn wir drei Stunden musizieren, habe ich ein paar Tausend Noten gespielt und er wahrscheinlich Millionen!


Jetzt machen Sie sich klein.
Frick: (lacht)
Schnyder: Wir haben das so abgesprochen … (grinst)
Frick: Bei uns Violinisten liegt die Schwierigkeit des Instruments im Mikrobereich. Da muss feinmechanisch alles stimmen, damit die Intonation sauber ist und schön klingt. Im Alter wird das wegen der Gelenke noch schwieriger.


Sie sind in erster Linie Musikpädagogin. Worauf achten Sie da besonders?
Frick: Neben der Technik ist die Motivation ganz wichtig. Man darf nicht vergessen, dass es «sackhart» ist, ein Instrument zu lernen. Da braucht es eine sehr feinfühlige Begleitung der Kinder, um die Freude daran wachhalten zu können. Die Kompetenzen, welche sie beim Musizieren erwerben, können sie jedoch später überall brauchen.


Corona erschwert den Unterricht. Andererseits erinnert sich vielleicht die eine oder andere Person, dass sie zu Hause noch irgendwo ein Instrument stehen hat. Wächst die Nachfrage?
Frick: Das ist ganz klar so.
Schnyder: Sie ist explodiert!
Frick: Die Reduktion der Möglichkeiten, sich gemeinsam mit anderen zu zerstreuen, hat die Hobbys, denen man allein nachgehen kann, gestärkt. Meine Schüler haben unglaubliche Fortschritte gemacht. Zu den gesunden Folgen der Pandemie gehört, dass viele Menschen das Leben in der Familie und den Wert der Kultur wieder schätzen gelernt haben.
Schnyder: Ich habe es in der kurzen Öffnungsphase zwischen Sommer und Herbst beim Konzertpublikum gespürt. Die Dankbarkeit war – den Feedbacks nach zu schliessen – so gross wie nie. Bei aller Angst vor bleibenden Schäden im Kulturleben macht uns das Mut.


Musizieren Sie wegen Corona nun vermehrt gemeinsam zu Hause?
Frick: Ich versuche es zu vermeiden! (lacht laut)
Schnyder: Wir kennen uns, seit wir Kinder sind. Unsere Mütter haben uns als Zwölfjährige über den Miststock hinweg musikalisch verkuppelt. Musiziert haben wir dann bis zum Ende des Studiums intensiv zusammen und sind oft gemeinsam aufgetreten.
Frick: Der Aufwand, den ich betreiben müsste, um mich heute noch neben einem Mitmusiker wie ihm wohlzufühlen, lässt sich neben meinen anderen Aufgaben nicht bewerkstelligen. Was Oliver macht, ist Hochleistungssport und hat deshalb etwas Ausschliessliches. Bei den Partnern, mit denen er sonst zusammenspielt, entwickle ich schon Hemmungen, wenn ich meine Geige auspacke …
Schnyder: Ich frage Fränzi immer wieder, aber sie will nicht. Wenn wir trotzdem mal zusammen spielen, ist es immer eine schöne Sache. In der Corona-Zeit haben wir es zwar nicht gemacht, aber wir haben oft gemeinsam Musik gehört und uns über sie ausgetauscht. Als ich ein neues Repertoire einübte, das mich sehr beschäftigt hat, musste ich meine Gedanken einfach mit Fränzi teilen.
Frick: Da ich Olivers Pianistenleben schon so lange begleite, weiss ich, wie einsam künstlerische Prozesse sein können. Musik ist eine eifersüchtige Geliebte. Es braucht jemanden wie mich an seiner Seite, der das versteht.
Schnyder: Das tust du! Du bist bei mir überall dabei, ich bei dir. Fränzi ist eine der gesuchtesten Musikpädagoginnen im Lande!
Frick: (flüstert) Quatsch mit Sosse.
Schnyder: Sie unterrichtet Fachdidaktik an der Zürcher Hochschule der Künste sowie privat eine Violinklasse.


Was für Schüler sind das?
Frick: Es sind Normalbegabte und Hochtalentierte. Ich nehme nicht nur die Besten. Das wäre elitär und nicht fair. Dieser Mix ist gut für meine pädagogische Fitness. Mein Spezialgebiet ist das Vorschulalter zwischen drei und sechs Jahren. Viele Eltern kommen hilfesuchend zu mir, denn ihr Kind will unbedingt Musik machen. Es ist kognitiv und manuell schon sehr weit und braucht dringend eine Herausforderung wie das komplexe Handwerk des Geigenspiels.


Was wäre bei Ihnen anders verlaufen, wenn Ihre Frau Ihre Lehrerin gewesen wäre?
Schnyder: Das ist eine sehr interessante Frage, die ich mir noch nie gestellt habe. Ich glaube, es wäre vieles sehr viel schneller gegangen. Die Musiklehrer, die in meiner Kindheit an der Musikschule in Möriken unterrichteten, hatten noch nicht viel Erfahrung mit Hochbegabung. Trotzdem war ich sehr motiviert, denn ich habe meine erste Klavierlehrerin heiss geliebt. Dich hätte ich allerdings auch heiss geliebt! (Gelächter) Aber du hättest mein Talent an meiner Verbohrtheit in die Materie und an dem, was ich autodidaktisch leisten konnte, sofort erkannt.

 

Aber das geschah erst später?
Schnyder: Ja, erst Emmy Heinz Diémand, die mich als Elfjährigen unter ihre Fittiche nahm, fand schnell heraus, dass ich gar nicht richtig Noten lesen konnte. Ich war mir dessen nicht so bewusst, spielte nach Gehör und habe meine Lehrer damit an der Nase herumgeführt. Bei Fränzi wäre ich damit sicher nicht durchgekommen!


Wann ist aus der gemeinsamen Liebe zur Musik die Liebe zueinander geworden?
Schnyder: Wir waren schon mal «Schuelschätzli», ein halbes Jahr, mit dreizehn.
Frick: Dann kamen die Lehr- und Wanderjahre.
Schnyder: Sie hat Schluss gemacht, und das war für mich ganz schlimm. Wir sind aber immer beste Freunde geblieben und haben weiter zusammen Musik gemacht. Mit 21 sind wir wieder ein Paar geworden.
Frick: Wir sind da reingerutscht. Es war auf einmal schlüssig. Wir haben so viel zusammen gemacht. Es war ein sehr kleiner Schritt.


Hatten Sie vorher den Liebeskummer, den Sie mit anderen Partnern hatten, miteinander besprochen?
Frick: Natürlich! Wir haben uns immer beraten und wollten für den anderen nur das Beste.
Schnyder: Wir waren jedoch nie zufrieden mit den Partnern des anderen. (lächelt)


Zurück zur Musik. Was für ein Pianist ist Ihr Mann?
Frick: Er ist ein Künstler, der seine ganz eigene Sprache spricht, den Tiefsinn sucht und nicht das Kapriziöse. Er ist ein Forscher und Tüftler.


Oliver Schnyder, Sie haben gerade wieder ein Album mit Tenor Daniel Behle aufgenommen, der 2020 mit dem höchsten deutschen Musikpreis ausgezeichnet wurde. Wie
 ist es zu Ihrer Zusammenarbeit gekommen?

Schnyder: Fränzi hatte sich bereits mit Carla, Daniels heutiger Frau, angefreundet. Sie brachte ihn zu unserer Hochzeit mit, wo ich ihn auch zum ersten Mal singen hörte. Ich dachte: Das ist ja unglaublich, wie der singt! Ich hatte kaum Erfahrung mit Liedbegleitung, aber ich sagte ihm danach, dass ich es seinetwegen lernen wolle. Daraus entstand vor vierzehn Jahren seine Debüt-CD als Liedsänger. Wir haben dieses Genre zusammen entdeckt und entwickelt. Er ist sehr vielseitig. «Un-erhört», da sind wir uns einig, ist unser bisher gelungenstes Album.


Wodurch zeichnet es sich aus?
Schnyder: Es ist keine Musik, die man im Hintergrund laufen lässt, sie fordert Aufmerksamkeit. Wir waren zwei Tage im Studio, was sehr kurz ist für ein so komplexes Richard-Strauss-Programm, aber wir haben uns inspiriert gefühlt, und so klingt das Resultat. Ich lege das Album sogar hin und wieder zu Hause auf. Und das ist wirklich selten. Meistens stirbt man tausend Tode, wenn man sich selber hört. In unserer Freizeit läuft bei uns auch ganz andere Musik. Drüben (er zeigt vom Esstisch aus ins Wohnzimmer) steht die E-Gitarre unseres 13-jährigen Sohnes. Er ist ein Rocker und Blueser.


Wo haben Sie gelebt, bevor Sie in unsere Region zurückgekehrt sind?
Frick: Wir gehören zur letzten Generation von Europäern, die ihre Studien bei Meistern wie Leon Fleisher abgeschlossen haben, die in vielen Fällen vor den Nationalsozialisten in die USA geflüchtet waren. Wir lebten drei Jahre in Baltimore. Dann wohnten wir in Zürich, nachdem ich ans Konservatorium berufen worden war. Für uns war jedoch immer klar, dass wir später in den Aargau zurück möchten.


Weshalb gerade hierher?
Frick: Wir sind beide im Kloster Wettingen auf die Kantonsschule gegangen und fühlen uns im Limmattal besonders wohl. Vor fünfzehn Jahren sind wir dann auf dieses Haus in Ennetbaden gestossen, in dem wir unsere Instrumente spielen können, ohne unsere Nachbarn zu stören, was für uns natürlich sehr wichtig ist.


Was bedeutet Ihnen die Konzertreihe «Piano District», welche Sie seit 2013 in der ehemaligen Druckerei des Badener Tagblatts veranstalten?
Schnyder: Wir bieten den Leuten die Möglichkeit, führende Pianisten aus aller Welt in einem intimen, loungigen Rahmen und zu einem erschwinglichen Preis zu erleben. Das ist – ähnlich wie bei der «Lenzburgiade» – nur dank unseren guten Beziehungen zu Künstlern und Sponsoren möglich. Beide Veranstaltungen sind sehr niederschwellig angelegt. So kommt das Publikum oft in Alltagskleidung zu den Konzerten.


Was ist sonst noch speziell?
Frick: Im «Piano District» gibt es eine Weinbar, und die Künstler stellen sich nach dem Auftritt im Podiumsgespräch den Fragen des Publikums – wie bei einer Filmpremiere. Und die «Lenzburgiade» ist an Vielseitigkeit kaum zu überbieten. Wir haben 2021 an die 250 Musikerinnen und Musiker, suchen die Verbindung zwischen Klassik und Folk, haben mit Lokal-matador Pepe Lienhard und seiner Band aber auch Swing im Programm.
Schnyder: Die neuste Idee ist, dass wir komplett open air gehen, was wegen Corona besonders sinnvoll ist. Wir haben unsere beiden Bühnen überdachen lassen. So sind die Musiker wettergeschützt. Früher mussten wir schon am Mittag aufgrund der Prognose entscheiden, ob man nach drinnen ausweichen muss. Jetzt können die Konzerte immer im Innenhof des Schlosses oder auf dem Metzg-platz stattfinden. Im Zweifelsfall packt man die Pellerine ein! (Lacht)

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