«Unsere Gesellschaft definiert sich zu sehr über Äusserlichkeiten»

Esther Egger ist voll im Schuss. Die Kirchdorferin engagiert sich als Präsidentin des Aargauischen Seniorenverbands – just für den Teil der Bevölkerung, dem sie selbst angehört

Engagiert sich als Präsidentin des Aargauischen Seniorenverbands: Esther Egger. (Bild: zVg)

13. Oktober 2021
12:43

Esther Egger, 69

ist Präsidentin des Aargauischen Seniorenverbands, der 4000 Mitglieder hat und sich für die älteren Menschen im Kanton einsetzt. Die gebürtige Menzikerin, die mit Ehemann Linus Egger in Kirchdorf lebt, politisierte für die CVP zehn Jahre im Grossen Rat und präsidierte diesen 2006/07. Danach gehörte sie eine Legislaturperiode lang dem Nationalrat an. Heute ist sie für verschiedene Organisationen ehrenamtlich tätig.

Herzlichen Glückwunsch nachträglich zu Ihrem Geburtstag. Wie haben Sie gefeiert?

Im bescheidenen Rahmen bei Kaffee und Kuchen und mit unseren Familien. Später bin ich mit meinem Mann noch fein essen gegangen.


Fühlen Sie sich mit 69 schon als Seniorin?

Wenn ich die Jahreszahl anschaue, naürlich. Aber was bedeutet die schon? Dass es einem hin und wieder irgendwo weh tut? Ich fühle mich auch ein bisschen jünger, weil ich noch so viele spannende Sachen machen kann und darf.


Wann hatten Sie zum ersten Mal den Eindruck, zu dieser Altersgruppe zu gehören?

Als ich ein Schreiben von Pro Senectute bekommen habe. Ich stand damals als Kommunikationsverantwortliche der Spitex Aargau noch voll im Arbeitsprozess. So habe ich es meinem Mann rübergeschoben. Er hat gemeint: «Das musst du nicht mir geben, du gehörst jetzt auch dazu.» So wird einem bewusst, dass die Pensionierung ansteht. Ich hätte noch ein Jahr weiterarbeiten können, bis 65, und bin auch gefragt worden. Ich fand es aber richtig, dass junge, frische Kräfte nachkommen. Danach haben sich jedoch viele neue Tätigkeiten ergeben.


Haben Sie sich im ersten Jahr nach der Pensionierung etwas Spezielles gegönnt?

Nicht wirklich. Nachdem ich als Laienrichterin ans Bezirksgericht gewählt worden war, habe ich noch in anderen Funktionen weitergemacht, wie zum Beispiel als Präsidentin einer Stiftung im Alters- und Pflegebereich.


Dann haben Sie die Lücken in Ihrem Terminkalender gleich wieder gefüllt?

Nicht vollständig. Ich habe nun schon mehr Spielraum, kann mir die Sachen besser einteilen. Vorher habe ich drei volle Tage gearbeitet, nebst freiwilligen Tätigkeiten. Ende Jahr hört mein Mann im Gemeinderat auf. Dann können wir sogar eine grössere Reise planen, vermutlich wieder einmal nach Kanada.


Was verbinden Sie generell mit dem Seniorendasein?

In der Schweiz haben die meisten Menschen eine gute Altersvorsorge. Das ermöglicht es ihnen, sich unentgeltlich zu engagieren. Man kann es sich auch ganz bequem machen, aber mir wäre nicht wohl, wenn ich nicht mehr gefordert wäre und gemeinsam mit anderen Ideen entwickeln könnte.


Hat dieser Lebensabschnitt ein Imageproblem?

Das Bild vom älteren Menschen ist oft ein negatives. Dafür sind auch die Medien verantwortlich. Ältere Menschen werden auf Kosten reduziert, die sie verursachen. Auf Pflegebedürftigkeit. Tatsächlich sind die meisten Senioren in den ersten zwanzig Jahren nach ihrer Pensionierung relativ gut zwäg. Als Präsidentin des Aargauischen Seniorenverbands ermuntere ich sie deshalb, zu zeigen, wie wertvoll sie mit ihrer Erfahrung und ihrem Wissen für die Gesellschaft immer noch sind. So können wir das Bild korrigieren.


Aber es geht es nicht allen so gut.

Das stimmt, denn leider gibt es auch in unserem Land Altersarmut. Ältere Menschen, die unter Gewalt leiden. Und solche, die krank sind. Deshalb setze ich mich dafür ein, dass man sich generationenübergreifend gegenseitig hilft.


Haben Sie andere Benachteiligungen erlebt, unter denen insbesondere Frauen leiden, wenn sie älter werden?

Ich selbst nicht. Ich hatte sogar das Privileg – vermutlich gerade durch meine Erfahrung – mit sechzig Jahren die Stelle beim Spitex-Verband Aargau antreten zu dürfen.Wobei das ein Bürojob war, bei dem es nicht darauf ankam, ob ich ein paar Runzeln mehr oder weniger hatte. (Lacht) Leider werden diese bei Frauen, die in der Öffentlichkeit stehen, immer noch viel weniger akzeptiert als bei Männern. Unsere Gesellschaft definiert sich in vieler Hinsicht zu sehr über Äusserlichkeiten.


Wie weit ist die Wirtschaft, wenn es darum geht, den Wert zu erkennen, welche die Erfahrung und das Wissen haben, welche ältere Menschen einbringen können?

Da ist in der Gesetzgebung einiges in Bewegung. Wenn man an die AHV-Diskussion über einen flexiblen Renteneintritt denkt. Ich befürworte ihn. Es gibt Menschen, die nicht länger arbeiten können oder wollen, aber wer das möchte, dem sollte es erleichtert werden. Deshalb muss man Wege finden, damit die Wirtschaft nicht mehr davon abgehalten wird, ältere Menschen anzustellen, weil dies höhere Sozialversicherungskosten nach sich zieht. Allerdings fehlt dann ein Teil dieser vitalen Senioren in der Freiwilligenarbeit ...


Sie haben vier Enkel. Ist Ihr Ehrgeiz, eine gute Grossmutter sein, heute ebenso gross wie früher, eine gute Mutter zu sein?

Schwer zu sagen, aber als Grossmutter hat man es auf jeden Fall viel leichter. Trotzdem bin ich nicht immer eine gute Grossmutter. Durch mein politisches Engagement konnte ich früher keinen regelmässigen Hütedienst anbieten. Meine Kinder haben das akzeptiert, mir aber auch gesagt, «Mami, was du für die Politik machst, werden wir nie tun!». Jetzt beginnen sie trotzdem, sich zu engagieren. Das zeigt, dass ich vielleicht doch eine gute Mutter gewesen bin. (Lacht)


Machen Sie mit den Grosskindern Dinge, für die Ihnen mit Ihren Kindern die Zeit fehlte?

Nein, aber ich hatte auch das Privileg, dass ich mich ihnen vollauf widmen konnte, bis unser jüngster Sohn zehn Jahre alt war. Mein Mann war damals beruflich stark absorbiert. Er geniesst es jetzt umso mehr, mit den Grosskindern zusammen zu sein.


Ist es Ihnen in Ihrem Leben schon einmal passiert, dass Ihnen langweilig wurde?

Ich weiss eigentlich gar nicht, was das ist. Wenn ich freie Zeit habe, lese ich gerne oder höre Musik. Ich mache das, weil ich Freude daran habe, und nicht aus Langeweile. Wenn bei mir mal weniger los sein sollte, habe ich eher Angst, dass mir die geistige Herausforderung fehlt. Menschen, die nichts mehr machen, bauen schneller ab. Mit fällt auf, wie kompliziert sie dann werden.


Die meisten Menschen hoffen, bis zum Schluss in den eigenen vier Wänden leben zu können. Ist das noch zeitgemäss?

Ich verstehe alle, die sagen, sie möchten so lange daheim wohnen wie möglich, aber je knapper der Boden wird, desto eher wird ein Umdenken stattfinden müssen. Rational macht ein Umzug Sinn, aber der richtige Zeitpunkt ist schwierig zu finden. Als Präsidentin einer Organisation, die sowohl Pflegebetten wie betreutes Wohnen anbietet, sehe ich, dass der Bedarf steigt. Wir bieten bereits 42 Zweieinhalb-Zimmer-Alterswohnungen an, zu denen man individuelle Serviceleistungen buchen kann, und planen gerade einen Neubau. Betreutes Wohnen ist ein guter Kompromiss, um die Selbständigkeit zu bewahren und nicht zu vereinsamen, aber auch die nötige Unterstützung zu erhalten.


Wie denken Sie darüber, dass das Leben mit Hilfe der modernen Medizin immer weiter verlängert werden kann?

Einerseits finde ich, dass älteren Menschen die Spitzenmedizin nicht aus Kostengründen vorenthalten werden sollte, man aber auch respektieren sollte, wenn jemand nicht mehr mag. Da ist es gut, wenn man mit einer Patientenverfügung Eigenverantwortung übernimmt. Den medizinischen Fortschritt möchte ich aber auch nicht missen. Ich habe schon seit 35 Jahren ein künstliches Hüftgelenk! (Lacht)


Computerkurse könnten im Umgang mit der Digitalisierung helfen. Sollte man den Senioren diesbezüglich mehr anbieten?

Die meisten jüngeren Senioren sind digital schon recht gut unterwegs. Aber es gibt auch ältere Senioren, die sich schwertun mit diesen Neuerungen. Diese dürfen wir nicht im Stich lassen. Im Namen des Aargauischen Seniorenverbands habe den SBB geschrieben, dass Fahrpläne weiterhin in einer Druckversion erhältlich sein sollten, die man bei Bedarf bestellen kann – aber telefonisch, nicht per App! Die Telemedizin ist ein dititales Angebot, das bei Senioren sehr gut ankommt, weil man sich damit leichter ärztlichen Rat holen kann, wenn man nicht mehr so mobil ist.


Apropos Mobilität: Fahren Sie schon E-Bike oder noch mit einem rein muskelbetriebenen Velo?

Muss ich diese Frage beantworten? (Lacht) Ich fahre gar nicht Velo! Ich nehme das Auto, wenn es von einem Termin zum nächsten pressiert – oder ich gehe zu Fuss.


Haben sich Ihre modischen Vorlieben verändert?

Mein Credo war immer, dass ich nicht wie meine Tochter aussehen muss. Ich laufe zwar immer noch in Jeans herum, auch mit 69, aber Löcher haben sie keine! (Lacht)

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