Vertragliche Situation ist vertrackt

Der Konflikt in den Kirchgemeinden Gebenstorf-Turgi und Birmenstorf entwickelt sich zu einem Rechtsstreit. Dieser ist so schnell wohl nicht zu lösen.

Hat Pater Adam gekündigt: Kirchenpflege der katholischen Kirchgemeinde Birmenstorf. (Bild: zVg)

26. August 2020
19:28

Vergangenen Donnerstag nahm Luc Humbel, Präsident der Römisch-Katholischen Landeskirche Aargau, kein Blatt mehr vor den Mund. Er forderte öffentlich den Rücktritt von Daniel Ric, Kirchenpflegepräsident der katholischen Kirchgemeinde Gebenstorf-Turgi. Der Forderung gingen monatelange Querelen innerhalb der Kirchgemeinde voraus, in welchen sich dem Kirchenpflegepräsidenten und dem von ihm unterstützten Priester Pater Adam Serafin eine Gruppierung aus 72 Mitgliedern der Kirchgemeinde, die sich «Gruppe der 72» nannte, entgegenstellte («e-journal» berichtete). Der Konflikt spitzte sich innerhalb der letzten Wochen derart zu, dass er Kündigungen von Mitarbeitern der Kirchgemeinde zur Folge hatte. Verschiedene Mediationsversuche scheiterten. So auch der vorerst letzte.


Der Öffentlichkeit verpflichtet
So forderte Luc Humbel den Rücktritt von Daniel Ric im Nachgang an eine Aussprache mit der Kirchenpflege von Gebenstorf-Turgi. Hintergrund dieses öffentlichen Aufrufs sei die Weigerung des Kirchenpflegepräsidenten, der Aufforderung des Bischofs zur vertraglich festgelegten Kündigung des pfarrverantwortlichen Priesters Adam Serafin nachzukommen, so Humbel. So sieht ein Passus im Vertrag vor, dass Adam von sich aus kündigen wird, falls der Gemeindeleiter geht. «Diese Bedingung ist mit dem Abgang von Peter Daniels erfüllt, weshalb Adam hätte kündigen müssen,», so Humbel. Das Amt als Kirchenpflegepräsident stelle indessen ein öffentliches Amt dar, das der Kirchgemeinde und dem öffentlichen Wohl verpflichtet sei. «Daniel Ric hat diesen Verpflichtungen mehrfach zuwidergehandelt und stellt seine und weitere Individualinteressen über das Wohl der Gemeinde», argumentiert der Kirchenratspräsident. «Ein solches Verhalten verletzt in grundsätzlicher Art die Regeln des Zusammengehens von pastoraler und staatskirchlicher Leitung, was im Aargau nicht geduldet werden kann.»

Nach vielen erfolglosen Schlichtungsversuchen und dem Wegzug des Gemeindeleiters und Diakons Peter Daniels trotz eines Coachings zwischen den beiden Seelsorgern sei es an der Zeit, in Gebenstorf-Turgi auf allen Ebenen einen Neuanfang anzugehen, findet Luc Humbel. «Nur ein solches Vorgehen schafft Vertrauen und Zuversicht, dass sich nicht noch mehr Kirchenmitglieder abwenden», ist Humbel überzeugt.


Bistum pocht auf Kündigung
Pater Adam Serafin denkt derzeit nicht daran, von sich aus zu kündigen (siehe Interview). Laut Vertrag wäre er aber verpflichtet, seine Kündigung auf denselben Termin wie der Gemeindeleiter einzureichen. Der Passus im Vertrag zeigt, dass die Anstellung des Paters von Beginn weg an spezielle Bedingungen geknüpft war. So wurde Adam, wie Bistumssprecher Hansruedi Huber gegenüber der «Rundschau Nord» bestätigte, die Missio nur auf das ausdrückliche Begehren der Kirchenpflege hin erteilt. Im Vertrag stehe deshalb auch, dass das Bistum seinerseits den Pater nicht angestellt hätte. Das duale Kirchensystem funktioniert so, dass die Kirchgemeinde als Anstellungsbehörde wirkt und der Bischof wiederum die «missio canonica», die kirchliche Beauftragung, erteilt. «Die Missio von Pater Adam ist befristet und zusätzlich an den von ihm unterzeichneten Vertrag gebunden», so Hansruedi Huber. «Diesen muss er per 1. September erfüllen.» Laut Huber laufe derzeit ein entsprechendes Verfahren.


Rechtsgutachten soll helfen
Daniel Ric stellt sich voll und ganz hinter Pater Adam – und beruft sich auf einen weiteren Passus in der Vereinbarung, welche das Bistum und die beiden Kirchenpflegen abgeschlossen haben. «Im Vertrag steht auch, dass das Bistum einen Gemeindeleiter vorschlägt, und falls dieser einverstanden wäre, mit Pater Adam als pfarrverantwortlichem Priester weiterzuarbeiten, Pater Adam bleiben kann», so der Kirchenpflegepräsident von Gebenstorf-Turgi. Seiner Meinung nach sei es im Vertrag also primär darum gegangen, die sogenannte ausserordentliche Leitung, die kirchenrechtlich verboten sei, bei der ein Gemeindeleiter neben dem Priester Leitungsaufgaben habe, aufrechtzuerhalten. «Bischof Felix kann natürlich nicht öffentlich auf einem solchen Vertrag beharren, da er sich ansonsten kirchenrechtlich strafbar machen und grosse Gefahr laufen würde, als Bischof abgesetzt zu werden», so Ric. Auch Pater Adam dürfe sich kirchenrechtlich nicht an einen solchen Vertrag halten, da er durch die Pfarrverantwortung verpflichtet sei, den Menschen in den drei Pfarreien den Zugang zu den Sakramenten sicherzustellen. Daher liege es nun an den beiden Kirchenpflegen, zu entscheiden, ob sie diesen Vertrag einhalten wollten oder nicht. Momentan lässt die Kirchenpflege Gebenstorf-Turgi ein Rechtsgutachten erstellen. «Es wird aufzeigen, dass dieser Vertrag rechtswidrig war», ist Daniel Ric überzeugt.


Gemeinden sind gespalten
Derweil Gebenstorf-Turgi rechtliche Schritte vornimmt, ist die Kirchenpflege von Birmenstorf dem Vertrag nachgekommen und hat Pater Adam gekündigt. «Die Stimmung in der Kirchgemeinde ist derzeit nicht gut», sagt Kirchenpflegepräsidentin Ruth Rippstein. Die Haltung Pater Adam gegenüber sei «mehrheitlich negativ». Dies sowie die zahlreichen Kündigungen in der Kirchgemeinde hätten nebst der vertraglichen Regelung den Ausschlag für die Kündigung gegeben. «Das Leben in der Kirchgemeinde ist durch den Konflikt derzeit lahmgelegt», bedauert Rippstein. «Da helfen die auswärtigen Kirchgänger, die wegen Pater Adam zu uns kommen, rein gar nichts.» Sie anzulocken, liege nicht im Interesse der Kirchgemeinde. «Wir wollen zur Hauptsache unseren Mitgliedern gerecht werden», so die Kirchenpflegepräsidentin. Diese aber zögen sich immer mehr zurück, manche würden gar den Austritt aus der Kirche erwägen.

Die Situation bleibt vertrackt. «Solange der ordentliche Arbeitsvertrag, welcher von den Kirchenpflegen als Arbeitgeber ausgestellt ist, nur von Birmenstorf gekündigt wurde, dauert das Arbeitsverhältnis noch an», sagt Kirchenratspräsident und Rechtsanwalt Luc Humbel. Voneinander los kommen die beiden Kirchgemeinden indessen nicht so schnell. Der Zusammenarbeitsvertrag kann einzig von der Kirchgemeindeversammlung gekündigt werden – die Kündigungsfrist beträgt ein Jahr.

 

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