Sie lässt sich nicht bremsen

Die 35-jährige Ära von Flamencos en route geht mit der Aufführung «ay! viñetas de Lorca» dort zu Ende, wo alles begonnen hat: im Kurtheater.

Brigitta Luisa Merki vor dem Studio im Oederlin-Areal, in dem alle Produktionen entstanden, die das Publikum zu Begeisterungsstürmen hinrissen. Bild: ub)

28. Oktober 2020
18:09

Brigitta Luisa Merki sitzt allein in ihrem Studio im Oederlin-Areal. In den Proberäumen wurden von Kunstschaffenden für Flamencos en route und Tanz & Kunst Königsfelden in monatelanger harter Arbeit komplexe Meisterwerke kreiert, die nachher im In- und Ausland das Publikum zu Begeisterungsstürmen hinrissen. Dass das Aargauer Kuratorium nach der radikalen Subventionskürzung auch die Unterstützung für ihr choreografisches Residenzzentrum verweigert und unter anderem damit begründet, dass die Räumlichkeiten nicht für Tanz geeignet seien, ist für sie deshalb absolut unverständlich. «Jahrelang brachte ich hier einige der besten Musiker, Tänzer und Choreografen aus der ganzen Welt zusammen. In dieser künstlerischen Oase entwickelten sich Meisterwerke für die grossen Bühnen.» Dass sie nun mangels des finanziellen Supports das Ende von Flamencos en route bekannt geben musste, schmerzt sie vor allem, weil sie ihrer Crew keinen Job mehr bieten kann. «Die Sicherheit einer Compagnie gibt den Künstlerinnen und Künstlern zumindest monateweise Arbeit. Sie sind nicht gezwungen, in vielen Projekten gratis mitzuproben, wovon sich am Schluss nur eines realisiert.» Im Überlebenskampf, der wegen Corona doppelt so schwierig ist wie sonst schon, versuchen viele der ehemaligen Flamencos en route-Mitglieder mit online-Lektionen im Tanz- und Fitnessbereich etwas Geld zu verdienen. «Für die Musiker und Sänger ist es ganz hart. Sie können nur dank Auftritten überleben», meint Merki.


The show must go on
Aus der ursprünglich geplanten Tourneeproduktion «ay! viñetas de Lorca» zum 35-Jahre-Jubiläum von Flamencos en route wurde der letzte Auftritt der Compagnie. Veranstaltungsort war das Kurtheater Baden, weil dort die Truppe mit «Obsésion» ihre glanzvolle Karriere startete. Und wie wenn es kein Morgen gäbe, geben die Musiker und Tänzer bei der Geschichte des Hirten, der einsam durch die Lande  zieht und die Menschheit mit all ihrer Zerrissenheit zwischen Gefühl und Verstand, Geist und Trieben erlebt, nochmal alles. Merki hat mit den Choreografen Eduardo Leal und David Coria atemberaubende Szenen und Bilder zu raffinierten mobilen Bühnenelementen von Gillian White kreiert. Wenn die Stimmen der Sängerinnen und des Sängers klagen und dazu das Staccato der Füsse auf dem Theaterboden zu hören ist, das immer schneller wird bis zur Ekstase, spendet das Publikum spontan Applaus. Und man kann sich ein Leben ohne Flamencos en route eigentlich nur schwer vorstellen. Trotz Stress, weil viele Künstler wegen Corona in Quarantäne gehen mussten und das Budget bis auf den letzten Rappen an Löhne hinging, tanzt Merki zum Schluss zu Standing Ovations mit allen Beteiligten von der Bühne. Das ist ihre Welt, die sie trotz Widerstand niemals aufgeben wird. «Freiwillig treten wir nicht ab von dieser Bühne», sagt sie in ihrer Schlussrede nach der letzten Vorstellung von «ay! viñetas de Lorca» im Kurtheater. Und fügt hinzu: «Die Leidenschaft für den Tanz und für die Kunst kann uns niemand nehmen.»


Alles auf eine Karte gesetzt
Die Badenerin Brigitta Luisa Merki war Primarlehrerin in Lengnau und gerade mal 20, als sie in Zürich zum ersten Mal einen Flamenco-Kurs von der legendären Tänzerin Susana und ihrem Partner, dem Komponisten Antonio Robledo besuchte. «Ich war total fasziniert», meint sie im Rückblick. Jahrelang bildete sie sich in Madrid weiter und pendelte zwischen ihrem Aargauer Berufsort und Spanien hin und her. 1980 fasste sie den Entschluss, alles auf eine Karte zu setzen. Die ersten Schritte in die Öffentlichkeit machte sie mit Soloprojekten, in denen sie  Flamencotanz mit Poesie und Schauspielerei kombinierte. Sie war eine Vorreiterin von spartenübergreifender Kunst, die sie seit 2007 mit dem Projekt «Tanz & Kunst Königsfelden» weiterführt. 1984 gründete Merki die Compagnie Flamencos en route.

Den Namen, der später Programm wurde, gaben die Choreografin Susana und der Komponist Antonio Robledo. Merki tanzte Soloparts auf der Bühne, bis Susana einen Schlaganfall hatte. 1991 übernahm sie die künstlerische Leitung. Ihren beiden Mentoren blieb sie bis zu deren Tod verbunden: «Sie waren für mich und meinen Mann Pitt Hartmeier Familie und wir betreuten sie bis zum Schluss.»


Trotz Widerstand geht es weiter
«Soleà and the Winds», 1999, war das allererste Projekt unter Merkis Federführung, das Flamenco mit zeitgenössischem Tanz verband und begeistert aufgenommen wurde. Die Choreografin gewann mit weiteren Projekten 1999 den Kulturpreis der AZ-Medien und 2004 den Reinhart-Ring, die grösste Auszeichnung für das Schweizerische Tanzschaffen. «Ich habe eine Schublade voller Ideen und muss nur warten, wie ich sie realisieren kann», bekundet sie heute. Dank des Supports von Swisslosfond, Stiftungen und Privatgeldern sind die Studios im Oederlin-Areal weiterhin als Proberäume gesichert. Merki will ein Residenzzentrum für die Kunstsparte Tanz – sowohl für professionelle als auch Vermittlungsprojekte – gründen. Als nächtes entsteht an diesem Kreativort die Produktion «Sei Nacht zu mir» von Tanz & Kunst Königsfelden. Brigitta Luisa Merki wird für die Dramaturgie verantwortlich sein und hat für die Choreografie Remus Sucheana gewinnen können, den ehemaligen Direktor des Balletts am Rhein Düsseldorf. In ihrer Mission, künstlerisch neue und lebensbereichernde Impulse zu setzen, lässt sich Brigitta Luisa Merki niemals bremsen. Egal wie schwierig die Umstände auch sein mögen.

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