Revolte in der Zementfabrik

1895 erlebte Ehrendingen eine kleine Revolte mit Militäreinsatz. Generell war es eine unruhige Zeit mit harter Arbeit und vielen Unfällen.

Cement-Fabrik Lägern in Oberehrendingen um 1898 (Bild: zVg)

07. Juli 2020
13:30

In den 1880er- und 1890er-Jahren kamen Zehntausende von italienischen Gastarbeitern in die Schweiz. Sie bauten hier Eisenbahntunnels, Fabriken und ganze Städte. So waren auch in der Oberehrendinger Zementfabrik mit ihren gegen 400 Arbeitern viele Italiener, daneben Deutsche, Österreicher und gar Tschechen tätig. Man muss die Relationen sehen: das Dorf Oberehrendingen hatte zu jener Zeit selber nur etwa 500 Einwohner. Die fremden Arbeiter wohnten in Gasthäusern oder im eigens erstellten Arbeiterwohnhaus, zumeist aber wohl vermieteten ihnen die ortsansässigen Bauernfamilien ein Zimmer. Die Arbeit in der Zementindustrie und im Steinbruch war hart und sicher staubig. Aus dem damaligen Arbeiterleben in der Ehrendinger Fabrik erzählt lebhaft ein Bericht in der «Botschaft» vom 29. Juli 1895: «Die Woche über zeigt sich das geschäftige Leben und Treiben. Man fühlt sich fast in grossartigen Arbeiterkreisen einer schweizerischen Grossstadt. Es ist ein buntes Durcheinander in Sprache, Farbe und Grösse. Doch überwiegt das wetterverbrämte italienische Element. Fast nichts als ‹fratelli› mit ihrem cantare und parlate Italiano. Eine eigens improvisierte Tanzmusik des Südens sorgt für gesellige Unterhaltung. Im Parterre des Nebengebäudes dienen einige geräumige Lokale als Cantine, allwo kleinere Küchenchefs die italienische Lieblingsspeise zubereiten.»

Doch kam es – wohl verständlich bei so vielen Menschen und Kulturen nahe beieinander – vielerorts auch zu Spannungen und gar zu Schlägen, teils bei den Arbeitern untereinander – die «Botschaft» berichtet aus Unterehrendingen von einem wüsten Abend im Gasthof «Engel» mit einem Revolverschuss durchs Fenster und vielen zerschlagenen Biergläsern –, teils mit der einheimischen Bevölkerung. So etwa – in weit grösserem Ausmass – in Zürich-Aussersihl bei den Italienerkrawallen 1896 mit Toten und Verletzten.

 

Harte Arbeitswelt

Es gab in jener Zeit generell viele Arbeitsunfälle; in der Oberehrendinger Zementfabrik kamen Unfälle mit Strom häufig vor. Die «Illustrirte Handwerkerzeitung» berichtet von einem Arbeiter, der mit einer Eisenstange an die Starkstromleitung geriet. Am 20. Juli 1897 fanden zwei Handlanger aus Italien den Tod; das Fabrikverzeichnis listet unter Bemerkungen «Folge elektrischen Stromes, Totschlag» und «Tod geschlagen (Strom)»; die «Botschaft» schreibt von einem tödlichen Sturz vom Gerüst.

 

Streiks

Es kam immer wieder zu Streiks, im ganzen Land, aber auch hier im Dorf: Die Zeitungen berichten von Streiks in Ehrendingen am 2. November 1896, 15. Februar 1897 sowie im März und April des gleichen Jahres.

Der grösste Vorfall in der Zementfabrik ereignete sich am Montag, 30. September 1895. Die «Illustrirte Handwerkerzeitung» berichtet: «Italienische Arbeiter: Von Oberehrendingen wird folgende revolutionäre Bewegung gemeldet. Seit Frühjahr arbeiten hier circa 200 Italiener als Maurer, Steinhauer und Handlanger. Nun sollten diese gut bezahlten Arbeiter zu einer kleinen Gemeindesteuer im Betrag von 60 Cts. bis Fr. 1.20 [das entspricht etwa einem Stundenlohn], je nach Verdienst, verhalten werden. Samstags wurde dieser kleine Betrag beim Zahltage jedem Einzelnen in Abzug gebracht. Das erregte eine solche Erbitterung, dass sie am Montag streikten und nicht nur Zurückgabe des Steuerbetrages, sondern noch Lohnerhöhung von 5 Cts. pro Stunde verlangten. Da das Letztere verweigert wurde, fürchtete man bei dem heissblütigen Temperament der Streikenden gefährliche Ausschreitungen. Auf höheren Befehl musste das hiesige Militär die Fabrik und die Wirtshäuser besetzen. Am Dienstag wurden die Leute wieder ruhiger und nahmen die Arbeit wieder auf.» Erstaunlich an dieser Episode ist auch, wie schnell das Militär zur Stelle war. Einerseits lag es vielleicht daran, dass die Fabrik bereits über ein Telefon verfügte. Eine weitere Erklärung findet sich im Artikel der «Botschaft». Dort steht nämlich: «Die in Oberehrendingen wohnhaften Militärs mussten Fabrik und Wirtshäuser besetzen.» Offenbar war im Dorf also Militär ansässig oder stationiert? Und zum dritten: offensichtlich brauchte es damals keine langen politischen Prozesse, um das Militär aktiv werden zu lassen...

Die Angaben stammen aus diversen Ausgaben der Botschaft, 1895, der Illustrirten Handwerkerzeitung, 1895, dem Aargauer Volksblatt, 1976, dem Badener Tagblatt, 1992 und von Alex Capus, 2004.

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