Rücktritt von Gemeindeammann Hans Vogel

Seit Neujahr existiert die selbständige Gemeinde Scherz nicht mehr. Dadurch erlosch auch das Amt von Gemeindeammann Hans Vogel.

Der Scherzer alt Gemeindeammann Hans Vogel spielte bei der Fusion mit Lupfig eine massgebende Rolle
Der Scherzer alt Gemeindeammann Hans Vogel spielte bei der Fusion mit Lupfig eine massgebende Rolle (Bild: h.p.w.)

von
Hans-Peter Widmer

18. Januar 2018
09:15

Hans Vogel und seine Gattin verbrachten den Jahreswechsel nicht zu Hause, sondern im Engadin. Ein emotionales Bedürfnis, sich auswärts, aus örtlicher Distanz und ohne Stress von dem am Silvesterabend erlöschenden Amt des Gemeindeammanns zu trennen, habe er aber nicht verspürt, sagt der seit vier Jahren pensionierte 69-jährige frühere Professor für Kommunikation und Politikwissenschaft an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW) in Winterthur. Der Aufenthalt im Bündnerland um diese Zeit sei schlicht und einfach eine Familientradition gewesen. 


Nicht allzu viel schiefgegangen

Doch welche Gedanken gingen Hans Vogel beim letzten Glockenschlag durch den Kopf – nach 12-jähriger Amtszeit als Gemeinderat, davon acht Jahre als Ammann, und nach den abgeschlossenen Fusionsvorbereitungen von Scherz und Lupfig sowie einem grossartigen Dorffest, dem er mit einem selber verfassten Musical ein Glanzlicht aufsetzte: Befriedigung, Erleichterung, Wehmut? «Ich habe schon einen Moment an Zurückgelegtes gedacht und es als Abschluss einer weiteren Etappe empfunden», erklärt der Demissionär, «aber unbetrübt, weil ich schon vor vier Jahren wusste, dass ich das Ammannamt Ende 2017 abgeben würde, und trotzdem mit einer gewissen Erleichterung, dass nicht allzu viel schiefgegangen ist.» 

Würde er im Rückblick auf Erstrebtes und Erreichtes trotzdem etwas anders machen? «Ja, das eine und andere», gesteht Hans Vogel. Die Tragweite von Entscheidungen werde einem als nebenberuflicher Milizpolitiker manchmal erst im Nachhinein richtig bewusst. Bei Baubewilligungen, zum Beispiel, habe ihn gelegentlich das Dilemma zwischen Buchstabentreue und gesundem Menschenverstand beschäftigt. Tendenziell sei er eher legalistischer geworden, sagt der promovierte Politikwissenschafter. Dennoch ist er vom Milizsystem, dem er durch die gleichzeitige Ausübung von Beruf und öffentlichen Funktionen selber diente, absolut überzeugt.  


Einer der Fusionsstrategen 

Der Zusammenschluss von Scherz und Lupfig war das Hauptgeschäft in seiner Amtszeit. Er ist bemerkenswert gut, sozusagen als aargauisches Musterbeispiel, über die Bühne gegangen. Wieso? «Weil nie der Eindruck einer Übernahme der kleineren durch die grössere Ortschaft aufkam, sondern vom Aufbau einer neuen Gemeinde ausgegangen wurde», betont Hans Vogel. Dabei spielte er eine wichtige strategische und ausgleichende Rolle. Er ist es als Kommunikationsspezialist gewöhnt, «in Varianten mit jeweils einem Plan B» zu denken. Nach seiner Überzeugung gibt es für jeden politischen Entscheid Gegengründe. Darum nahm er Skeptiker und Gegner ernst. Sie wirkten auch in den zur Fusionsvorbereitung bestellten Arbeitsgruppen mit. 

Lupfig und Scherz tappten nicht in eine Adressfalle – den Streit um Postleitzahlen und Strassennamen, wie beispielsweise die vereinigte Gemeinde Bözberg –, obschon Lupfig von Anfang an die Beibehaltung des Gemeindenamens und Wappens zur Bedingung machte. Dass die beiden Gemeinden mit ganz verschiedenen Argumenten in den Fusionsprozess einstiegen, erwies sich letztlich nicht als unüberwindbares Hindernis. Wichtige Voraussetzungen für den Erfolg, so Hans Vogel, seien das gute nachbarliche Klima, viele persönliche Verbindungen in Vereinen sowie bereits bestehende Kooperationen in der Feuerwehr und Schule gewesen, samt dem Willen, den Zusammenschluss nicht an der Steuerfussfrage scheitern zu lassen. Scherz habe zwar die Autonomie verloren, werde aber seine Identität behalten, ist der letzte Gemeindeammann überzeugt. 


Umgänglicher Gelehrter

Im ländlichen Scherz kam der Gelehrte Hans Vogel mit seiner umgänglichen Art, aber der nicht ganz üblichen beruflichen Tätigkeit bei den Leuten gut an. Er zog 1979 mit der Familie, die auf fünf Kinder anwuchs, in die damals als links-alternativ charakterisierte neue Dorfsiedlung «Auf dem Höli» ein. Als promovierter Dr. phil. I war er nach politikwissenschaftlichen und volkswirtschaftlichen Studien in Zürich und Essex (England) Pressechef der Universität Zürich und im Nebenamt Präsident der Gesellschaft der Zürcher Museen geworden. Später gründete er die eigene Firma «Vogel Kommunikation», wurde Professor für Kommunikation und Politikwissenschaft und übernahm verschiedene weitere Aufgaben in Wirtschaft, Wissenschaft und Forschung, unter anderem als Aus- und Weiterbildungsleiter am Winterthurer Institut für Gesundheitsökonomie der ZHAW School of Management and Law. Zudem leistete er beim Aufbau des Fachhochschulstandorts Brugg-Windisch Öffentlichkeitsarbeit, ein Projekt, das er 2014 zusammen mit weiteren Autoren im Buch «Vision Mitte» dokumentierte.

Trotz dem vielseitigen beruflichen Engagement liess er sich 2006 in den Scherzer Gemeinderat wählen. Er übernahm das Finanzressort und vier Jahre später das Ammannamt. Die behördliche Tätigkeit empfindet er im Rückblick als persönliche Bereicherung: «Man lernt, vor die Leute hinzustehen, zu argumentieren, zu verhandeln und zu überzeugen.» Dass die Rekrutierung von Personen für öffentliche Ämter dennoch schwieriger geworden ist, weiss auch er, und er kennt die häufigen beruflichen und familiären Einwände. Nach seiner Überzeugung erkennt die Wirtschaft die Kompetenzen, die sich Mitarbeitende in Milizämtern aneignen, zu wenig. Er warte auf Stelleninserate, sagt Hans Vogel, in denen nebenamtliche Behördentätigkeit als «von Vorteil» begrüsst würde.


Im besten Fall Langeweile

Wird es dem Hochschul-Pensionär und Scherzer alt Gemeindeammann Hans Vogel nun langweilig? Und ob! «Langeweile wäre doch auch eine Lebensqualität», scherzt er. Aber es sieht nicht ganz danach aus. Er trägt sich mit dem Gedanken, eine Scherzer Dorfchronik zu schreiben, sie mit der Darstellung des Fusionsprojektes zu ergänzen und mit der Lupfiger Gemeindechronik zu verbinden. Und mit einem ehemaligen Winterthurer Professorenkollegen möchte er das von etlichen Missverständnissen geprägte Verhältnis Schweiz-EU ausleuchten. 

In den letzten Monaten machte Hans Vogel noch eine besondere Erfahrung, deren Fortführung er sich vorstellen könnte: Er weilte im Auftrag von Swisscontact, einer wirtschaftsnahen unabhängigen Stiftung für internationale Entwicklungszusammenarbeit, in Nepal, wo er im Rahmen eines SEC-Projekts (Senior Expert Corps) eine KMU in Kommunikationsfragen beriet, die sich im Zusammenhang mit der Verteilung von Unterstützungsgeldern für erdbebengeschädigte Haushalte stellen. Und nicht zuletzt dürfte in Hans Vogels Familie der Nachwuchs mit den drei Enkelkindern im Alter zwischen zwei und zwölf Jahren darauf erpicht sein, dem Grossvater eine im besten Fall doch auftretende Langweile auszutreiben. 

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