«Sie wollte jetzt einen Hund, nicht später»

Von heute auf morgen hatte man in der Corona-Krise viel mehr Zeit zur Verfügung. Endlich Zeit für einen Hund. Diesen Gedanken hatten viele.

So herzig sie auch sind: Die Anschaffung eines Hundewelpen will gut überlegt sein. (Bild: zVg)

12. August 2020
13:38

«Mit Covid ist es losgegangen», erinnert sich Michael Gruber. Seit 26 Jahren züchtet er Flatcoated Retriever und Cockerspaniel. Aber solch eine Mailflut habe er in all den Jahren noch nie erlebt. «Nachdem die Anfragen in den letzten Jahren kontinuierlich zurückgegangen sind, haben sie diesen Frühling explosionsartig zugenommen. Ich war völlig erschlagen», erzählt Gruber. Und die Anfragen hätten nicht etwa wieder abgenommen. Er erhält täglich eine bis zwei neue Anfragen: «Die Interessenten möchten auf dem Laufenden gehalten werden, wann das nächste Mal eine Hündin gedeckt wird.» So eine starke Nachfrage sollte einen Züchter eigentlich freuen. Nein, es gäbe zu viele Schattenseiten, weiss Michael Gruber: «Ich hatte mich für eine Familie entschieden, von der ich daraufhin nie mehr etwas hörte. Auch nach mehrfachem Nachfragen nicht. Ausserdem fragten einige Interessenten bei mir nach Hunderassen, die ich gar nicht züchte. Sie haben sich im Vorfeld nicht richtig informiert, sondern wollten einfach einen Hund. Das weckt nicht viel Vertrauen.»


Ungeduldige Interessenten
Eine Zunahme der Anfragen erlebte auch Daniel Collet, Züchter von Lagotto-Romagnolo-Hunden. Auch wenn die Rasse in den letzten Jahren an Beliebtheit gewonnen hat, bekam er für den letzten Wurf drei- bis viermal so viele Anfragen wie sonst üblich. «Wir von der Zuchtkommission Lagotto Club Schweiz können uns gut vorstellen, dass die erhöhte Nachfrage daran lag, dass die Grenzen geschlossen waren», erklärt sich Daniel Collet die vielen Anrufe und E-Mails, welche auch die anderen Züchter im Club erlebt hatten. Erstaunt hat ihn auch die Annahme vieler Interessenten, ein Züchter hätte immer Welpen an Lager: «Die Anfragen waren sehr ungeduldig. Eine Wartezeit wurde meistens nicht akzeptiert», fügt Collet an.

Mit ungeduldigen potenziellen Käufern machte auch Claudia Comps aus Brugg ihre Erfahrung. Sie züchtet im zweiten Jahr Arbeitslabradore. In Erinnerung geblieben sei ihr vor allem ein Anruf, erzählt sie: «Eine Frau rief mich an und erkundigte sich nach einem Hund. Ich informierte sie daraufhin über die Wurfplanung für dieses Jahr. Sie meinte nur, sie wolle jetzt einen Hund und nicht erst im Sommer.»


Keine Rede von «Welpen-Run»
Dass die Anfragen bei Züchtern zugenommen hätten, bestätigt auch Andreas Rogger, Geschäftsführer der Schweizerischen Kynologischen Gesellschaft. Von einem «Welpen-Run» würde er aber nicht sprechen: «Die Verteilung der Anfragen ist gleich geblieben. Ein Drittel der Interessenten sind die spontanen Käufer, welche sich noch nicht wirklich viele Gedanken gemacht haben. Ein weiteres Drittel sind diejenigen, welche sich bereits stark mit dem Hundekauf beschäftigt, aber noch zu keiner Entscheidung gekommen sind. Das letzte Drittel sind die Interessenten, welche sich definitiv für eine Rasse entschieden haben und sich auch bewusst sind, was sie dem Tier bieten müssen.»


Stresssymptome bei Hunden
Auch die Hundeschulen spürten die Corona-Krise. Jacqueline Huber führt seit zehn Jahren die «Hundeschule Dogrelax» in Untersiggenthal. Während des Lockdowns von Mitte März bis Mitte Juni wurden keine Kurse durchgeführt. Genügend Arbeit hatte sie während dieser Zeit trotzdem: «Ich erhielt auffallend viele Anfragen infolge unerwünschter Verhaltensformen, insbesondere bei jungen Hunden», erinnert sich Jacqueline Huber. «In vielen Fällen steckte dahinter Überbeschäftigung, zu wenig Ruhe, kein geregelter Tagesablauf. Mit anderen Worten: Stress», erklärt sie. Der Grund dafür sei, dass infolge des Homeoffice die Menschen den ganzen Tag zu Hause waren. Der Hund zeigte plötzlich Verhaltensweisen, mit denen er seinen Stress abbauen musste. «Gerade in Familien mit Kindern, wo jeder etwas mit dem Hund unternehmen wollte, konnte der Vierbeiner nicht zur Ruhe kommen», sagt Huber.  


Häufung von Findelmeldungen
Auch beim Aargauischen Tierschutzverein in Untersiggenthal spürte man  in diesem Frühling eine erhöhte Nachfrage. «Wir haben die Interessenten jeweils darauf hingewiesen, dass es im Moment ungünstig sei, ein Tier anzuschaffen. Wir erklärten ihnen, dass sie nur jetzt zu Hause seien und später wieder arbeiten müssten. Wenn sie nach dem Lockdown immer noch Interesse an einem Tier hätten, könnten sie sich jederzeit wieder melden», erzählt Astrid Becker, Präsidentin des ATs. Aufgefallen seien ihr aber nicht die vielen Anrufe, da sie sowieso immer sehr viele Anfragen hätten, sondern etwas anderes: «Uns wurden sehr viele Findelkatzen gemeldet, die Spaziergänger entdeckt hatten. Ich kann mir gut vorstellen, dass dies damit zusammengehangen hat, dass die Leute vermehrt draussen in der Natur unterwegs waren», sagt Astrid Becker.


Verantwortung gegenüber dem Tier
Abschliessend lässt sich eigentlich nur noch sagen: Covid und Lockdown hin oder her, der Kauf eines Tieres muss so oder so immer gut durchdacht sein. Astrid Becker kann dies nicht oft genug betonen: «Jede Person, die sich ein Haustier anschafft, hat eine Verantwortung gegenüber dem Tier.» So kann eine Katze bis zu 18 Jahre, ein Hund 15 Jahre alt werden. Ausserdem braucht ein Haustier Zeit, kostet Geld, und man braucht eine Lösung, wenn man in die Ferien verreist. Und bei Katzen ist eine Kastration unbedingt notwendig. «Jede Person sollte sich dessen bewusst sein, wenn sie sich ein Haustier zutut. Diese Verantwortung gilt auch dann, wenn man das Tier nicht mehr möchte und es aussetzt. Damit nimmt man in Kauf, dass das Tier verletzt wird oder stirbt», ergänzt Astrid Becker zum Schluss. Man kann nur hoffen, dass diese Botschaft in den Köpfen auch angekommen ist. So herzig sie auch sind: Die Anschaffung eines Hundewelpen will gut überlegt sein.

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