Urs Klingler verabschiedet sich von Rein

Dreissig Jahre lang war Urs Klingler Pfarrer der Kirchgemeinde Rein. Nun wird er in den Ruhestand entlassen. Und fängt ein neues Leben an.

Ist gespannt auf den Neuanfang: Pfarrer Urs Klingler
Ist gespannt auf den Neuanfang: Pfarrer Urs Klingler (Bild: aru)

von
Annegret Ruoff

07. Juni 2018
09:00

Das Pfarrhaus in Villigen ist leer geräumt. Betrieb herrscht einzig im Untergeschoss, wo das Sekretariat der Kirchgemeinde Rein, welche Remigen, Rüfenach, Villigen, Stilli, Würenlingen sowie die Ortsteile Brugg-Lauffohr und Siggenthal-Station umfasst, eingerichtet ist. Aufgeräumt empfängt mich Urs Klingler zu einem letzten Gespräch. Am kommenden Sonntag wird der Pfarrer verabschiedet. Dreissig Jahre lang stand er im Dienst der Kirchgemeinde – eine lange Zeit. «Ich freue mich auf das, was kommt», sagt Urs Klingler, «und bin gleichzeitig sehr gespannt.» 

Seit einer Woche probt der gross gewachsene Pfarrer den Neuanfang. Ennet der Grenze, im deutschen Küssaberg, hat er sich ein Stück Land gekauft – und ein Haus gebaut. «Ich war mir bewusst, dass ein Wechsel ansteht», sagt Urs Klingler, «und habe mir etwas Neues zugetraut. Gleichzeitig wollte ich nicht allzu weit weg gehen von meiner Familie und meinem Freundeskreis.» In den letzten Wochen hat der Pfarrer viele Kisten gepackt – und einiges entsorgt. «Sie können sich nicht vorstellen, was sich in dreissig Jahren alles ansammelt», lacht er.

 

Unerwartete Kraft erhalten

Nebst Hab und Gut ist vor einer Woche auch Katze «Baby» mit nach Küssaberg gereist. Sie lag eines Morgens auf der Bank hinter dem Pfarrhaus – total geschwächt und erst wenige Wochen alt. Mit viel Hingabe hat Urs Klingler das Tier gepflegt und aufgepäppelt. «Ich war selbst erstaunt, dass sie überlebt hat. Aber sie ist unglaublich zäh», erzählt er. Eine Eigenschaft, die er auch von sich selber kennt. Vor acht Jahren war er mit einer Situation konfrontiert, die kantonsweit für Aufsehen sorgte. Damals gab es Differenzen zwischen ihm und einem jungen Pfarrehepaar, mit welchem er das Amt teilte. Die Kirchenpflege schlug ihn nicht mehr zur Wiederwahl vor, doch die rund 2850-köpfige Gemeinde hielt an ihm fest.

Zu jener Zeit pflegte Urs Klingler zudem seine an Krebs erkrankte und inzwischen verstorbene Frau. «Es war eine harte Zeit», konstatiert der Theologe. Über die Runden halfen ihm «die Unterstützung durch zahlreiche Menschen» – und die Heilszusage der Bibel, festgehalten in einer seiner Lieblingsstellen, dem Ende des achten Kapitels des Römerbriefs. «Wenn Gott für uns ist, wer kann dann gegen uns sein?», steht da geschrieben. «In dieser schweren Zeit», erzählt Urs Klingler, «habe ich eine Kraft bekommen, wie ich sie nicht erwartet hatte.» Das sei – in kleinerem Ausmass – im Übrigen des Öfteren der Fall gewesen in seinem Beruf, fügt er an. Zum Beispiel damals, als die Stelle des Diakons ein Jahr lang nicht besetzt werden konnte und Klingler einen grossen Teil von dessen Aufgaben übernahm. «Damals war Rein mit seiner schön gelegenen Kirche noch eine richtige Traufabrik», schmunzelt er, «dazu kamen rund sechzig Taufen im Jahr.» Eine 60-Stunden-Woche sei nicht die Spitze, sondern der Durchschnitt gewesen. «Das brachte mich schon an den Anschlag», erzählt er rückblickend. «Zum Glück folgten dann aber wieder ruhigere Zeiten.» 

 

Rückkehr nach Brugg

Mit der Region verbunden war Urs Klinger schon, bevor er seine Stelle in Rein antrat. Als er in der dritten Klasse war, zog seine Familie aufgrund der Arbeit seines Vaters von Schaffhausen nach Brugg. Hier wuchs er auf, im damals neu gebauten «Bananenblock». «Wir hatten eine richtige Schaffhauser Exklave dort», erinnert er sich lachend. Kein Wunder, hört man ihm nach all den Jahren seine Herkunft am Dialekt immer noch an. Auch kirchlich fasste Urs Klingler damals in Brugg Fuss. So war er unter anderem in jungen Jahren als Sonntagsschullehrer tätig. 

Nach dem Studium der Theologie, in welchem er sich schwerpunktmäs-sig dem Neuen Testament widmete, zog es ihn in den Kanton Thurgau, wo er seine erste Stelle als Pfarer innehatte. Mit 35 Jahren kehrte er zurück und trat am 1. Februar 1988 in den Dienst der reformierten Kirchgemeinde Rein ein. Seit damals hat sich vieles geändert. Der Comupter hat Einzug gehalten ins Pfarramt, was Urs Klingler wunderbar findet. «Früher musste man beim Umschreiben der Predigt immer wieder ein neues Blatt Papier zücken», sagt er. «Heute geht das mit einem Klick.» Zugenommen habe die Papierflut in den letzten Jahren allerdings an einer anderen Stelle – in der Administration. Zum Glück stehe im Zentrum seiner Tätigkeit aber noch immer der Mensch, sagt der Pfarrer. «Und dieser hat sich im Kern in all der Zeit meines Wirkens nicht wirklich geändert», schmunzelt er. 

 

Vielfalt der Meinungen

Urs Klingler hat es geschätzt, so viele verschiedene Menschen in den unterschiedlichsten Lebensphasen begleiten zu dürfen – einige gar während einer Lebensspanne von drei Jahrzehnten. «Eine Herzensangelegenheit war mir die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen», sagt der dreifache Vater. Unzählige Konfirmandenlager hat er organisiert und geleitet, und als er vor Kurzem sein letztes abschloss, bei welchem ihn seine mittlere Tochter, inzwischen selbst Pfarrerin geworden, begleitet hat, wurde ihm bewusst: «Ich bin froh, dass ich die gros-se Verantwortung nun nicht mehr tragen muss.» Diese spüre man im Alter nun mal stärker.

In der Vielzahl der Menschen hat Urs Klingler auch immer die Vielfalt der Meinungen geschätzt. Gläubige, Fragende, Suchende und Zweifler – sie alle sind für den Pfarrer ein wesentlicher Teil der Kirche. «Mit Gott zu hadern, ist ebenso menschlich wie sich ihm anzuvertrauen», sagt er. Das zeige sich schliesslich in vielen Stellen der Bibel. Und nicht zuletzt bei ihm selber. «Auch wenn sich mein Vertrauen in Gott während der Jahre vertieft hat: Es gibt es immer wieder Momente, wo ich mit ihm ringe», sagt Urs Klingler. Dann sei es wichtig, ehrlich zu sein. «Gott gegenüber muss man kein Blatt vor den Mund nehmen», sagt der Pfarrer. Das habe er auch in seinen Predigten stets betont. «Tief unter allem Hadern habe ich aber die Erfahrung gemacht, dass das Vertrauen in Gott wächst, dass sich Lösungen abzeichnen und immer wieder eine Tür aufgeht, die Licht ins Dunkel bringt.»

 

Bunter Weihnachtsbaum

Kein Wunder also, mag Urs Klingler von allen christlichen Festen Weihnachen am liebsten. Eine Feier ist ihm besonders in Erinnerung geblieben. In einem Schreiben an die Gemeindeglieder habe er damals einen Aufruf gemacht, dass alle Leute ihren eigenen Schmuck mitbringen sollen, um die Tanne für den Festgottesdienst zu bestücken. Auch die Katechetinnen hätten mit den Kindern gebastelt. «Ich sehe diesen Weihnachtsbaum heute noch vor mir», sagt Urs Klingler. «Er war wunderbar bunt – etwas ganz Besonderes», strahlt er. Ebenso farbenfroh erhofft er sich seine letzte Feier in Rein – den Abschlussgottesdienst vom kommenden Sonntag. 

Und am Sonntag drauf – seinem ersten dienstfreien – steht schon das nächste Fest an. Dann feiert Urs Klingler im Rahmen seiner Familie nicht nur seinen 65. Geburtstag – sondern auch seinen Neuanfang.

Abschiedsgottesdienst 
Sonntag, 10. Juni, 9.30 Uhr 
Kirche Rein
www.ref-rein.ch 

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