​​​​​​​«Richtiger Zeitpunkt? Gibt’s nicht!»

Er bildete in Afrika Streitkräfte für Friedenseinsätze in Krisengebieten aus. Nun will sich Gaudenz Schärer (48) in Freienwil engagieren. Am Sonntag wurde er klar in den Gemeinderat gewählt.

Gaudenz Schärer vor dem Gemeindehaus im 1100-Seelen-Dorf Freienwi. (Bild: is)

15. Oktober 2020
10:30

«Das kann doch nicht sein?!», dachte Gaudenz Schärer, als er hörte, dass keine einzige Kandidatur für die Gemeinderats-Ersatzwahl innert der gesetzten Frist bis am 27. September eingegangen war. Sein zweiter Gedanke: «Warum nicht jetzt?» Die Frage, wo und wie er sich im Dorf engagieren könnte, trieb den 48-Jährigen schon länger um, seitdem er 2017 mit Ehefrau Katrin sowie den Töchtern Amalia (6) und Madlaina (8) von Nussbaumen nach Freienwil gezogen war. 

Dann kam der gesundheitsbedingte Rücktritt von Gemeinderat Beat Bachmann und die Ersatzwahl – für Schärer ein Zeichen, diese Möglichkeit zu packen. Zudem wusste er aus Erfahrung: Den richtigen Zeitpunkt gibt es nicht. Anfang Oktober ging alles ganz schnell. Der HR-Spezialist, bereits gut vernetzt im Dorf, kontaktierte verschiedene Personen im Dorf, auch Gemeinderäte. «Ich wollte wissen, worauf ich mich einlasse», erklärt der 48-Jährige. Er spürte: Der Zeitpunkt passt doch – und schon eine Woche später liess er Flyer in alle Haushaltungen verteilen. Denn da er den Entschluss erst nach der Meldefrist gefasst hatte, wurde seine Kandidatur nicht offiziell verkündet.

Am Sonntag wurde Gaudenz Schärer mit 159 Stimmen ins Amt gewählt - und übertraf damit das absolute Mehr von 129 Stimmen deutlich.  

 

Einsatz für die Vereinten Nationen in Eritrea und Äthiopien

Der 48-Jährige freut sich über die Wahl, und er verspricht, seine Aufgabe gewissenhaft zu erfüllen: «Je älter ich werde, um so wichtiger ist mir, mich dort zu engagieren, wo ich lebe», erklärt er, «und wir fühlen uns in Freienwil zu Hause.» Denn Gaudenz Schärer hat schon viele Jahre im Ausland, vor allem in Afrika, verbracht. Mit 26 bewarb er sich auf ein Zeitungsinserat, in dem die Schweiz Beobachter für die Vereinten Nationen in Eritrea und Äthiopien suchte. Beim anschliessenden Einsatz für die «United Nations Mission in Ethiopia and Eritrea» (UNMEE) habe er gesehen, wie viel man mit persönichem Einsatz und wenig Ressourcen erreichen könne, erinnert sich Schärer: Friedensabkommen überwachen, Trinkwasser sichern, Felder für Bauern wieder nutzbar machen – «das war extrem befriedigend, und es wird einem bewusst, dass wir in der Schweiz ein sehr privilegiertes Leben führen.» 2002 kehrte er in die Heimat zurück. 

Doch zwölf Jahre später zog es den mittlerweile zweifachen Vater erneut nach Afrika. Die jüngere Tochter Amalia war gerade vier Monate alt – «aber den richtigen Zeitpunkt gibt es ja nicht», sagt Schärer und schmunzelt. In Ghanas Hauptstadt Accra bildete er für das «Kofi Annan International Peacekeeping Training Centre (KAIPTC)» Zivilpersonen und Militärs sowie Polizisten für Friedens-Einsätze in Krisengebieten aus. Nach zweieinhalb Jahren kehrte die Familie 2016 in die Schweiz zurück und wohnte zuerst kurz in Nussbaumen, bevor sie vor drei Jahren ihr Traumhaus in Freienwil fand. Beruflich heuerte er beim preisgekrönten Start-up Crowdhouse als Personalverantwortlicher an. Erst kürzlich wechselte er in den operativen Bereich als Director Organizational Operations: «Nach zwanzig Jahren im HR war es Zeit für einen Fokuswechsel.»

 

Das «Besondere» von Freienwil erhalten

Sie seien von ihren Nachbarn an der Husenstrasse extrem positiv empfangen worden, erinnert sich Gaudenz Schärer. Ihm gefällt die Mischung im Dorf, wo Landwirte im Einklang mit Akademikerinnen leben und auch Neuzuzüger willkommen sind. «Als Gemeinderat will ich die Dorfgemeinschaft festigen und stärken sowie das Besondere von Freienwil erhalten», erklärt der frischgebackene Gemeinderat. «Ob Accra, Asmara oder Freienwil – mir ist der Kontakt mit den Menschen wichtig.» 

Obwohl er ein Neuling in der Gemeindepolitik ist, würde er sich freuen, in der Exekutive der Gemeinde mitzuarbeiten. «Ich habe gelernt, meine Meinung zu vertreten und für meine Anliegen einzustehen», erklärt Schärer, der keiner Partei angehört. Dabei ist er sich bewusst, dass er sich als Gemeinderat auch exponiert, «und man macht sich nicht nur Freunde». Aber er bringe auch gerne Leute an einen Tisch, um eine pragmatische Lösung zu finden, betont der «wilde» Kandidat. So hofft er, dass es ihm gelingt, auch in Freienwil einen Teil zum Dorffrieden beizutragen.

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