Schweizweite Premiere mit «Challenges»

Die Bewohner von Bözbergs Ortsteil Hafen müssen nicht unter einer sirrenden Starkstromleitung leben. Swissgrid verlegt das neue 380'000-Volt-Kabel in den Boden.

Bagger hieven die Kunststoffrohre in den Trasseengraben
Bagger hieven die Kunststoffrohre in den Trasseengraben (Bild: wag)

von
Hans Christof Wagner

09. März 2019
09:00

Was zwischen Rüfenach und Habsburg derzeit passiert, ist eine schweizweite Premiere. Zum ersten Mal kommt eine 380-Kilovolt-Leitung in den Boden, statt an einen, die Landschaft beeinträchtigenden Freileitungsmast gehängt zu werden. Was bisher an Stromleitungen in der Schweiz im Boden liegt, betrifft vor allem die Mittel- und Niederspannung. Bei der Hochspannung, ab 220'000 Volt, ist es dagegen noch die Ausnahme. Und beim Spitzenwert von 380'000 Volt gibt es bislang eben noch gar nichts. Daher verspricht sich Swissgrid vom Projekt «Gäbihübel» im Raum Bözberg/Riniken auch so viel. Erfahrungswerte will sie dort sammeln – was es beim Bau zu beachten gilt, wie der Betrieb funktioniert und welche Lebensdauer die Anlage hat. Insbesondere soll gemessen werden, inwieweit die Kabel den sie umgebenen Boden erwärmen. 

 

Gut im Zeitplan

«Wir sind seit September am Arbeiten und liegen ohne Unfälle gut im ­Zeitplan», berichtet Jan Schenk von der Swissgrid-Projektkommunikation. Überall wird derzeit zwischen Bözberg und Villnachern gewerkelt. Zwischen 25 und 30 Bauarbeiter hieven Stahlträger in die Höhe, verlegen die Kunststoffrohe, in die später die Stromkabel hineingezogen werden, und betonieren diese im Boden. Rechts und links des Leitungstrassees ragt der ausgebaggerte Untergrund empor. «Wir müssen ihn nach Abschluss der Arbeiten genau so wieder einbringen, wie er zuvor lag, und ihn nicht durchmischen», erläutert Sandro Dinser, bei Swissgrid für das Engineering zuständig. Hinterher werde nichts mehr vom Kabelgraben zu sehen sein, verspricht Dinser. Bäume dürften darauf aber keine angepflanzt werden.

Und es gab auch schon viele andere «Challenges», von denen Bauleiter Gerhard Hauser immer wieder spricht. Davon war die grösste sicher, die Erdkabelleitung unter der SBB-Bahnlinie hindurch zu verlegen, ohne dass der Zugverkehr beeinträchtigt wurde. Hauser und seine Männer haben dort das Microtunneling-Verfahren angewendet, bei dem im Unterschied zur restlichen Strecke grabenlos verlegt und ein rund zwei Meter im Durchmesser grosser Tunnel gegraben wurde. «Wir sind hier zum Teil nur 30 Zentimeter pro Tag vorangekommen, wenn wir mitten im Fels lagen», so Hauser. Maximal seien es rund zwei Meter pro Tag gewesen. «Deshalb ist das eben sehr schwer zu kalkulieren.»

 

Ideale Wetterbedingungen

Insgesamt aber hat das milde Herbst- und Winterwetter Swissgrid in die Hände gespielt: Das Übergangsbauwerk Süd, direkt an der Bahnlinie gelegen, ist schon fertig. Bahntrassee und Bözbergstrasse sind bereits untertunnelt, und auch am Übergangsbauwerk Nord laufen die Arbeiten auf Hochtouren. Noch nicht vollständig gegraben ist das 1,3 Kilometer lange Erdkabeltrassee. Auch hier gibt es mit einem Steilhang-Abschnitt laut Hauser noch eine weitere «Challenge» zu bewältigen. Die beiden Übergangsbauwerke sind notwendig, um das 1,3 Kilometer lange Kabeltrassee mit dem 5,2 Kilometer langen Freileitungsbereich zu verbinden: 25 Meter hohe Stahlträgerkonstruktionen, die das Erdkabel aufnehmen und nach oben führen.

Damit die bei Brugg Cables gefertigten Stromkabel im Sommer verlegt werden können, bereiten die Bauarbeiter das Trassee seit Herbst 2018 vor: Sie ziehen Kunststoffrohre ein und betonieren diese schliesslich. Voraussichtlich im Juli/August rollen dann die zwölf Schwertransporter an. Jeder hat eine riesige Trommel auf der Ladefläche, auf der das jeweils 1,3 Kilometer lange Stromkabel aufgewickelt ist. Es wird auf einmal in seiner Gesamtlänge in die Rohre eingepresst: zwölf Mal parallel in zwei nebeneinanderher laufenden Betonblöcken. «Auch das wird dann sicher noch einmal eine Herausforderung sein», schätzt Projektsprecher Schenk. Rund 34 Tonnen bringt allein ein Kabel auf die Waage.

 

34 Millionen Franken 

Ende 2020 soll die neue Leitung in Betrieb gehen, danach kann die alte Freileitung zwischen Rüfenach und Habsburg abgebaut werden. Dies wird Schenk zufolge bis Ende 2021 dauern. 34 Millionen Franken koste das Projekt insgesamt. Davon entfallen 20 Millionen auf den unterirdischen Bereich samt den beiden Übergangsbauwerken. Hätte Swissgrid die Leitung komplett oberirdisch bauen können, wären die Kosten niedriger ausgefallen. Doch das Unternehmen hatte keine Wahl. Ordnete doch, nach langer Vorgeschichte und vielen Einsprachen, das Bundesgericht 2011 an, dass am «Gäbihübel» die Leitung in den Boden muss – aus Landschaftsschutzgründen und weil es den Bewohnern anders nicht zuzumuten sei.

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