Sie kämpfen für kirchliche Demokratie

Am 23. November steht die Kirchgemeindeversammlung der katholischen Kirche Gebenstorf-Turgi an. Dabei gehts um die Basis der Demokratie.

Wünschen sich eine Kirche, in der sie gehört werden: Bernhard Hollinger, Hilde Seibert und Willy Deck. (Bild: aru)

17. November 2021
18:44

«Wir sind ganz Ohr!»: Unter diesem Slogan läuft aktuell der weltweite Partizipationsprozess der katholischen Kirche. Angeregt hat ihn niemand geringerer als Papst Franziskus. Er wolle eine synodale Kirche – eine Kirche, in der Menschen miteinander sprechen und aufeinander hören, erklärt sich das geistliche Oberhaupt der Katholiken. Ganz anders präsentiert sich da die katholische Kirche Gebenstorf-Turgi – und dies schon seit Monaten (die «Rundschau» berichtete). Aktuell stehen ihre Mitglieder vor einem der ganz grossen partizipativen Anlässe eines Kirchenjahrs – der Kirchgemeindeversammlung. Diese bietet in einer demokratischen Gemeinschaft, wie sie eine Kirchgemeinde ist, die Möglichkeit, mitzureden, mitzukritisieren, mitzuwünschen und mitzubestimmen. In Gebenstorf-Turgi ist der Anlass für den 23. November angekündigt.


Brisante Traktanden
Dies allerdings war bis zur Frist von 14 Tagen vor dem Anlass, bis zu der die Unterlagen bei den Mitgliedern der Kirchgemeinde hätten ankommen müssen, erst wenigen klar. Wie Recherchen der «Rundschau» zeigen, hat sich der Versand in vielen Fällen verspätet. Auf der Homepage der Kirchgemeinde (kathkirchegetu.ch) war bis zum Abschluss dieser Zeitung am Dienstagabend kein Hinweis auf die Kirchgemeindeversammlung zu finden. Dies spricht nicht gerade für eine an einem demokratischen Prozess interessierte Kirchenpflege. Immerhin geht es bei der Versammlung um einigermassen brisante Traktanden.

Da wären zum einen die Genehmigung des Protokolls der Kirchgemeindeversammlung vom 26. November 2019, die Genehmigung der Rechnung 2020 und die Genehmigung des Voranschlags 2022. Nachdem bei der ersten Abstimmung vom 24. Januar das Protokoll und die Rechnung 2019 sowie der Voranschlag 2021 abgelehnt wurden, war am 2. Mai ein zweiter Urnengang fällig geworden. Doch auch bei diesem schmetterten die Gläubigen alle drei Traktanden mit grossem Mehr ab. Danach musste der Kirchenrat der römisch-katholischen Landeskirche übernehmen.

Die Abstimmungen brachten damals zutage, was der seit Monaten schwelende Konflikt zwischen der Kirchenpflege unter dem Präsidium von Daniel Ric, dem ehemaligen Pater Adam Serafin, der gemäss Weisung des Bischofs mittlerweile in den Pfarreien Gebenstorf, Turgi und Birmenstorf keine Ämter mehr bekleiden darf, dem Kirchenrat der Römisch-Katholischen Kirche des Kantons Aargau und einem grossen Teil der Gemeindeglieder angerichtet hatte: Die Gemeindeglieder hatten der Kirchenpflege definitiv das Vertrauen entzogen.


Ersatzwahl steht an
Auf der Traktandenliste für den 23. November findet sich ein weiterer brisanter Punkt. Bis Ende November 2021 ist die Kirchenpflege laut Verdikt des Rekursgerichts verpflichtet, die von der «Initiativgruppe Gebenstorf-Turgi» beantragten und anlässlich der Urnenabstimmung vom 24. Januar angenommenen Ergänzungswahlen durchzuführen. Will heissen: Die Anzahl der Kirchenmitglieder ist von heute 5 auf 8 festzusetzen, die zusätzlichen Mitglieder sind umgehend zu wählen. Dieses Traktandum allerdings fehlt in den Unterlagen für den 23. November. Stattdessen findet sich dort das gegenteilige Traktandum «Senkung der Anzahl Kirchenpflegemitglieder auf 5».

Für die Wahl in die Kirchenpflege stellen sich Willy Deck, Bernhard Hollinger und Hilde Seibert zur Verfügung. Sie gehören zu den Begründern der
«Initiativgruppe Gebenstorf-Turgi», der mittlerweile weit über hundert Gläubige angehören. Seit letzter Woche sind sie auch mittels einer eigenen Homepage (zurueck-in-die-zukunft.ch) aktiv. «Wir wollen so nicht weitermachen», sagen die drei Vertreter beim Gespräch im Turgemer Bistro Marta. «Wir schämen uns für unsere Kirche.» Im Interesse der Demokratie mobilisieren sie zurzeit die Mitglieder der Kirchgemeinde für die Teilnahme an der Versammlung. «Kirche bedeutet die Gemeinschaft aller Mitglieder», betonen die drei. «Es ist nun an uns allen, für unsere Kirche zu kämpfen und sie wieder zurückzuerobern.» Schliesslich wünschen sich die drei Kandidaten, so versichern sie, nichts mehr, als eine Kirche, der die Menschen wieder vertrauen.

Endgültig zerbrochen ist das Vertrauen vonseiten Birmenstorf. Die Kirchgemeindeversammlung vom 10. November hat dem Antrag zugestimmt, den Vertrag über die Zusammenarbeit und Finanzierung zwischen den beiden Kirchgemeinden Gebenstorf-Turgi und Birmenstorf definitiv zu kündigen.

 

Dienstag, 23. November, 20 Uhr

Katholische Kirche, Gebenstorf

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