«Sie standen für die Musik ein»

Sandro Erni (19) studiert Trompete und besucht gleichzeitig das Gymnasium. Seine Maturaarbeit widmet er geflüchteten Komponisten.

«Musik ist meine Berufung», sagt der Untersiggenthaler Sandro Erni. (Bild: zVg)

10. Dezember 2021
09:05

Sandro Erni, in Ihrer Maturaarbeit machen Sie «Flucht und Musik» zum Thema. Wie kamen Sie darauf?

Es war etwa vor einem Jahr, da war ich unterwegs an eine Probe. Im Tram fiel mir ein Mann auf. Er hatte einen zerknüllten Zettel in der Hand und wirkte verloren. Plötzlich fragte er mich, wie er zum Bundesasylzentrum komme. Wir stiegen zusammen aus, und mir gingen viele Fragen durch den Kopf. Was wäre, wenn ich als Musiker meine Heimat verlassen müsste? Wie würde sich der Stellenwert der Musik in meinem Leben verändern? So begann dieses Thema, in mir zu wirken.


Sie haben inzwischen viel dazu recherchiert. Was fiel Ihnen auf bei all den Komponisten, die sich auf der Flucht befanden?

Sehr viele Komponisten, die im letzten und vorletzten Jahrhundert flüchten mussten, setzten als Künstler auch ein politisches Statement. Und ich habe zwei Hauptstränge gefunden. Die einen flüchteten vor dem Nationalsozialismus in Deutschland, aufgrund ihrer politischen Haltung oder ihrer jüdischen Abstammung. Zu ihnen gehörte beispielsweise Paul Hindemith. Er eckte einerseits mit seinem künstlerischen Stil an und war andererseits mit einer Frau jüdischer Abstammung verheiratet.


Und der andere Strang?

Der besteht aus russischen Komponisten, die vor dem Stalin-Regime flüchten mussten. Mich beeindruckte etwa Sergei Bortkiewitcz. Er musste gleich zweimal flüchten. Der Musiker studierte in Deutschland, wurde dann nach Russland deportiert und musste später wieder aus Russland nach Wien und Berlin fliehen. Auch Oskar Böhme, der zweite russische Komponist, der in unserem Konzert in Nussbaumen zur Aufführung kommt, fasziniert mich. Er war deutscher Abstammung und zugleich russischer Staatsbürger, einer der besten Trompeter seiner Zeit und Solist im berühmten Mariinski-Theater in St. Petersburg. Böhme wurde verfolgt und schliesslich zum Tode verurteilt. Ihm gelang die Flucht nicht – leider!


Das sind berührende Schicksale. Hat die Musik diesen Komponisten so etwas wie Heimat geboten?

Vielleicht, ja. Sie eckten – das zeigt das Beispiel Hindemith – mit ihrer Musik an und wurden verfolgt. Trotzdem standen sie für die Musik ein. Und sie blieben ihrem Beruf treu. Mir wurde während der Arbeit klar: Musik ist nicht einfach ein Beruf, sondern eine Berufung, eine Lebensart. Ich bin nicht von sechs Uhr morgens bis acht Uhr abends Trompeter, sondern immer – auch in den Ferien.


Inwiefern enthielt Hindemiths Musik auch eine politische Aussage?

Sie entsprach nicht dem gewünschten, geforderten Ideal. Er begab sich musikalisch auf Abwege, löste sich von den Vorbildern, experimentierte mit neuen Formen. Das Werk «Morgenmusik» von Paul Hindemith, dessen ersten Satz wir spielen, wurde 1932 geschrieben. Es war als Gebrauchsmusik gedacht, und der Komponist übte es mit jungen Menschen ein – hatte also auch eine soziale Absicht. Damit stellte er sich gegen die Vorstellung eines «genialen» und zugleich abgehobenen Komponisten. In seinem Werk wechseln sich freie mit vertrauten Tonalitäten ab.


Verwenden Komponisten auf der Flucht auch explizit Zitate aus ihrer Heimat, zum Beispiel Volkslieder?

Bei den vermutlich 1925 in Wien geschriebenen «Russischen Weisen und Tänzen», die wir von von Sergei Bortkiewicz spielen, gibt es ganz klar volkstümliche Einflüsse. Dieser Komponist blieb also der Heimat verbunden – zumindest in der Musik.


Wurden die Kompositionen, die Sie spielen, alle explizit für Blechbläserensembles komponiert?

Es gibt zwar viel mehr Komponisten, die geflüchtet sind, als man denkt, aber es ist sehr schwierig, Werke für Bläserquartette, -quintette oder -sextette zu finden. Wir spielen zwei Originale und zwei Arrangements. Zu den Originalen gehört Böhmes Sextett. Es wurde ursprünglich gar für sechs verschiedene Trompeten komponiert! Wir spielen es aber in anderer Fassung. Der «Honeymoon Song» von Mikis Theodorakis, ursprünglich eine Filmmusik, spielen wir in einem Arrangement für Bläserquintett. Der Song wurde übrigens später von den Beatles vertont. Die «Russischen Weisen und Tänze» von Sergei Bortkiewicz – ursprünglich für vierhändiges Klavier geschrieben – waren mit Abstand die aufwendigsten Stücke bezüglich Bearbeitung.


Inwiefern?

Ich fand die Aufnahme bei der Recherche auf einer CD und suchte nach dem Arrangeur. Es war der deutsche Musiker Frank Lefers. Ich schrieb ihm, ob er Angaben zu den Noten machen könne. Er antwortete, dass man diese nicht erwerben könne und suchte auf dem Estrich nach der Handschrift. Diese schickte er mir dann als Scan per Mail, und ich liess sie digitalisieren für unser Ensemble. Somit ist das Werk in dieser Fassung eine Erstaufführung in der Schweiz.
Eine abenteuerliche Geschichte.


Gesetzt den Fall, Sie müssten selbst fliehen: Welches Herzensstück würde Sie begleiten?

Ich fühle mich emotional den Werken am stärksten verbunden, die mich bei einem Meilenstein in meiner Musikerkarriere begleitet haben. Mit dem Trompetenkonzert von Oskar Böhme habe ich diesen Frühling beim Schweizer Jugendmusikwettbewerb in der Vorausscheidung und im Gesamtfinal den ersten Preis mit Auszeichnung erreicht. Dieses Werk habe ich so intensiv geübt, dass es genauso intensiv noch in mir drin ist und ich es jederzeit auswendig spielen könnte. Es ist mir in Fleisch und Blut übergegangen!

Im Rahmen seiner Maturaarbeit konzertiert Sandro Erni (Trompete) zusammen mit Nikolaos Nikas, Pit Brandenburger (beide Trompete), Marcel Üstün (Horn), Robert Jöchl (Posaune) und Sergio Sanjuan (Tuba). Zur Aufführung gelangen Werke von Komponisten, die in ihrer Heimat verfolgt wurden. Die Kollekte kommt dem Verein Netzwerk Asyl Aargau zugute.


Freitag, 17. Dezember, 19 Uhr
Katholische Kirche, Nussbaumen

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