Thema Tiefenlager im Fokus

Bei Pro Bözberg stand ein Gastreferat zum Thema «Jura-Ost: Wie prüft das Ensi die Tiefenlager-Standortwahl?» auf dem Programm.

Präsident Otto H. Suhner (rechts) dankt Felix Altorfer für das Referat. (Bild: mw)

15. September 2021
19:54

Im offiziellen Teil des vom Jodlerklub Effingen umrahmten Anlasses unterbreitete Präsident Otto H. Suhner den rund fünfzig Anwesenden die Traktandenliste. In seiner Rückschau orientierte er über die Vereinsaktivitäten und Ziele der vergangenen Monate. Anlässlich der 18. Mitgliederversammlung referierte Philipp Senn, Geologe und Leiter Öffentlichkeitsarbeit bei der Nagra, über die damaligen Arbeiten im Zusammenhang mit der Suche nach einem Tiefenlagerstandort für radioaktive Abfälle. Die anschliessend  durchgeführte Besichtigung der beiden Probebohrungsanlagen im Bözberggebiet bot Einblicke in die umfangreichen Abklärungen. Im August besuchte der Vorstand den Versuchsstollen im Tongestein des Mont Terri in St. Ursanne JU, um sich ein Bild über die technischen Möglichkeiten zu machen. Ein weiteres Kernthema, das den aktuell 1638 Mitglieder zählenden Verein Pro Bözberg seit einigen Jahren stark beschäftigt, ist die von ihm monierte, zum Teil unsensible Waldbewirtschaftung auch in Naturschutzgebieten. Der Verein verlangt nach wie vor die Einhaltung der  in den verschiedenen eidgenössischen, kantonalen und lokalen Vorschriften vorgegebenen Zielsetzungen für die Erhaltung und Pflege des Waldbestandes. Zu erfahren war, dass kürzlich eine Arbeitsgruppe der Fachhochschule Nordwestschweiz berechnet habe, dass der Kohlenstoffgehalt der Erdatmosphäre mittels einer Vergrösserung der globalen Waldfläche um 25 Prozent auf vorindustrielle Werte gesenkt werden könnte. (Das würde allein für den Aargau einer zusätzlichen Waldfläche von 12 000 Hek-taren oder 45 Prozent der Kantonsfläche, respektive einem Plus von 4,3 Millionen Bäumen entsprechen.) Angesichts dieses wohl kaum umsetzbaren  Befundes wären auch kleinere Schritte mit einem sorgsamen Vorgehen auf regionaler Ebene sinnvoll.


Zwei neue Vorstandsmitglieder

Die Rechnung 2020 und das Budget 2021 von Pro Bözberg zeigen – auch coronabedingt – Defizite, die jedoch angesichts des Vereinsvermögens verkraftbar sind. Die bisherigen Vorstandsmitglieder Otto H. Suhner (Präsident), Kurt Bräutigam (Vizepräsident), Raphael Haltiner (Aktuar) , Max Stähli (Kassier) sowi René Müller, Werner Schraner, André Lambert und Theo Sonderegger erhielten die Bestätigung für eine weitere Amtsperiode. Neu ins Führungsgremium wurden Annette Schütz, Bözberg, und Jürg Wüest, Effingen, gewählt. In der Geschäftsführung ergab sich ein Wechsel von Nathalie Detsch zu Giuseppina Benedetto.


Wissenswertes zum Tiefenlager

Am 3. November 2020 liess die Nagra (Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle)  in einer Medienmitteilung verlauten, dass sie im Rahmen des Sachplans voraussichtlich im Jahr 2022 bekanntgeben wolle, für welchen Standort sie das Rahmenbewilligungsgesuch für ein Tiefenlager ausarbeiten wird. Das Fazit lautete, der Untergrund in den ins Auge gefassten Regionen (Jura Ost, Nördlich Lägern, Zürich Nordost) weise die passenden Eigenschaften auf. So wäre es nach heutigen Erkenntnissen in jedem der drei Gebiete möglich, ein sicheres Endlager zu realisieren. Im direkten Gedankenaustausch vom Januar 2021 liess sich der Pro-Bözberg-Vorstand von Vertretern der Nagra über die Details der Planung und den aktuellen Stand der Arbeiten informieren. Der Vorstand äusserte sich kritisch zur bevorstehenden Standortwahl mit möglicherweise ungenügenden Datengrundlagen, zur angedachten Platzierung der Oberflächenanlagen  sowie zu den Auswahlkriterien.


Sicherheit als wichtigstes Kriterium

Auch Felix Altorfer, Physiker und Leiter des Aufsichtsbereiches Entsorgung beim Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorat, der Aufsichtsbehörde über die Kernanlagen in der Schweiz (Ensi), ging in seinem Gastreferat auf die Thematik rund um die Endlagerung von radioaktivem Abfall ein. Die Pro-Bözberg-Vorstandsmitglieder Otto H. Suhner und Geologe André Lambert wiederholten die Forderung, dass für den Bau eines Tiefenlagers der Sicherheit oberste Priorität zukommen müsse. Ein politisch motivierter Entscheid der zuständigen Gremien wie Bundesrat und Bundesparlament wäre nicht opportun. Lambert bezweifelte, dass die Zeit von gut einem Jahr bis zur Festlegung des Standortes für gründliche und damit möglichst zuverlässige Abklärungen ausreichen werde. Felix Altorfer hielt fest, das Ensi sei nicht für den abschliessenden Entscheid zuständig, wohl aber für die eingehende Prüfung der von der Nagra einzureichenden Unterlagen für das Rahmenbewilligungsgesuch und die spätere Erstellung des Tiefenlagers. Es seien zahlreiche Kriterien zu berücksichtigen. Dazu gehören die Eigenschaften des Wirtgesteins, Langzeitstabilität, Zuverlässigkeit der geologischen Aussagen, bautechnische Eignung. Forscher untersuchen verschiedene Szenarien zu möglichen künftigen Ent-
wicklungen (zum Beispiel Erosion von Gesteinsschichten, Auftreten von Verschiebungen/Brüchen durch Erdbeben, Klimaänderungen). Es wird von einer Lagerdauer-Basis von einer Million Jahre gesprochen.


Lange Zeitspanne

Der zeitliche «Fahrplan» für die vorgesehene Realisierung eines Tiefenlagers umfasst ebenfalls eine Zeitspanne, die zum Teil weit über die Lebensdauer vieler heutiger Menschen hinausgeht. Die Aussichten präsentieren gemäss heutigem Stand wie folgt: 2011 Etappe 1, 2018 Etappe 2, 2022 Standortbekanntgabe, 2024 Etappe 3, 2025 Einreichung des Rahmenbewilligungsgesuches, bis 2028 Überprüfung durch Behörden, 2030 Erteilung der Rahmenbewilligung durch die politischen Behörden, ab 2035 Felslabor, 2048 Baubewilligung, 2060 Betriebsbewilligung.

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