Sie lehrte Kinder Dinge des Lebens

Wenn in Hausen von «der Kindergärtnerin» die Rede ist, bestehen keine Zweifel: Chantal Zehnder-Ryser ist gemeint.

Mit Herz und Seele Kindergärtnerin: Chantal Zehnder-Ryser (Bild: h.p.w.)

02. Juli 2020
09:00

Zwar unterrichtete Chantal Zehnder-Ryser seit 2001 wegen der Familienpflichten nicht im Vollpensum am Kindergarten Hausen, der von damals zwei auf heute vier Abteilungen angewachsen ist. Trotzdem war sie die bekannteste Lehrperson im Dorf. Sie prägte und trug als Kindergartenvertreterin in der Steuerungsgruppe die Entwicklung der Schule mit – ja, sie verkörperte sie durch ihr Engagement und Temperament. Wie sie vor allem auch mit «nicht konformen» Kindern umzugehen verstand, verschaffte ihr elterliches Vertrauen und öffentliche Achtung. Sie war eine Kommunikatorin und zähe Kämpferin, akzeptierte aber demokratische Entscheide loyal, auch wenn sie nicht ganz ihren Erwartungen entsprachen.

Den Kindergarten verglich sie mit einem Acker, für dessen Bestellung sie keine Mühen scheute. Sie pflügte, säte, pflegte und erntete. Doch musste sie auch lernen, die Kinder wieder loszulassen. Ihre pädagogisch-didaktische und musische Begabung trugen ihr zusätzliche Aufgaben ein. Manchen Schulanlässen und Jugendfesten steckte sie Glanzlichter auf. In Schülerchören wurden ihre jugendgerechten Liedtexte mit coolen Melodien von Erstklässlern bis zu pubertierenden Sechstklässlern mit Begeisterung gesungen. Chantal Zehnder war mit Leib und Seele Kindergärtnerin. Nun tritt sie, 53-jährig, vorzeitig aus dem Hauser Schuldienst aus. Das ist ein Verlust für das Dorf. 

 

Eine Brückenbauerin

Die Demissionärin war eine Gestalterin. Sie wollte den Kindern Raum geben, worin sie sich mit ihrer Unterstützung entfalten konnten. Und sie lehrte sie Dinge des Lebens, die nicht ausdrücklich im Lehrplan standen, zum Beispiel genaues Hinsehen und Hinhören, sich respektvoll und angstfrei begegnen. Zwar war sie streng, aber sie liess ihre Schützlinge stets spüren, dass sie sie gern hatte. Aus Erfahrung wusste sie: Kinder brauchen Anleitung, Begleitung – und Zeit. Sie werden nicht schneller gross, auch wenn das Leben immer hektischer wird. Die seinerzeitige Verlängerung des Kindergartens auf zwei Jahrgänge schien ihr richtig, jedoch vermisste sie in der Schul- und Bildungspolitik gelegentlich die Einsicht, dass das später auf Vierjährige vorgezogene Eintrittsalter auch grössere Anforderungen an Betreuung und Ressorcen stellte. 

In einem ihrer Liederverse kommt der Satz vor: «Schule ist ein Ort, wo die Gedanken Welten bau’n.» Chantal Zehnder-Ryser verstand sich als Brückenbauerin. Sie ging vorurteilsfrei auf Jung und Alt zu. Offenheit und Transparenz waren ihr wichtig. So informierte sie mit ihrer Jobsharing-Partnerin jahrelang in vierteljährlichen Briefen die Eltern über das aktuelle Geschehen in ihrer Kindergartenklasse. Und sie kontaktierte die Familien nicht nur, wenn Probleme anzusprechen, sondern auch ein Lob anzubringen war. Inzwischen unterrichtete sie bereits die Kinder von Vätern und Müttern, die schon bei ihr im «Chindsgi» waren. Es gibt wohl kaum ein schöneres Vertrauensbeispiel als die albanische Mutter, die kürzlich ihr Neugeborenes in Chantal Zehnders Arme legte und wünschte, sie möge auch die Lehrerin dieses Mädchens werden, wie sie es schon für ihren älteren Buben war. 

Seit ihrem Stellenantritt vor 19 Jahren erlebte Chantal Zehnder-Ryser die starke Veränderung der Gemeinde Hausen und ihrer Schule. Damals bezog sie einen neueren Kindergarten – er wird gegenwärtig renoviert –, aber Einrichtung und Ausrüstung waren dürftig. Solche Mängel existieren heute nicht mehr. Spürbar ist hingegen der gesellschaftliche und soziale Wandel. In der Schule manifestiert er sich am krassesten bei überbehüteten und bei zu wenig geförderten Kindern. Sie sei mit schwierigsten Situationen konfrontiert worden, deutet die abtretende Lehrerin an. Aber das Staunen über die Kraft des Lebens habe sie dabei nicht verloren. 

 

Vorgezeichneter Weg

Dass sie Kindergärtnerin werden wollte, stand für Chantal Ryser schon in der Bezirksschule fest. Sie wuchs im Wynental auf, der Vater war in leitender Stellung in Industrieunternehmen tätig; er starb zu früh mit 63 Jahren. Die Grosseltern Walther und Verena Ryser waren stadtbekannte Persönlichkeiten in Brugg. Verständnisvolle Lehrer wie der Kunstmaler Kurt Hediger oder der Aarauer Stadtorganist Ernst Gerber förderten die feinfühlige, musikalisch, zeichnerisch und sprachlich begabte Schülerin. Sie vermochte Töne zu unterscheiden, bevor sie die Noten richtig verstand. Dieses Differenzierungsvermögen half ihr später im Beruf. 

Nach der Töchterschule Aarau trat Chantal Ryser in das Kindergartenseminar in Brugg ein, übernahm hierauf erste Stellen in Brugg und Windisch, wurde jung und unerwartet in den Brugger Einwohnerrat gewählt und heiratete mit 23 Jahren den Forstingenieur und damaligen Brugger Stadtoberförster Urs Zehnder – Nachfolger des langjährigen Stadtoberförsters Rudolf Zehnder, aber nicht mit ihm verwandt. Das Paar bekam zwei Töchter, die inzwischen erfolgreiche Karrieren einschlugen. Chantal Zehnder-Ryser konzentrierte sich auf die Mutterrolle und stellte die Berufstätigkeit vorübergehend ein, mit Ausnahme von Einsätzen wie Deutsch für fremdsprachige Kinder und Kurse am «Semi» Brugg, wo man sie gern angestellt hätte.

Mit dem Erwerb eines Eigenheims in Hausen nahm die Lehrerin 2001 am neuen Wohnort ein Teilpensum an und wurde durch ihr Wirken zu einer dorfbekannten, geschätzten Persönlichkeit. Jetzt gibt sie die Stelle auf, weil sie nach eigenen Worten das Gefühl hat, eine Grenze der Hingabe sei erreicht. Der «Dank der Republik» ist ihr zumindest aus der Dorfbevölkerung gewiss.

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