Sprengkraft als Kopfsache

Seine Texte sind überraschend und vielseitig. Vielgeistig auch. Denn wer Markus Bundi liest, wird gezwungen nachzudenken.

Der Schriftsteller Markus Bundi bringt im Januar bereits sein nächstes Buch heraus. (bild: zVg | Christian Doppler)

14. Oktober 2020
21:32

Markus Bundi

Markus Bundi, geboren 1969 in Wettingen, aufgewachsen in Nussbaumen, studierte Philosophie, Neue Deutsche Literatur und Linguistik an der Universität Zürich und war Sportredaktor beim
«Badener Tagblatt», Kulturredaktor bei der «Aargauer Zeitung». Seit 2005 arbeitet er als Lehrer für Deutsch und Philosophie an der Alten Kantonsschule Aarau.

Markus Bundi, die Titelgeschichte ihres neusten Werks heisst «Der Junge, der den Bahnhof Zürich in die Luft sprengte». Es geht um einen türkisch-iranischen Schweizer Buben, der im Hauptbahnhof Zürich einen Fotoautomaten in die Luft sprengt. Die Idee ist ja sehr extrem, oder?

Eigentlich handelt es sich um ein Versehen. Weil der Fotoautomat nicht den Erwartungen des Jungen entspricht, deponiert er einen kleinen Sprengsatz. Da er sich bei der Dosierung um den Faktor 10 irrt, knallt es ein wenig lauter. Der Fotoautomat ist daraufhin futsch. Dass dahinter aber dennoch sogleich ein terroristischer Anschlag vermutet wird, die Medien entsprechend anrichten, führt dann zu jener Kettenreaktion, wie wir sie in den letzten Jahren doch einige Male beobachten konnten.


Was ist der Hintergrund dieser Geschichte?

Mich haben jene Anschläge der vergangenen Jahre beschäftigt, bei denen sich im Nachhinein herausstellte, dass es sich um einen Einzeltäter gehandelt hatte. Dies freilich, nachdem man von medialer wie auch politischer Seite längst auf einen terroristischen Anschlag geschlossen hatte. Ich glaube, dabei kommt das alte Sündenbock-Motiv zum Tragen. Es kann ja wohl nicht sein, dass ein Einzelner – ein einsamer Wolf – aus lauter Frust eines Tages um sich schlägt oder schiesst. Denn so ein Attentat wäre ja nicht voraussehbar, nicht motiviert. Dagegen hilft auch kein zusätzliches Polizeipersonal, kein ausgebauter Überwachungsapparat. In meiner Geschichte wird aufgrund eines Bubenstreichs ein Junge zum Terroristen gemacht. Dabei wird nicht nur dessen Leben vernichtet, sondern auch jenes seiner Familie.


Welches ist Ihre persönliche Lieblings-geschichte innerhalb Ihrer Erzählungen und warum?

«Die Einvernahme». Hier spricht ein Klugscheisser im wahrsten Sinn des Wortes, ein zweijähriger Hosenscheisser, der noch mit Klötzchen spielt.


Nun sind Sie kurz vor der Herausgabe eines Abenteuerromans, der im Januar erscheinen wird. Es geht um die Geschichte der letzten menschlichen Kolonie. Ein philosophischer Thriller?

Das wollte ich schon immer mal tun. Ich erzähle tatsächlich die Geschichte der letzten Kolonie, die unter Tage in einem permanenten Dämmerzustand lebt. Ein Experiment lässt
einige der Unterdrückten aufbegehren … Leserin und Leser finden sich wieder in der futuristischen Vision einer von Kapitalismus, Umweltschäden und Pandemien gezeichneten Menschheit, die sich unter ihren Füssen eine zweite Welt geschaffen hat. Aber was passiert, wenn die Unteren nach oben streben und die Oberen nach unten expandieren wollen? Irgendwie lesbar als Tragikomödie oder als absurdes Theater, denn Ernst und Spiel lassen sich zuweilen nur schwer voneinander unterscheiden.


Welchen Einfluss hatte die Corona-Pandemie auf dieses Werk?

Tja, Corona kam zu spät. Die Pandemie hatte ich schon auf dem Plan. Aber wer weiss, auch wenn das nicht beabsichtigt war, vielleicht wird dadurch der Roman noch ein bisschen authentischer.

Legen wir den Fokus nun auf Ihre Person. Sie sind in Nussbaumen aufgewachsen, leben heute in Neuenhof. Ihr Fokus scheint unendlich weit, Ihre Person ist immer in der Region geblieben. Warum?
Puh! Vielleicht hatte ich einfach Glück. Mir gefiel es in dieser Region schon immer. Baden hat als Kleinstadt eine ideale Grösse. Wer sich ein wenig auskennt, weiss auch, wo er zu welcher Zeit wen antreffen kann. Und vergessen wir nicht das grossartige Netz des öffentlichen Verkehrs in der Schweiz. Auch in Neuenhof befindet sich ein Bahnhof, und es verkehren mehrere Buslinien. Ich bin sehr schnell in Zürich oder Aarau, und ich finde auch leicht nach Innsbruck oder München. Mit anderen Worten: Ich halte die Unendlichkeit schon einigermassen im Zaum.


Spannend ist ja auch Ihr Lebensabschnitt als Handballprofi. Sie haben ein Jahr lang bei GC Handball gespielt. Was macht Handball als Sportart aus?

Handballprofi ist ein grosses Wort. Okay, ich hatte einen Toyota Starlet vom Verein, und es gab Punkteprämien. Und ja, neben den Trainings, Spielen und anderen Terminen blieb kaum Zeit fürs Studium. Wie professionell das war, lass ich lieber einmal dahingestellt. Was Handball als solches betrifft, so glaube ich noch immer, es sei der Kopfsport schlechthin. Wenngleich auch dieser Sport in den letzten 25 Jahren fraglos athletischer geworden ist, ohne Strategie und Psychologie gewinnt keine Mannschaft die grossen Spiele.


Wo holen Sie sich Ihren Ausgleich heute ohne Handball?

Klingt nicht grad attraktiv, aber ich achte heute viel mehr darauf, genügend Schlaf zu bekommen. Ich finde auch, einmal über fünfzig, sollte man sich nicht mehr zu schnell bewegen, das erhöht nur das Verletzungsrisiko. Das Schreiben ist ein einsames Geschäft. Da ich aber fast jeden Tag mit Schülerinnen und Schülern zu tun habe, ist ein Ausgleich durch mein Lehrerdasein gewährleistet.

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