Porzellan und Pinselstrich

Für Beatrix Hitz und Franco Leemann ist Experimentierfreude ein Leitmotiv. Ihre Ausstellung zeigt, was dabei herauskommt!

Er malt abstrakt, sie töpfert konkret: Beatrix Hitz und Franco Leemann sind ein kongeniales Künstlerpaar. (Bild: cd)

von
Dahl, Caroline

01. Dezember 2021
19:25

Durch einen verwinkelten Garten, der in Stufen angelegt ist, gelangt man zu den Ateliers und zur Wohnung des Künstlerpaars Beatrix Hitz (59) und Franco Leemann (67). Bereits auf der Terrasse und im ganzen Garten verstreut entdeckt man die Kunst der vielseitigen Keramikerin.

Hier, in Rieden, wohnt und arbeitet das kongeniale Paar. Beim Betreten der Wohnung steht man schon fast in Hitz‘ ordentlicher Werkstatt, in deren Mitte sich ein grosszügiger Tisch und an der Wand einer der beiden Brennöfen befindet. Nur wenige Schritte über den Flur, und man gelangt in Leemanns Atelier, in dem sich die Bilder stapeln.


Ein Lebenslauf hin zur Kunst
Franco Leemann aus Uznach SG lernt zunächst Hochbauzeichner im Architekturbüro seines Vaters. Es folgen ein Architekturstudium und eine
Ausbildung bei der Kantonspolizei in St. Gallen. Das Jahr 1979 markiert die Wende: Er findet zur Kunst, die er neben diversen beruflichen Tätigkeiten auszuleben beginnt. Zu jener Zeit kennen sich Hitz und Leemann noch nicht, haben auch noch nie voneinander gehört. Aber auch die in Obersiggenthal geborene Künstlerin ist da schon aktiv. Seit 1985 kann die Autodidaktin ihre Finger nicht mehr vom Töpfern mit Ton und Porzellan lassen.

Leemanns erste Werke sind fili­grane Tuschzeichnungen. Kunstkarten und bemalte Proseccoflaschen bilden seine ersten Auftragsarbeiten. Der Zugang zu Acrylfarben und Ölkreide eröffnet dann auch das Malen auf grösseren Leinwandformaten. Der Maler wie auch seine Frau verwenden Teer, Sand, Heu, Wachs, Seidenpapier, Gips, Rost, Kohle, Holz in ihren Bildern – die Experimentierfreude kennt kaum Grenzen.

Beatrix Hitz machte zunächst eine kaufmännische Lehre und arbeitet heute in einem Reiseunternehmen. Während einer zweijährigen Auszeit von 2006 bis 2007 in Mexiko lernte sie viel über die Aufbereitung des Tons. Sie besucht Kurse, bildet sich stetig weiter und kennt sich mit den verschiedenen Brenntechniken bestens aus, wie beispielsweise mit der japanischen Methode Raku, bei der das noch glühende Objekt in Sägemehl gelegt wird und dadurch eine Oberflächenoptik bekommt, die aussieht wie von feinen Rissen durchzogen. Seit ihrem Kunststudium in Bremen an der International Academy of Arts, bei dem sie sich mit Keramik, Malerei und Fotografie auseinandersetzte, greift auch sie immer wieder zum Pinsel und bringt Themen, die sie bewegen, auf die Leinwand.


«Baden liebt mich»
Zum ersten Mal begegnen sich die Keramikerin und der Maler 2009 auf einer Ausstellung im Stroppel-Areal. «Es war Liebe auf den ersten Blick», ist auf Leemanns Homepage zu lesen. Die Hochzeit findet drei Jahre später am Badener Stadtfest auf der Ruine Stein statt. «Baden liebt dich» war das Stadtfest-Motto. Seitdem bilden die beiden auch künstlerisch ein «Pas de deux», geben sich gegenseitig Kritik, Kommentar und Motivation. Wo Leemann sich als Künstler seiner Intuition anvertraut und sie dann rationalisiert darstellt, spielen im Schaffen seiner Frau Emotionen eine tragende Rolle. «Was mich berührt, fliesst in meine Werke», so Hitz. «Gerade bei der Keramik muss ich im Voraus viel planen, doch es ist wichtig, es dann zügig umzusetzen, in möglichst einem Arbeitsbogen, aus dem Bauch heraus», erklärt die Künstlerin.

Er malt abstrakt, sie töpfert konkret. Er findet Inspiration in Spiritualität und Mystik der Natur, «und ich bin der Realist», sagt Hitz. «Seine Kunst ist viel komplexer.»

Er erschaffe Geschichten mit Meta-Aussagen in seinen Bildern. «Meine Inspiration für die figürlichen Darstellungen kommt oft auch aus dem verwendeten Material und seiner Struktur selbst», berichtet Hitz. Die Flüchtlingskrise beschäftige sie besonders. Gerade Werke wie ihre Bootswracks, durchbohrt von Schwemmholz, zeigen dies eindrücklich. Wer die derzeitige Ausstellung besucht, die nun bereits zum dritten Mal verlängert wurde, erlebt eine grosse Varietät an Inhalt, Form, Stilformen und bildhafter Sprache. Gezeigt werden über sechzig ausgewählte Exponate der beiden Künstler aus mehreren Jahrzehnten ihres Schaffens. «Episode 2» heisst die Fortsetzungsausstellung, die im August dieses Jahres eröffnet wurde. Sie knüpft an «Episode 1» an, die zehn Jahre zurückliegt.


Wandelbare Kunst
Leemann bietet auch Führungen durch die Ausstellung an. Gelegentlich erinnern die Werke an Klee und Kandinsky in ihrer teils mathematischen Abstraktion, dann wieder an Hundertwassers Verspieltheit. Und manchmal meint man, ein bisschen was von der fraktalen Geometrie eines Antoni Gaudí durchblitzen zu sehen. Es braucht aber gar nicht immer Definitionen, um Kunst zu erfahren.

Er wolle sich nicht festlegen, sich nicht in ein Schema zwängen lassen, sagt Leemann. Durch seine wandelbare Kunst entzieht er sich den Kategorisierungen. Er will lieber immer wieder neu erfahren, was die Kunst aus ihm herausholt. Die Gemälde und Keramiken seiner Frau erschliessen sich oft direkter. «Ich bin einfach erdiger», erklärt Hitz, «nur schon durch die Materialien, die ich verwende: Ton ist knetbare Erde.»

Noch haben sie kein Bild zusammen gemalt. «Aber es schwebt mir vor», so Leemann. «Dass wir einmal ein Gemeinschaftswerk malen, an dem wir beide versetzt arbeiten.»  «Dieses Projekt ist noch offen», sind sich die beiden einig.

«Bilder, Geschichten – Episode 2» ist während der Öffnungszeiten des Gemeindehauses Obersiggenthal geöffnet.

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