«Schecked de Schmutz – de klappets!»

Er war 17 Mal in Königsfelden, Metzger, Müllmann, Papier-Chauffeur und Ferrari-Fahrer: Der Windischer Hans-Peter Schmutz ist als Original in der ganzen Region bekannt.

Hans-Peter Schmutz auf seinem Balkon: «Früher fuhr ich Ferrari Testarossa». (Bild: es)

04. November 2020
14:05

Hans-Peter Schmutz (66) ist ständig unterwegs – man trifft ihn immer und überall. Ob entlang der viel befahrenen Hauserstrasse in Windisch, am Bahnhof Brugg oder beim Dorfzentrum «Cherne» in Gebenstorf ‒ Schmutz ist stets auf Achse und als Original weitherum bekannt. Täglich ist er 10 bis 15 Kilometer zu Fuss unterwegs und trifft überall auf Bekannte, mit denen er meist einen kurzen Schwatz hält. Er ist mit allen Menschen per du – egal, ob es sich um einfache Mitbürger, Behördenmitglieder oder einen Polizisten handelt. Wenn er dabei ins Reden kommt, ist er oft kaum mehr zu stoppen.

Doch Schmutz wird akzeptiert, so wie er ist und sich gibt. Seine leutselige Art verschafft ihm vielerorts Wohlwollen und Wertschätzung. Manchmal wird er in der Beiz zum Kaffee eingeladen, auf Wunsch beliefert er seine Bekannten mit Gratiszeitungen, mit denen er sich frühmorgens am Bahnhof Brugg eingedeckt hat. Und wer ihm einmal sein Geburtsdatum und die Zeit verrät, kann sicher sein, dass Schmutz diese Daten bei der nächsten Begegnung unaufgefordert und exakt nennen kann: «7.7.73 – Nüünzähni äinezwänzg. Ich weiss es scho. Ha nüt vergässe.»

Das «ausgeprägte optisch-fotografische Langzeitgedächtnis» ist eine Spezialität von Hans-Peter Schmutz. «Das ist bei mir einfach so. Ich kann dir auch nicht sagen wieso», lacht er. «Aber do schtuuned sälbscht die Dökter und Profässore z Königsfälde. Es chonnt jo kenne drus met mer.»

 

Vom Itelenhof nach Oberkulm

Hans-Peter Schmutz ist mit einem älteren Bruder und zwei Schwestern auf dem Itelenhof im «Itelentäli», einem abgeschiedenen Seitental zwischen Kirchbözberg und Remigen, aufgewachsen. Seine Eltern betrieben den Hof mit Viehzucht in Pacht, der Vater arbeitete tagsüber bei den Kabelwerken in Brugg. Das Leben auf dem Land und mit den Tieren gefiel Hans-Peter Schmutz. «Schon als Kind war ich auffällig.» Obwohl er wissbegierig ist, wird er vom Lehrer fast täglich geschlagen: «Für jedes Eselsohr gab es einen Schlag an den Kopf. Mit voller Wucht. Der Lehrer war ein Sadist.»

Als Hans-Peter dreizehn ist, stirbt sein Vater an einem Herzschlag. «Das hat mich mitgenommen.» In der Schule wurde er nicht selten geplagt. «Vo mer händs immer gsäit, ich seg en Halbschlaue.»

Nach der Sekundarschule will er nur noch weg: Bei Metzger Kyburz in Oberkulm absolviert er erfolgreich die Metzgerlehre. Den Lehrbrief mit Abschlussnote 5,6 hat Hans-Peter Schmutz fein säuberlich aufbewahrt und er erfüllt ihn noch heute mit Stolz. «Ich war keinen Tag krank und hatte nie einen Unfall.» Nur einmal, an einem Ostersamstag, habe er sich geweigert, ein schneeweisses Gitzi zu metzgen. «Das brachte ich nicht übers Herz. Ich sagte dem Lehrmeister: ‹Wenni das muess mache, de gangi.›» Metzger Kyburz hatte Verständnis. Ab Oktober 1972 arbeitete Schmutz ein Jahr lang in der Brugger Metzgerei Früh.

 

17 Mal in der «Klapsmühle»

«An meinem 19. Geburtstag war ich mit zwei Kollegen in Davos. Im ‹Blick› las ich, dass ein Arzt ermordet worden war. Ich sah plötzlich komische Sachen, war verwirrt und wurde wild.» Am 30. Juli 1973 wird Hans-Peter Schmutz zum ersten Mal in die Klinik Königsfelden eingewiesen. Die Ärzte diagnostizieren eine paranoide chronische Schizophrenie, die sich oft durch Angetriebenheit (Hyperaktivität) und Verwirrungszustände äus­serte. Ganze siebzehn Mal war Schmutz während fürsorgerischer Freiheitsentzüge mehr oder weniger lang in der Klinik Königsfelden. «Einmal war ich tagelang ans Bett gefesselt, erhielt täglich drei Spritzen ins Füdli.» Früher sei es noch ganz anders zu- und hergegangen in den psychiatrischen Kliniken. «Von denen, die das mitgemacht haben, lebt heute kaum noch einer», meint Schmutz. 

Seit 2005 war er nicht mehr in Königsfelden – und das soll so bleiben. Hans-Peter Schmutz lebt selbständig in einer kleinen und peinlich sauber gehaltenen Wohnung in Windisch. «Ich habe alles, was ich brauche, ich bin ein zufriedener Mensch und habe eine positive Lebenseinstellung.» In administrativen und finanziellen Belangen steht Hans-Peter Schmutz ein Beirat zur Seite. «Heute bin ich gut eingestellt. Ich muss jeden Tag nur noch eine Tablette nehmen. Ich fühle mich topfit und kerngesund.» Schmutz hadert nicht mit seinem Schicksal und ist trotz seines Handicaps um einen flotten Spruch nie verlegen. «Wäisch, ich be äifach nie normal gsi.»

 

Müllmann und Papier-Chauffeur

«Wennd e die huere Klapsmüli inechunnsch, esches e herti Sach, bes weder usechonsch», sinniert Schmutz bei einer Stange in der Hausemer Stolle-Bar. Geschafft hat er es trotzdem – auch dank Menschen, die ihm gut gesonnen sind. Schmutz hält gros­se Stücke auf seinen langjährigen Hausarzt Dr. Markus Bächli und seinen Beirat Walter Schatzmann. Von 1976 bis 1979 fasst Schmutz wieder im Arbeitsleben Fuss. «Der spätere Windischer Gemeindeammann Hans-Peter Scheiwiler gab mir eine Chance. So wurde ich ‹Ghüdermann› bei der Firma Voegtlin-Meyer: In Brugg, Hausen, Windisch und Leuggern warf ich Kehrichtsäcke in den Müllwagen.» Später liefert Hans-Peter Schmutz vierzehn Jahre lang als Chauffeur für die Firma Mühlebach Papier aus. Stolz erzählt er, wie sein Chef sagte: «De Schmutz chasch überall äne schecke, met dem klappets!» Seine Arbeitszeugnisse bescheinigen ihm eine «überdurchschnittliche Arbeitsqualität. Sehr sorgfältig, zuverlässig und verantwortungsbewusst.» Mit seinem Lieferwagen ist er viel unterwegs: «Vom Bodensee bis nach La Chaux-de-Fonds habe ich alles gefunden. Und damals gabs noch kein GPS!» Seit 1996 erhält Schmutz eine IV-Rente.

 

Vom Ferrari zum SBB-GA

In jüngeren Jahren war Schmutz begeisterter Autofahrer: «Mein erstes Auto war ein Opel Rekord 1900 S.» Später fuhr er einen Chevrolet Malibu Berlinetta mit V8-Zylinder-Motor, einen Chevrolet Malibu Landau oder einen resedagrünen Mercedes 250. Zeitweise kurvte der ehemalige Bözberger Bauernbub mit einem gelben Lamborghini und einem knallroten Ferrari Testarossa («Chasch chuum ischtiige, die send eso töif onde.») durch die Gegend – ein befreundeter Akkordunternehmer lieh ihm die Traumautos aus. Das kam bei meinen Verwandten nicht gut an: «Sie sagten: Jetz het er en Egge ab!» 

Oft setzt er sich auf ein Bänkli am Bahnhof. «Do gsesch emmer öppis. Das esch interessanter als em Schponte.» Als Besitzer eines Generalabonnements ist Schmutz häufig mit den SBB unterwegs. «Manchmal fahre ich nach Bern. Oder ich besuche Kollegen in Adelboden, Yverdon oder am Ägerisee.» Als Verpflegung im Rucksack sind Brot, Käse und ein «Landjäger» dabei. «Es hat mich gefreut, einmal aus meinem Leben zu erzählen», sagt Schmutz und lacht schalkhaft: «Gsesch, ich mache ebe allne Fröid: Den einen beim Kommen, den anderen beim Gehen.» Schmutz trinkt noch einen Schluck Kaffee und meint: «Schriib ned zvel. Meinsch, die brenge da wörkli?»

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