Sehnsucht nach Liebe und Erotik

Seine Behinderung schrecke Frauen ab, glaubt Dölf Keller. Dennoch hat er die Hoffnung, noch die Richtige zu finden, nicht ganz begraben.

Das Elektromobil verleiht ihm Freiheit: Seine Cerebralparese schränkt Dölf Keller (58) stark ein. (Bild: ub)

21. Juni 2022
21:02

In seinem knallroten Elektromobil kommt Dölf Keller zum Interview angefahren. Der Gang zum Tisch ist für ihn mühsam. Er braucht dafür zwei Gehstöcke. Wegen eines verschobenen Wirbels und den daraus resultierenden starken Schmerzen war er kürzlich in der Hirslanden-Klinik. «Die Ärzte setzten mir eine Medikamentenpumpe ein, die aber starke Nebenwirkungen verursachte. Mir war ständig übel. Deshalb musste sie wieder entfernt werden.»

Der 58-jährige Wettinger leidet unter einer Cerebralparese. Sich zu artikulieren, fällt ihm schwer, seine Bewegungen sind fahrig, und er hat Spasmen am ganzen Körper. Bei seiner Geburt erlitt er durch schwierige Umstände eine Hirnblutung und ist seither behindert. Keller sagt das Wort bewusst und will nicht politisch-korrekt als «Mensch mit besonderen Herausforderungen oder handicapiert» beschrieben werden. «Ich bin behindert. Punkt», meint er.


Er interviewt Prominente
So offen, wie er über seine körperlichen Schwierigkeiten spricht, ist Keller auch in Sachen Liebe. «Ich hatte noch nie Sex mit einer Frau und wünsche mir eine Freundin. Ich habe Sehnsüchte und Bedürfnisse wie alle anderen Menschen auch.» Die Boulevard-zeitung «Blick» brachte ihn 2021 sogar auf die Titelseite mit der Schlagzeile «Dölf will endlich lieben». Darin spricht er über seine bisherigen Erfahrungen. Erotik sei für Menschen mit Behinderung immer noch ein Tabu, bekundet er traurig. Ihm fehlten vor allem Berührungen und die Zuneigung einer Frau. Sex aus Mitleid wolle er allerdings nicht. Genauso wenig wie gekaufte Liebe. «Ich möchte echte Gefühle von beiden Seiten», sagt er. «Aber meine Behinderung schreckt Frauen ab.»

Wegen der Sprachschwierigkeiten erweckt Keller im ersten Moment den Eindruck, er sei geistig beeinträchtigt. Doch das ist keineswegs der Fall. Er ist voll da; er hat die normale Primarschule besucht, in der er aber gemobbt wurde. «Das beschäftigt mich bis heute stark», gesteht der Wettinger. Später absolvierte er eine Lehre zum Kleingerätemonteur und eine kaufmännische Ausbildung. Seit 2015 moderiert Keller auf Kanal K Sendungen. Zurzeit die Talkshow «Der flotte Zweier», in der er schon Peach Weber, Emil Steinberger, Lara Stoll, Kurt Aeschbacher, Renato Kaiser und andere Prominente zu Gast hatte. Jeden zweiten Samstag im Monat wird die Sendung von 18 bis 19 Uhr ausgestrahlt. Als Gesprächsleiter fasst er sich wegen seiner Sprachbarrieren kurz, erweist sich aber als guter Zuhörer, geht feinfühlig und schlagfertig auf seine Gesprächspartner ein. Hat er einen Wunsch-Interviewpartner? «Adolf Ogi. Der hat sich von unten nach ganz oben gekämpft.» – Die einzige wahre Liebe habe er von seiner Mutter Rosemarie erlebt, erzählt Dölf Keller. Obwohl er eine eigene Wohnung in Wettingen hat und den Haushalt selbständig führt, besuchte er sie über Jahrzehnte täglich. Das gemeinsame Mittagessen war ein Fixpunkt für ihn.


Einsamkeit nach Mutters Tod
2018 starb seine Mama an Krebs. Seither fühlt er sich enorm einsam. Zwar hat er noch einen jüngeren Bruder. Der Kontakt ist aber eher lose. Als «treue Seele» erweist sich Fred Grob, der ehemalige Leiter des Christlichen Sozialwerks Hope, mit dem er sich ab und zum Lunch trifft. Und auch sein Freund Manfred, der während des Interviews anruft und ihn fürs Wochenende in sein Ferienhäuschen in Neuenburg einlädt. Das Telefonat zaubert zum ersten Mal ein Lächeln in Kellers Gesicht. Finanziell ist er dank der IV und dem Erbe seiner Eltern unabhängig. Und er stellt nochmals klar, dass er kein Pflegefall sei: «Ich kann selber kochen, waschen, duschen und mich alleine anziehen.»

Um der Liebe auf die Sprünge zu helfen, hat Dölf Keller sogar schon Kontaktanzeigen aufgegeben: «Daraufhin meldeten sich zwar ein paar Frauen. Aber sobald sie erfuhren, dass ich behindert bin, erlosch ihr Interesse schlagartig.» Sein innigster Wunsch wäre, eine Partnerin zu finden, mit der er gemeinsame Interessen teilen und das erste Mal Sexualität erleben kann. «Das ist zwar mit ­zunehmendem Alter schwierig, aber nicht unmöglich. Da verhält es sich für Menschen mit Behinderung gleich wie für jene ohne», ist Dölf Keller überzeugt. Er gibt die Hoffnung, seine Herzensdame zu finden, nicht auf.

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