«Unsere Konzertmeisterin ist 91!»

Musik kennt kein Alter: Im Seniorenorchester der Region Baden stehen Freude und Gemeinschaft im Vordergrund.

Auftritt vor Publikum: Mitglieder des Seniorenorchesters beim Konzert Ende September. (Bild: zVg)

Obwohl im Senioren-Orchester der Region Baden äusserst ernsthaft geprobt wird, nimmt man vieles mit Humor. Die Leichtigkeit des Älterwerdens verkörpern auch Präsident Paul Salzmann und Medienverantwortliche Annemarie Trottmann. Der Klarinettist und die Bratschistin berichten beschwingt und beflügelt von ihrem Engagement für «ihr» Orchester. Dieses geht weit über das Kopieren von Noten und das Organisieren von Probeplänen hinaus. «Der gemeinschaftliche Aspekt wird bei uns grossgeschrieben», sagt Annemarie Trottmann. Schliesslich sei dies im Alter, wo die sozialen Kontakte oftmals abnehmen, ein wesentlicher Aspekt. «Wir fragen nach, wenn jemand nicht zu den Proben erscheint, organisieren Fahrdienste und gratulieren persönlich zum Geburtstag», ergänzt Paul Salzmann. Der Geist der Zusammengehörigkeit prägt denn auch das Zusammenspiel. Dieses gestalte sich viel lockerer als bei andern Orchestern, betonen die beiden Vorstandsmitglieder. «In unserem Alter muss man sich nichts mehr beweisen», sagt Paul Salzmann. Und Annemarie Trottmann fügt an: «Wir leiden weder unter Leistungsdruck noch steht die Fehlerkultur im Vordergrund.» Das gemeinsame Musizieren soll vor allem Freude machen, sind sich beide einig.


Weniger Tempo, mehr Klang
Begonnen hat die Geschichte des speziellen Ensembles am 5. Januar 1984. Damals trafen sich fünf musizierende Senioren in der Villa Brown Boveri in Baden zur Gründung und ersten Probe des Seniorenorchesters Baden. Angeregt und unterstützt wurde das Projekt von der Pro Senectute. Bereits bei der dritten Probe hatte das neu gegründete Orchester seine Mitgliederzahl verdoppelt – und so liess der erste öffentliche Auftritt nicht lange auf sich warten. Am 8. Mai konzertierten die Musikbegeisterten unter dem Motto «Senioren spielen für Senioren» in Turgi, weitere Auftritte an Altersnachmittagen, Ausstellungen und Generalversammlungen folgten. Als Gründungsdirigent Karl Baldinger 1991 zurücktrat, umfasste das Orchester bereits 21 Mitglieder. Unter der Leitung von Nachfolger Alfons Meier steigerte sich die musikalische Qualität auf ein beachtliches Niveau, ebenso stieg die Anzahl der Konzerte. 2008 übernahm Hans-Jürg Jetzer den Taktstock, und aus dem mitgliederstarken Emsemble wurde der Verein Seniorenorchester der Region Baden, inklusive Beitritt zum Eidgenössischen Orchesterverband (EOV).

2019 wurde Franziska Murbach-Scherer zur Nachfolgerin von Jetzer ernannt. Kaum hatte sie sich eingelebt, sorgte Corona für einen abrupten Unterbruch des Probebetriebs. Erst im Juni dieses Jahres konnten die Proben, die jeweils am Donnerstagnachmittag im Pfarreiheim St. Sebastian, Wettingen stattfinden, zur Freude aller wieder aufgenommen werden. Und nur ein paar Monate später, am 26. September, trat das Orchester mit der traditionellen Matinée an die Öffentlichkeit. Auf dem Programm standen Werke von Mozart und Beethoven.
 

Präsident Paul Salzmann und Medienverantwortliche Annemarie Trottmann. (Bild: aru)

 

Das Repertoire basiere zur Hauptsache auf «Klassikern», wie Annemarie Trottmann erklärt. Und meint damit die Stücke, die viele der Musikerinnen und Musiker im Repertoire oder zumindest im Ohr haben. «Wir üben zwar immer wieder neue Werke ein», so Paul Salzmann. «Das ist aber eine grosse Herausforderung.» Auch wenn Klangqualität und Musikalität im Alter meist noch in hohem Mass vorhanden sind, nehmen Sehfähigkeit und Fingerfertigkeit ab. Zuweilen lasse auch die Aufnahmefähigkeit generell nach, schmunzelt Annemarie Trottmann. Da gelte es, das Tempo stets von Neuem den Gegebenheiten anzupassen und allen Unwägbarkeiten mit Humor zu begegnen. «Bei all den Herausforderungen, die sich im Probealltag ergeben, finden wir auch immer wieder neue Lösungen», sagt Salzmann. «Das braucht Flexibilität und hält jung!» Dass das gemeinsame Musizieren vor Alter keinen Halt macht, zeigt sich auch am Beispiel der Konzertmeisterin. «Sie ist 91 und unglaublich fit», schwärmt Annemarie Trottmann. Wie belebend das Zusammenspiel im Seniorenorchester sein kann, zeigt sich auch am Einzugsgebiet. «Wir haben sogar Mitglieder aus Zürich», freut sich Paul Salzmann.


Neue Mitglieder sind willkommen
Musikbegeisterte Frauen und Männer, die ihr Instrument schon einige Jahre spielen, etwas Erfahrung im Zusammenspiel haben und bereit sind, regelmässig an Proben und Aufführungen teilzunehmen, sind im Seniorenorchester der Region Baden herzlich willkommen. Auskunft erteilt Präsident Paul Salzmann, 062 871 56 24, saparu@bluewin.ch. Weitere Informationen finden sich unter senioren-orchester-baden.ch.

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