Sterbebegleiter der ersten Stunde

Seit sieben Jahren existiert im Kanton Aargau der Ausbildungslehrgang «Palliative Care» zugunsten sterbender und schwerkranker Menschen.

Sterbebegleiter Hans Sollberger präsentiert Informationsmaterial
Sterbebegleiter Hans Sollberger präsentiert Informationsmaterial (Bild: hl)

von
Hans Lenzi

29. November 2017
12:30

Hans Sollberger hat als einer der ersten Männer am Pilotkurs teilgenommen. Seinen Erfahrungsrucksack teilte er anlässlich des kirchlich organisierten Männertreffs im gut gefüllten Kirchgemeindesaal Bözberg  mit den Anwesenden. «Palliative Care ist aus dem dringenden Bedürfnis nach Begleitung schwer angeschlagener Mitmenschen und dem Beistand für Angehörige entstanden. Seit 2016 tragen die Staatskirchen die Organisation und Rekrutierung interessierter Männer und Frauen. Es werden – je nach beruflichem Hintergrund – verschiedene Ausbildungsniveaus angeboten. Heute umfasst dieser wichtige Dienst rund 440 Personen, wobei die Frauen klar in der Mehrzahl sind», erklärt der Fislisbacher. «Unser Einsatz läuft unter Freiwilligenarbeit, wird materiell nicht entschädigt, ist aber dennoch sehr erfüllend. Die Grundausbildung dauert ein knappes Jahr, umfasst rund 66 Stunden sogenannten Kontaktunterricht, 24 Stunden supervisioniertes Praktikum, die Erstellung eines Praktikumsberichts und das Studium entsprechender Literatur. Der Abschluss erfolgt anlässlich einer Zertifikationsfeier.» Von den Kurskosten von 1080 Franken werden im Übrigen 2018 deren 1000 Franken vom Kanton erstattet. 


«Wir schenken Zeit»

Sollberger weiter: «Über Sitzwachen, während derer wir den Betroffenen nahe sind, ihnen vorlesen, mit ihnen kommunizieren, auch mal die Hand halten und die Lippen befeuchten, Einkäufe erledigen, sie, sofern noch möglich, auf einem Spaziergang begleiten, markieren wir Präsenz und menschliche Nähe. Als nicht pflegerisch Ausgebildete verabreichen wir Medikamente nur mit schriftlicher Bewilligung. Und natürlich haben wir stets ein offenes Ohr, denn wir sind gleichzeitig der Schweigepflicht unterstellt. Wir verstehen uns als Teil einer umfassenden Unterstützung von Schwerkranken, welche Ärzte, Seelsorger, Therapeuten und andere mehr umfasst. Werden wir selber zu sehr belastet, dürfen wir auf Supervision zurückgreifen.» Die Zahlen weisen in der Tat die Notwendigkeit dieser Institution aus: 2016 haben nicht weniger als 626 Personen auf Palliative Care zurückgegriffen; insgesamt 6207 Einsatzstunden wurden geleistet. Die Begleiter werden oft kurzfristig aufgeboten, erhalten nur knappe Informationen zur Situation. Die regional organisierten Gruppen umfassen rund zehn Aktive. 


Jeder Besuch ist speziell

Der gelernte Sozialpädagoge erlebt jeden Besuch als einzigartig. Pro Jahr kommt er rund zehnmal zum Einsatz, wobei das in einer Woche dreimaliges Ausrücken, ein Vierteljahr gar kein Aufgebot bedeuten kann: «Es besteht keinerlei Verpflichtung zur Übernahme eines Falls. Die meisten Begleitungen dauern aufgrund der oft finalen Situation nur kurz, manchmal aber umfasst es auch Wochen.» Und was war die Motivation des 74-Jährigen, sich dieser Arbeit zu stellen? Sollberger: «Meine Liebe zum Mitmenschen und die Möglichkeit, mich selber umfassend über dieses Thema zu informieren. Es wird ja das letzte Kapitel sein, welches uns allen bevorsteht.» Zum Schluss schildert Hans Sollberger noch einige Fälle, zum Beispiel jener, bei welchem er eine 87-jährige Italienerin begleitete. Dank seiner Italienischkenntnisse gelang die Verständigung einigermassen, und voller Freude betete sie mit ihm in ihrer Muttersprache das «Padre nostro». Oder jene lebenslustige Frau, welche unbedingt zu Hause den Übergang in die Anderswelt vollziehen wollte, ein Wunsch übrigens, der oft geäussert wird. Schliesslich jener Lungenkranke, welcher ihm in den letzten Lebensstunden sein ganzes Leben erzählte – «ich habe nichts, aber auch gar nichts ausgelassen» – und am liebsten über den begleitenden Suizid abtreten wollte. 

Schliesslich bestätigt Sollberger, dass sie ungeachtet jeglicher Weltanschauung und Glaubensrichtung jedem Mitmenschen ihren Dienst angedeihen lassen, «wir haben keinen missionarischen Auftrag und wollen nicht übergriffig werden». Und klar: Alle Beteiligten sind in ständiger Weiter- und Fortbildung begriffen.


Adresse für Interessierte:
Haus der Reformierten, Stritengässli 10, Aarau
062 838 06 55
www.palliative-begleitung.ch 

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