Vieles ist machbar

Vergangene Woche fand im Lichthof der Fachhochschule ein Wing-Anlass statt. Es ging um die Digitalisierung im Gesundheitswesen.

Die Interviewrunde: Thomas Schmitt, Christian Schlatter, Dominique Brodbeck, Ole Wiesinger, Jannik Marti,  Jörg Lagemann, Philipp Schaffner
Die Interviewrunde: Thomas Schmitt, Christian Schlatter, Dominique Brodbeck, Ole Wiesinger, Jannik Marti, Jörg Lagemann, Philipp Schaffner (Bild: em)

07. November 2018
09:00

Als Gastreferenten hatte man hervorragende Fachleute zum Thema verpflichtet. Mit Ole Wiesinger, dem CEO der Privatklinikgruppe Hirslanden Schweiz, wurde ein vielstimmiges Interview geführt. Dominique Brodbeck, Dozent am Institut für Medizintechnik und Medizininformatik der Hochschule Life Sciences FHNW Basel, Muttenz. Ausserdem stellten drei Studenten ihre Bachelorarbeit vor, die ihr Thema in Hirslanden-Kliniken erarbeitet hatten.

 

Gesundheit 4.0

Thomas Schmitt, Dozent beim Studiengang Wirtschaftsingenieurwesen, schilderte sein morgendliches Aufstehen mit Health-Trackerarmband. Der Direktor der Hochschule für Technik FHNW, Jürg Christener, stellte fest, dass es bei den drei bis vier Anlässen pro Woche, zu denen er eingeladen sei, in letzter Zeit vorwiegend um das Thema Digitalisierung gehe. Die Äusserung, die Digitalisierung werde die Hälfte der Arbeitsplätze kosten, befeuerte die Diskussion zusätzlich. Der Mensch sei ein Gewohnheitstier, das sich ungern in seiner Ruhe stören lasse von derart disruptiven Bewegungen wie der Digitalisierung. 

Dominique Brodbeck erläuterte kurz die Entwicklung der Wirtschaft, von der Mechanisierung zur Elektrifizierung bis hin zur Automatisierung und eben der Digitalisierung. Er legte das Gewicht vor allem auf den Aspekt der Vernetzung, die dank Digitalisierung möglich wird. Rembrandts Sezierbilder nannte er eine erste Bildgebung, die heute stark verfeinert ist. Kunstgelenke können personalisiert und mit dem 3-D-Drucker hergestellt werden, sodass sie wirklich dem einzelnen Körper angepasst sind. Anhand des Inselspitals Zürich zeigte er die Entwicklung von Spitälern. Seine FHNW-Abteilung erhielt den Auftrag, die Abläufe im Spital zu erfassen und anhand dieser die Gestaltung des Neubaus zu empfehlen. Denn der Architekt kümmert sich nicht darum, wohin welche Abteilung gehört, aber anhand derartiger Ablaufdiagramme kann man genau bestimmen, welche Gestaltung sinnvoll ist. 

 

Virtuelle Bäume

Ein weiteres Anwendungsgebiet findet sich bei der Physiotherapie. Die nützlichen Übungen werden zu Hause zwei-, dreimal wiederholt, dann geraten sie in Vergessenheit. Bei Schlaganfällen kann aber das kontinuierliche Wiederholen komplexer Abläufe die Erholung ganz wesentlich beeinflussen. Digitale Armbänder können so gebaut werden, dass sie tägliche Bewegungen aufzeichnen. Dies wiederum lässt wie bei einem Computerspiel einen Baum wachsen, der stets bewässert und gepflegt werden muss. Hergestellt wird das Produkt von der yband therapy AG, einem ehemaligen Start-up. Die zwei Fachleute entwickelten ein interaktives, selbst erklärendes Therapiesystem zur professionellen Förderung der Arm- und Handfunktion. 

Die drei Studenten des Wirtschaftsingenieurwesens Wing präsentierten ihre Arbeit, bei der es darum ging, die Nutzung von Leihsets, das heisst, chirurgische Instrumente, die ausgeliehen werden, zu verbessern. Anhand von drei Kliniken der Hirslanden-Gruppe wurden Daten gesammelt und ausgewertet. Daraus ergab sich schliesslich nur ein wirklich gangbarer Weg um das Verfahren zu vereinfachen.

Thomas Schmitt stellte den Hirslanden-CEO Ole Wiesinger kurz vor. Eigentlich hatte er Pilot werden wollen, doch studierte er schliesslich Medizin, gefolgt von einem Nachdiplom in Gesundheitsökonomie. Wiesinger sträubte sich lange gegen die Digitalisierung, hat jedoch seinen Widerstand aufgegeben. Interviewt wurde er gleich von zwei Wing-Dozenten sowie den drei Studenten und dem Publikum. Auf die Frage, was Gesundheit sei, sprach der CEO von den vier Arten von Fitness: physischer, mentaler, emotionaler und spiritueller. Gesundheit bedeutet die Abwesenheit von Krankheit. Ob eine bessere Medizin nicht zu noch grösserer Überalterung und Überbevölkerung führe? Wiesinger erinnerte an die sogenannten «Lösungen», die in seiner Heimat angewandt wurden und so viel Unheil anrichteten. Das ewige Jammern über die hohen Kosten im Gesundheitswesen langweilen ihn. Die Bevölkerung und die Politik müssen sich vielmehr überlegen, wie viel ihnen welches Gesundheitswesen wert ist. Wenn man vergleicht, dass in der Schweiz 100'000 Patienten von 14'000 Pflegenden betreut werden, während in Südafrika 560'000 Patienten von 19'000 Betreuern gepflegt werden, erstaunt das Kostenverhältnis keineswegs. Es gibt zweifellos Effizienzmöglichkeiten, aber alle müssen das Gleiche wollen. Was die Gefahr von Missbrauch mit vielen Daten betrifft, so besteht sie zweifellos, denn schliesslich handelt es sich um äusserst sensible Daten. Aber wenn die Prozessqualität hoch gehalten wird, sollten nicht allzu viele Missgeschicke passieren. Zuerst muss man die Prozesse definieren und anschliessend verbessern.

 

Den Krebs besiegen

Ja, die Hirslanden-Klinik verfüge über ein Fachteam, das sich mit diesen Fragen beschäftigt. Doch es gibt in dieser Gruppe extrem viele Schnittstellen. Ausserdem ist die Medizin stark individualisiert, da müsste man fast für jede Abteilung oder gar jeden OP einen Prozess definieren. Aber Wiesinger sieht für die Zukunft schwarz, wenn nicht mit künstlicher Intelligenz gearbeitet werden kann. Was heute etwa in der Bestrahlung möglich ist, das führe direkt zu einem schlechten Gewissen gegenüber den früheren Patienten. Ja, man könne sich gut vorstellen, dass es neue Berufsbilder gebe in der Medizin, die viel mit IT zu tun hätten, das wäre dann ein Gegengewicht gegenüber den verloren gegangenen Arbeitsplätzen. Wiesinger bedauerte die verakademisierende Ausbildung des Pflegepersonals, so fehlen mit der Zeit Leute für die einfachen Arbeiten. Schmitt wünschte sich einen Input für den Curriculum des Wing- Studiums. Wiesinger meinte: «Die Leute müssen offen und neugierig bleibe und sich auf Neues einlassen.» Er sei überzeugt, dass seine Enkel oder wenigsten deren Enkel nicht mehr an Krebs sterben müssten, da dieser dann besiegt sei.

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