Tiere finden Eingang ins Museum

In der Ausstellung «Bestia rara» beschäftigen sich Kunstschaffende mit den Facetten des Tierhaften. Dies berührt und befremdet.

Saskia Edens: I wanna be your dog, Trudelhaus Baden. (Bild: zVg | Kaspar Ruoff)

von
Neubauer, Susanne

13. Oktober 2021
18:19

Unsere Beziehung zum Tier ist eng mit der Entwicklung des modernen Menschen verknüpft. Die Forschung sagt, das Hervorgehen des Homo sapiens sei entscheidend durch den Hund ermöglicht worden, da dieser zu Zeiten der Jagd wärmen und beschützen konnte. Ohne das Pferd hätte es keinen Transport und schon gar keinen Krieg gegeben. Menschen konnten sich entwickeln, weil sie sich Tiere nutzbar gemacht haben. Durch die Domestizierung von Tieren begann aber auch die Suche des Menschen nach der Unterscheidbarkeit und Einzigartigkeit seiner selbst. Die Ausstellung «Bestia rara» widmet sich einigen Lesarten dieser Konfrontation der Arten.


Die Faszination des «Anderen»
Die Kunst bildete bisher die behaarten Wesen mit Schnauze, Nüstern und Hörnern gerne als Hündchen bei Velázquez, als Fliege für die Erinnerung an unsere Kurzlebigkeit oder, in Bronze gegossen, als Reiterstatue berühmter Herrscher ab. Die heutige Kunst geht tiefer vor, sie will wissen, welchen Bezug Menschen zum Tier haben. In der Zeit des Bienensterbens und der massiven Reduzierung der Insektenarten, die mit der Gefährdung der Artenvielfalt insgesamt einhergeht, gehört es zu den Aufgaben der Künstler, dem «Anderen» eine neue Perspektive zu verleihen. Gerne soll dies jedoch in Distanz oder als Wandtrophäe verkleinert geschehen wie bei Wink Witholts Bronzeabgüssen von Löwe-, Büffel- oder Nashorn-Schädeln. Nicht alle wollen den Dachs im Garten oder den Wolf im Wald haben. Tiere sind, wenn wir die Berichterstattung über die zunehmenden Wolfs- und Bärenpopulationen in Mitteleuropa verfolgen, immer das «Andere», das fasziniert und auch verängstigt, weil sie wegen ihrer Ursprünglichkeiten in der Regel nicht kontrollierbar sind.

Die Ausstellung «Bestia rara» empfängt mit einem wedelnden Hundeskelett von Saskia Edens, dem ein lautloser Plattenspieler beigestellt ist. Dieser erinnert an den Basler Totentanz. Umrahmt wird diese Arbeit durch die gestische Malerei von Eva Gadient und eine Wandarbeit aus Kunstfell und zu Augen geformten LED-Lampen von Stefan Rohner. Das haarige Gesicht ist eine Anlehnung an Fasnachts- oder Krampus-Masken aus dem Brauchtum, vielleicht auch an den Bärenmenschen Beorn aus der «Herr der Ringe»-Saga, auf alle Fälle eine Versinnbildlichung des ungezügelten wilden Wesens, aus dem viele Horrorfilme gestrickt sind. Urängste oder zumindest ein kleines Unbehagen mag der im Video von Isabell Bullerschen und Felicia Eisenring produzierte herumstreunende tschechoslowakische Wolfshund auslösen. In urbanen Durchgangsräumen beobachtet das freigelassene Tier immer wieder Menschen, die ihn jedoch nicht bemerken. Dass sich der Mensch aus Angst vor dem Animalischen dieses zu eigen machen und «domestizieren» möchte, könnte auch in den in Epoxydharz gegossenen unterschiedlich grossen Wildkot-Arten von Marianne Engel gesehen werden.


Trennung von Kultur und Natur
Die Künstlerin hat sich entschieden, mit einer rosaroten Pigmentierung des Epoxidharzes den Blick zu verführen, um dann den Kot in seiner Detailliertheit als Preziose zur Schau zu stellen. Es sind solche Referenzen oder Stellvertreter des Tierischen, welche die Kunst produzieren darf, ohne dass sie sich mit dem Thema der Ausbeutung beschäftigen muss. Auch wenn es sie gibt: Echte Tiere in Ausstellungen sind deswegen eine Seltenheit. Die Trennung von Kultur und Natur ist ein theoretisches Gebäude der zeitgenössischen Anthropologie, die besagt, dass es im Sinne des Menschen war, sich mit der Kultur die Natur zu unterwerfen – eine Vorstellung, die sich aber nur in der westlichen Welt breitmachte und heute ihre Grundlage immer mehr verliert. Für die Kunst ist diese Trennung ein Konzept, auf das gerne zurückgegriffen wird. So führen Tobias Rüegers «Waidmanns Heilige» den Natur-Kultur-Unterschied auf ironische Weise vor Augen. Der Künstler hat Gemäldekopien als Versatzstücke der Kultur in den Wald gestellt und mittels Nachtkamera das neugierige Wild ins Doppelporträt gesetzt. Domestizierung, der Grund für die Trennung von Kultur und Natur, ist auch ein Wort, das bei den «Fish Tanks» von Hendrikje Kühne und Beat Klein sofort ins Gedächtnis gerufen wird. Die Künstler haben auf Karton geklebte Zeitschriftenbilder von Fischen in horizontale und vertikale Reihen zu einem Kubus zusammengesteckt. Englisch Sprechende würden dies als «School of fish» (wörtlich «Schule der Fische») beschreiben, eine ambivalente Bezeichnung für diese in virtuelle Gläser gepferchten Fischschwärme. Wenn wir nicht wüssten, wie leer unsere Meere in der Zwischenzeit sind und wie viele Meeressäuger noch in Gefangenschaft leben, wir würden uns die farbenprächtigen Aquarien gerne als pflegeleichtes Kunstobjekt aufs Sideboard stellen. Oder vielleicht gerade deswegen. Denn Kunst setzt uns das Problematische unserer Lebensweise ab und zu direkt vor die Augen.

Lecture/Performance:
Samstag, 23. Oktober, 19 Uhr
Finissage: Sonntag, 24. Oktober
15 bis 17 Uhr, Trudelhaus, Baden
trudelhaus-baden.ch

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