Programmieren nach dem Lustprinzip

Ein Leben fürs Theater: Menf Rhyner ist Autor, Regisseur und das Herz der Bühne Heimat. In der Pandemie stand er sogar wieder auf der Bühne.

Pflegt ein persönliches Verhältnis zu vielen Comedy- und Theaterstars: Menf Rhyner im Aufgang zur Bühne Heimat. (Bild: is)

12. Januar 2022
13:18

Was aussieht wie eine Ahnengalerie, ist ein «Best-of» der deutschsprachigen Kleinkunstszene: An der mit hellem Holz verkleideten Wand in der Bar der Bühne Heimat hängen Fotos von den Auftritten aller Kunstschaffenden, die in den vergangenen Jahren nach Ehrendingen kamen, darunter Stars wie Franz Hohler oder Simon Enzler. Alle Bilder sind handsigniert. «Para Bühne Heimat, con un poco de mi silencio», hat der spanische Pantomime Carlos Martinez auf sein Bild geschrieben. Auf einem andern Foto notierten die Gebirgspoeten «Big Show!!», und Komikerin Stéphanie Berger schrieb schlicht: «Herzlichen Dank!»

«Wir müssen nun eine zweite Reihe anfangen, die obere ist voll», sagt Menf Rhyner, der Künstlerische Leiter der Bühne Heimat und das Herz des Kleintheaters. Wenn die Künstler nach Ehrendingen kommen, nimmt er sie in Empfang, man wird gemeinsam backstage aus der Küche von Tim Munz vom Wirtshaus zur Heimat verpflegt.


Wo ist Ehrendingen überhaupt?
Über die Jahre hat der 57-Jährige ein sehr persönliches Verhältnis zu vielen Kunstschaffenden aufgebaut. Dass ein Weltstar wie Martinez jedes Jahr eine handgeschriebene Weihnachtskarte nach Ehrendingen schickt, haut ihn immer wieder um: «Das hätte ich mir nie träumen lassen», sagt Rhyner und erinnert sich amüsiert, wie er in den ersten drei Jahren ganz ehrfürchtig renommierte Akteure telefonisch kontaktierte «Da habe ich mich immer zuerst vorgestellt und erklärt, wo Ehrendingen überhaupt liegt. Wir hatten halt noch keinen Namen in der Szene.»

Mittlerweile ist es so, dass die Künstler oder ihre Agenturen vermehrt selber bei Rhyner anfragen, und an die Künstlerbörse, die immer im April in Thun stattfindet, geht er vor allem, um sein Netzwerk zu pflegen. Das Gros des Programms für das Folgejahr steht im Frühjahr schon.

Der neue Flyer wurde diese Woche veröffentlicht. Der Auftakt mit Claudio Zuccolinis Programm «Darum» vom 19. Januar ist bereits ausgebucht – was daran liegt, dass es eine verschobene Aufführung von 2020 ist. Bis 20. Mai stehen dreizehn weitere auserlesene Perlen der Kleinkunst auf der schmucken Bühne im Obergeschoss. Das Programm reicht vom Schweizer Satiriker Simon Chen über die deutsche Liedermacherin Sarah Hakenberg («Deutscher Kabarettpreis» 2021) bis zum irrwitzigen deutschen Kabarett-Duo Ulan & Bator.

Menf Rhyner ist auch als selbständiger Autor und Regisseur gefragt und hat zwei neue Projekte in Arbeit. «Ich darf Regie führen für das neue Programm des Duos ‹Pasta Del Amore›.» Für den Dramatischen Verein Dielsdorf darf er zudem ein Mittelalterstück über den Niedergang der Freiherren von Regensberg schreiben. Es werde ein Stück mit viel absurdem Humor, kündigt er an: «Die Kernhandlung ist historisch belegt, der Rest gibt mir völlige Freiheit», freut er sich. Die Aufführungen sind ab Anfang November in Dielsdorf geplant. Zudem hat er die Regie für ein kleines Sommer-Special der Badener Maske angenommen: «Etwas Kurzes, Kräftiges.»

Rhyner, der in Wettingen geboren ist, lebt seit vielen Jahren in Baden. In der dortigen Fasnacht liegen auch die Wurzeln seiner Leidenschaft fürs Theater. Sein erstes Projekt war 2007 das Freilichtspiel «Heimat-Los» mit einer Truppe, die er aus den Besten aller Fasnachtsgruppierungen zusammengestellt hatte. «Diese Produktion war für mich wie eine Befreiung – sie gab mir einen Motivationsschub und spornte mich an, einfach zu machen, nicht immer nur alles zu hinter­fragen», sagt er rückblickend.


Beschäftigungstherapie
Ende November stand er nun mit dem Theater Nussbaumen im Stück «Alles nume Grücht» sogar selbst wieder mal auf der Bühne. «Das war vor allem Beschäftigungstherapie und Hirntraining für die ‹tote› Corona-Zeit, um etwas Sinnvolles zu machen», erklärt er pragmatisch. Mit dem Lernen des Textes seiner Figur wollte er sich selbst beweisen, dass es noch funktioniere: «Das hat Spass gemacht und gutgetan. Man spürte auch das Bedürfnis der Menschen, abgelenkt und unterhalten zu werden.» Er fand es sehr mutig von den Nussbaumern, die Aufführungen durchzuziehen.

Nun freut er sich auch auf eine weitere Co-Produktion mit der Badener Schauspielerin Isabelle Anne Küng, mit der er 2020 das erfolgreiche Stück Octo-Pussy präsentierte. Auf Frühjahr 2023 hin will das Duo zur Eröffnung des 15-Jahr-Jubiläums der Bühne Heimat etwas nachlegen. Um nicht im Sog der Badenfahrt unterzugehen, wird das Jubiläum über das ganze Jahr gefeiert: «Es soll ein würdiges Festival mit Schwerpunktthemen werden.»

Neben der künstlerischen Arbeit steht 2022 aber auch eine Fassaden­renovation an. Die Aussenwand des Gebäudes aus dem Jahr 1857 ist in die Jahre gekommen. Der Gebäudeteil gehört seit 2015 der Genossenschaft Bühne Heimat. Diese vermietet ihn an den Verein Bühne Heimat und sichert so den Fortbestand des Kleintheaterbetriebs. Finanziell steht der Verein dank Sponsoren, Gönnern und Genossenschaftern trotz Corona-Krise nicht schlecht da. So kann sich die «Heimat» für ihr Jubiläumsjahr herausputzen.

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