«Rassismus hat mit Prägungen zu tun»

Ist Tarek Naguib so, wie es sein Name vermuten lässt? – Hier wirkt «Racial Profiling». Auf dieses Thema hat sich der Rechtssoziologe spezialisert.

Rechtssoziologe Tarek Naguib: «Es ist wichtig, dass man Rassismus benennt»
Rechtssoziologe Tarek Naguib: «Es ist wichtig, dass man Rassismus benennt» (Bild: zVg)

von
Annegret Ruoff

15. März 2018
09:00

Tarek Naguib, 42

ist Jurist mit Schwerpunkt im Antidiskriminierungsrecht. Er ist als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Sozialrecht ZSR der ZHAW tätig. Zudem ist er Mitbegründer des Instituts Neue Schweiz und der Allianz gegen Racial Profiling.  

Woche gegen Rassismus

Vom 20. bis zum 27. März, rund um den internationalen Tag gegen Rassismus, läuft die Aktionswoche «Aargau gegen Rassismus», an der sich verschiedene Organisationen beteiligen. Am 23. März finden in der Mediathek der Kantonsschule Wettingen und in der Stadtbibliothek Baden «Living Libraries» statt. Am Mittwoch, 21. März, organisiert Integration Aargau das von Lelia Hunziker moderierte Podium «Wir und die Anderen – Über Rassismus und Diskriminierung im Alltag» mit Kijan Espahangizi, Stefanie Kurt, Nina Fargahi und Tarek Naguib. 


Mittwoch, 21. März, 17.30 Uhr bis 20 Uhr, Roter Turm, Rathausgasse 5, Baden
www.integrationaargau.ch

Tarek Naguib, wo sind Sie in Ihrem Alltag von Rassismus betroffen? 

Selbst habe ich in meinem Leben Rassismus dort erfahren, wo man mich nicht sieht. Da ich ausser meinem Namen keinen Migrationsvordergrund habe, kommt dies manchmal am Telefon oder bei der Wohnungssuche vor. Rassismus habe ich aber vor allem in meiner Kindheit indirekt über meinen Vater erlebt, der wegen seiner Herkunft aus dem arabischen Raum immer mal wieder rassistisch behandelt wurde. Das hat mich wütend gemacht, während mein Vater selbst damit locker umzugehen schien.


Und schon sind wir mitten in einem Ihrer Forschungsthemen gelandet, dem Racial Profiling. Dieses besagt, dass Menschen von der Polizei oder dem Grenzwachtkorps kontrolliert werden, weil sie dunkelhäutig sind oder ihnen eine bestimmte nationale oder ethnische Herkunft zugeschrieben wird. Inwiefern kommt das bei uns vor? 

Man muss unterscheiden zwischen dem Problem als solchem und dem Begriff. Als Problem gibt es Racial Profiling, seit es die Polizei gibt. Bestimmte Menschengruppen wurden und werden als «Fremde» oder «schlechte Bürger» überwacht, diszipliniert und ausgegrenzt. 


Und wie funktioniert dann das Racial Profiling, welches die Polizei nutzt? 

Kriminalistisches Profiling ist eine akzeptierte und effektive polizeiliche Methode. Sucht die Polizei einen Mörder, kann sie die Informationen zusammentragen, um ein Profil zu erstellen, das sich auf psychologische Eigenschaften und Verhaltensmerkmale stützt. Demgegenüber ist rassistisches Profiling rechtswidrig und ineffizient. Dieses geschieht, wenn sich die Polizei bei der Bekämpfung der illegalen Einwanderung, des Drogenhandels oder des Terrorismus auf die Hautfarbe stützt, ohne dabei einen objektiven individuellen Verdacht zu haben: Dann ist das nicht nur verschwendetes Steuergeld, sondern eine rassistische Stigmatisierung.


Wie meinen Sie das? 

Die Debatte über Racial Profiling fand gegen Ende der 1980er- und Anfang der 1990er-Jahre in den USA statt, als man begann, den institutionellen Rassismus der Polizei gezielt zu bekämpfen. Die Polizei ist ja das einzige Organ, das Gewalt anwenden darf und muss. Diese Macht ist aber nicht dazu da, rassistische Gewalt anzuwenden, sondern dient dem Schutz der Grundrechte aller Menschen, unabhängig von Hautfarbe und Herkunft. 


Und wann wurde Racial Profiling in der Schweiz zum Thema? 

Ebenfalls bereits in den 1990er-Jahren. Unter dieser Begrifflichkeit wurde der Begriff allerdings vor allem durch eine erste Publikation von Amnesty International prominent öffentlich diskutiert. 

Wir richten uns hierzulande an einer stereotypen Vorstellung aus, wie ein Westeuropäer, eine Westeuropäerin auszusehen hat. All jene, die nicht in dieses Erscheinungsbild passen, riskieren viel eher, dass sie in den Blick der Polizei geraten. Dazu gehören etwa Menschen arabischer, persischer, asiatischer, südamerikanischer und afrikanischer Herkunft, sowie Menschen aus Südosteuropa. Aber auch fahrende Roma, Sinti und gar weisse Jenische erfahren institutionellen Rassismus. Und diese Zuschreibungsmechanismen passieren grösstenteils unbewusst, aufgrund eines Rassismus mit langer historischer Tradition.


Ist uns dieser Zuschreibungsmechanismus angeboren? 

Nein, es handelt sich um eine sehr starke soziale Prägnung. Die Vorstellung, die westliche Kultur sei anderen Kulturen überlegen, ist seit dem Mittelalter und insbesondere im Zuge der Moderne im Christentum und in den Wissenschaften gefestigt, aber auch durch Völkerschauen, rassistische Werbungen und durch Kinderbücher verbreitet worden. 


Durch Kinderbücher? 

Das ist nur ein Element des Problems, aber dennoch: Die Geschichten, mit denen wir aufgewachsen sind, handeln vor allem von Kindern mit weisser Hautfarbe, die aussehen wie Vreni oder Fritz. Daher erstaunt es auch nicht, dass uns unsere Schul- und Arbeitskollegen namens Tahir, Kosovare und Izabel sowohl nah als auch fremd vorkommen. 

Wer «Schwizer» und wer «Usländer» ist, scheint klar. Mit dem Pass hat das allerdings wenig zu tun, den sehen wir ja nicht. Die Frage «Woher kommst du ursprünglich?» liegt uns oft zuvorderst, unabhängig davon, ob wir uns wirklich dafür interessieren oder nicht. Wenn dann von Tahir beispielsweise die Antwort kommt: «Aus Baden, Zofingen oder St. Gallen», dann ist das erstmal schwierig zu akzep-
tieren. 


Ist rassistisches Denken immer noch vorherrschend? 

Ja, und dies auch da, wo uns vorerst nicht als offensichtlich erscheint, dass etwas auch rassistisch sein könnte. Die aktuelle Helvetas-Werbung beispielsweise zeigt Menschen aus Afrika und Asien vor allem als arm, hilflos und rückständig. Auch die Tatsache, dass es in der Schweizer Gesellschaft noch nicht zu einem Aufschrei gegen die Ausbeutung von Menschen und Rohstoffen zu unserem Profit kommt, ist bedenklich. Dazu kommt die Realität alltäglicher Diskriminierungen an Schulen, auf dem Arbeitsmarkt und bei Behörden. 


Und wie kommt man dagegen an? 

Nicht von heute auf morgen, sondern, indem man insistiert, mühsam ist, Rassismus benennt, aber vor allem auch selbstbewusst auftritt. Ich bin da nicht mehr ganz so pessimistisch. Denn zunehmend kommt eine Generation von jungen Leuten aus Einwandererfamilien und Migrationshintergrund, die selbstbewusst sagt: «Die Schweiz gehört auch mir.»

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