«Stadt soll ein Signal setzen»

Das oberste Haus im Gebiet «Schnägg», am Brugger Hansfluhsteig, soll versteigert werden. Pro Natura möchte es erwerben und schützen.

Das Grundstück im Gebiet «Schnägg» mit Haus und Militärbunker (siehe weiteres Bild) soll versteigert werden
Das Grundstück im Gebiet «Schnägg» mit Haus und Militärbunker (siehe weiteres Bild) soll versteigert werden (Bilder: sha)

08. Mai 2019
09:00

Das Objekt der Begierde ist ein Bijou: Das mehreckige Grundstück am Südhang mit Fernsicht befindet sich in der Wohnzone W2 mit einer Ausnützungsziffer von 0,5. Sein Steckbrief in Kürze: Ein grosser Teil des Grundstücks liegt innerhalb des Waldabstandes von 18 m, und es gilt ein Grenzabstand von 4 m zum Nachbargrundstück. Der Hansfluhsteig gilt gemäss Bauverwaltung Brugg als schützenswert, was den Bau eines Abstellplatzes oder einer Garage nicht zulässt. Das Grundstück ist erschlossen mit Strom und Abwasser sowie einem rechtlich ungesicherten Kaltwasseranschluss an einen Aussenhahn der Nachbarliegenschaft für WC und Küche (im Winter nicht benützbar). Der Gebäudeversicherungswert beläuft sich gemäss Ausschreibung der «freiwilligen öffentlichen Liegenschaftsversteigerung» auf 102'000 Franken. Diese ist auf Dienstag, 28. Mai, 16 Uhr, im Gerichtssaal des Bezirksgerichts Brugg anberaumt.

 

«Versteigerung wäre Notnagel»

So weit soll es laut Ansicht der Naturschutzorganisation Pro Natura Aargau aber gar nicht erst kommen. «Der Erwerb im Rahmen der Liegenschaftsversteigerung wäre ein Notnagel», sagt Matthias Betsche, Präsident von Pro Natura Aargau. «Wir setzen uns dafür ein, dass das einmalig gelegene Grundstück zur Naturschutzzone erklärt wird.» Die Hoffnungen von Pro Natura ruhen nun auf der Stadt Brugg. Betsche bestätigt denn auch: «Wir sind in einem Schreiben an den Stadtrat gelangt und haben diesen aufgefordert, diese Parzelle aus der Bauzone und für den Schutz der Natur auszuzonen.» Betsche führt weiter aus: «Mit der Überbauung unserer Landschaften gerät auch die Artenvielfalt unter Druck. Der Bruggerberg ist zum Beispiel eine einmalige Landschaft, einer der trockensten und wärmsten Südhänge des Aargaus. Dieser Lebensraum lässt sich nicht einfach ersetzen, wenn er einmal überbaut ist.»

Laut Matthias Betsche gehört die Liegenschaft einer Erbengemeinschaft, bestehend aus Christine Riniker (Windisch) und Kathrin Riniker (Frenkendorf). Er bestätigt: «Wir sind in Kontakt mit den Eigentümerinnen.»

Doch macht Pro Natura mit dem «Going public» ihrer Absicht nicht gerade potenzielle Investoren für die Ersteigerung des einmalig gelegenen Grundstücks, auf dem sich womöglich auch attraktiver und teurer Wohnraum erstellen liesse, aufmerksam? Betsche glaubt es nicht: «Investoren haben ohnehin bereits Kenntnis von der anberaumten öffentlichen Liegenschaftsversteigerung genommen. Wir wurden schliesslich durch besorgte Einwohnerinnen und Einwohner von Brugg auf die Sachlage aufmerksam gemacht.»

 

«Für uns ein Symbol»

Für Pro Natura steht das Objekt als «ein Symbol» im Kampf gegen Zersiedelung und Artenverlust im Zentrum. Soeben hat die Naturschutzorganisation eine Unterschriftensammlung zur Doppelinitiative Biodiversität und Landschaft gestartet. Der kleinen Bauparzelle am Bruggerberg kommt dabei grosse Bedeutung zu. «Auf dem kleinen Fleck Erde vereinen sich alle Anliegen der Doppelinitiative auf engstem Raum», betont Johannes Jenny, Geschäftsführer von Pro Natura. «Da schaukeln Schmetterlinge von Blüte zu Blüte, wachsen Orchideen, leben Zaun- und Mauereidechsen. Selbst von der seltenen Haselmaus benagte Nüsse wurden hier gefunden.» Auf der Parzelle stehen ein kleines Rebhäuschen aus dem Jahr 1888, ein letztes Überbleibsel des Rebbaus, sowie diverse Schopfanbauten. Ebenfalls Bestandteil des Grundstücks ist ein Bunker aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Er trägt die Aufschrift «Grenzbesetzung 1940». Matthias Betsche dazu: «Der Bunker müsste selbstverständlich stehen bleiben, und er würde ebenfalls perfekt in unser Konzept passen. Wir glauben, dass er bereits von Fledermäusen bewohnt ist. Für diese stellen solche Aushöhlungen einen perfekten Lebensraum dar.»

 

Zweckgebundene Spenden

Die Zeit drängt: Pro Natura Aargau lanciert darum eine Sammelaktion, um das Ensemble von Landschaft, Biodiversität und Baukultur für künftige Generationen retten zu können. «An dieser Sammelaktion könnte sich doch die Stadt mit einem möglichst grossen Betrag beteiligen», hofft Johannes Jenny. Der Schutz dieser Werte ist ja eigentlich eine Aufgabe der öffentlichen Hand. Um die Landschaft auf dieser Bauparzelle für die Natur und die Zukunft zu bewahren, braucht es die Unterstützung der Stadt und aller, denen die Naturwerte am Bruggerberg ein Anliegen sind.» 

Die Parzelle soll aber nur gekauft werden, wenn genügend Spenderinnen und Spender sich beteiligen. Gelder würden zweckgebunden für die Parzelle am Bruggerberg eingesetzt, verspricht Betsche. Nach privaten Schätzungen aus dem Jahr 2016 hat die Liegenschaft einen Wert zwischen 94'000 und 450'000 Franken.

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