Vom Ballett zum Heavy Metal

«Burning Witches» sorgen mit ihrem vierten Album für Furore. Romana Kalkuhl über die Vorurteile, mit denen die rockenden Hexen konfrontiert sind.

Auf Erfolgskurs: Burning Witches mit Gründerin Romana Kalkuhl (2. von rechts). (Bild: zVg)

10. Juni 2021
10:38

Romana Kalkuhl, wie fühlen Sie sich?

Sehr gut! (Lacht) Die Reaktionen auf «The Witch of the North» im Netz sind so positiv wie noch nie. Die Leute schreiben aber nicht nur, dass sie das Album mega toll finden, sondern haben es auch so fleissig gekauft, dass wir von null auf Platz sechs in die Hitparade einsteigen.

Seit «Dance with the Devil» sind nur fünfzehn Monate vergangen. Weshalb haben Sie es so eilig?

Wir haben nach dem dritten Album gesagt, «Kommt, wir machen gleich weiter», da wir voller Power waren und viele Ideen hatten. Weil wir wegen Corona nicht auf Tournee gehen konnten, hatten wir nach der Veröffentlichung auch schon wieder Zeit, uns ins Songschreiben zu vertiefen.

Wie konnten sich die Bandmitglieder finanziell über Wasser halten?

Unterschiedlich. Ich bin Musiklehrerin und gebe an verschiedenen Schulen Gitarrenunterricht, auch privat und über Skype. Unter anderem auch Fans, die mich angefragt hatten. Alle haben neben der Band ungefähr ein 80-Prozent-Pensum, Laura (Gesang) und Lala (Schlagzeug) ebenfalls im musikalischen Bereich, Larissa und Jay haben andere Jobs.

Laura ist Holländerin und lebt auch dort. Wie organisiert ihr euch?

Wir schicken ihr unsere Aufnahmen aus dem Proberaum. Dann kann sie in ihrem Homestudio dazu singen und Texte schreiben. Wir treffen uns nur zu Konzerten und Videoclips.

Das ist nicht unkompliziert. Wie kam es dazu?

Als wir nach unserem zweiten Album eine neue Sängerin suchten und wir ihre Stimme hörten, hat es sofort «Klick» gemacht. Wir haben Sie nach Brugg eingeladen. Sie war uns auf Anhieb sympathisch und passte mit ihrem Styling perfekt zu uns. Der Look ist ja schon wichtig. Im Heavy Metal kannst du nicht im pinken Kleidchen auf die Bühne gehen! (Lacht). Danach hatte Laura zwei Wochen Zeit, um unsere Songs zu lernen, damit wir am Sweden Rock auftreten konnten, wo wir mit ihr gleich durchgestartet sind.

Was betrachten Sie als Ihre bisher grössten Erfolge?

Mir war es nie wichtig, ein Star zu werden. Ich mache Musik, weil ich sie liebe. Ich habe eine Frauenband gegründet, um Spass zu haben. Der erste Erfolg war, dass uns «Schmier» von der Trash-Metal-Band «Destruction» anbot, unser Produzent zu werden. International ging es richtig los, als uns die deutsche Plattenfirma Nuclear Blast 2018 unter Vertrag nahm. Ein Traum ging in Erfüllung, als wir vor zwei Jahren am Wacken Open Air, dem grössten Heavy-Metal-Festival Europas, auftreten konnten. Als ich Jay Bescheid gab, hat sie aufgelegt. Ich rief nochmals an und fragte: «Freust du dich gar nicht?» Sie hat fast geheult.

Auf welcher der acht Bühnen habt ihr dann gespielt?

Das war im grossen Zelt. Da passen 15 000 Leute rein. Bevor wir an der Reihe waren, habe ich reingeschaut. Da standen nur etwa 30 Leute. Ich dachte, «Okay, dann versuchen wir, wenigstens die mitzureissen ...» Als dann das Intro lief und wir auf die Bühne gingen, war das Zelt jedoch «bumpevoll». Wie wir nachher erfahren haben, sollen sogar mehrere Tausend Fans keinen Platz gefunden haben.

Ihr Album heisst «The Witch of the North». Sind Sie diese Hexe?

(Lacht) Ich stamme zwar aus dem Norden und lebe erst in der Schweiz, seitdem mein Vater als Tenor ans Zürcher Opernhaus kam, der Titel hat jedoch eine andere Geschichte. Als ich das erste Riff des Songs komponiert hatte, fanden wir alle, dass es irgendwie nordisch klingt und das Laura beim Texten inspirieren könnte. 

In welcher Hinsicht interessiert Sie das Hexen-Thema?

Der Bandname entstand, weil wir fünf crazy Frauen sind, von denen jede auf ihre Art verrückt ist. Wir haben uns erst nachher für den historischen Aspekt zu interessieren begonnen und aus diesem Grund auch das Hexenmuseum auf Schloss Liebegg (bei Gränichen) besucht. Einiges davon ist in unser zweites Album «Hexenhammer» eingeflossen. Unsere Lieder handeln aber auch von alltäglichen Dingen, die uns beschäftigen.

Können Sie ein Beispiel geben?

«We Stand as One» bedeutet uns viel, weil in unserer Band jede für die andere einsteht und wir uns in der Heavy-Metal-Szene unheimlich wohlfühlen. Sie ist wie eine grosse Familie. Wenn es bei Konzerten manchmal zu Schlägereien kommt, ist immer jemand da, der uns beschützt.

Wie schwierig war es, sich als reine Frauenband in einer Männerdomäne wie Heavy Metal zu etablieren?

Im Internet geht viel ab, aber man darf das alles nicht so ernst nehmen.

Was denn?

Es heisst, unsere Kleider wären viel zu sexy. Dabei tragen wir ja lange Hosen und normale Oberteile. Das ist überhaupt nicht obersexy! (Lacht) Andere trauen uns nicht zu, dass wir die Songs selber schreiben und aufnehmen. Manche meinen sogar, dass bei unseren Konzerten Männer hinter dem Vorhang stehen und die Musik machen. Frauen könnten unmöglich so spielen.

Setzt sich das «Burning Witches»-Publikum anders zusammen als bei anderen Bands?

Wenn wir Vollgas geben, erschrecken manche Männer, bevor sie Fans werden, während sich Frauen schnell begeistern lassen. Vor Corona kamen sie nach den Konzerten zu den Autogrammstunden und wollten uns umarmen.

Ihr Ehemann, Damir Eskic, macht ebenfalls Hardrock und Heavy Metal. Haben Sie auch schon gemeinsam Konzerte gegeben?

Ja, ich bin mal in seiner Band «Rising Force», mit der er Songs seines Idols Ingwie Malmsteen covert, als Bassistin eingesprungen.

Wie kommt er damit klar, dass Sie mit den «Burning Witches» mehr im Rampenlicht stehen als er mit seinen Bands?

Problemlos. Er unterstützt mich total und treibt mich an, Gas zu geben und es allen zu zeigen. Ebenso wie ich ihn ermutigt habe, als er bei «Destruction» einsteigen konnte.

Hat die Musik Sie zusammengebracht?

Ja, bei meinem Studium an der Musikschule Winterthur hat mir sein Gitarrenspiel bei einem Konzert seiner damaligen Band so gefallen, dass ich bei ihm Gitarrenstunden zu nehmen begann.

Ursprünglich wollten Sie jedoch Primaballerina werden …

Stimmt. Ich habe mega gern Ballett getanzt und wollte es auch hauptberuflich machen. Mit fünfzehn haben mich meine Knieprobleme jedoch zum Aufgeben gezwungen. Später kam ich durch Kollegen zum Heavy Metal.

Noch früh genug, um Ihr Zimmer mit Postern vollzuhängen?

Ja, zuerst habe ich die Wände mit «Nirvana», «Metallica» und den «Red Hot Chili Peppers» tapeziert, habe dann Bands wie «Iron Maiden» und «Judas Priest» für mich entdeckt. Danach war das Zimmer voll! (Lacht)

Wie sind die «Burning Witches» in Brugg verwurzelt?

Ich bin in Wohlen aufgewachsen und vor zehn Jahren zu Damir nach Brugg gezogen. Unsere neue Leadgitarristin ist mit mir in den Kinderchor gegangen und hat bei meiner Mutter Klavierunterricht genommen. Die Bassistin stiess nach einer Party im «Piccadilly» zur Band, und die Schlagzeugerin fanden wir über ein Inserat. Sie alle wohnen nun auch hier.

Ihr erstes Konzert mit den neuen Songs soll am 18. Juni im Z7 in Pratteln stattfinden. Klappt das?

Nein, wir hoffen jedoch, dass wir es im Dezember auf der Schweizer Tournee nachholen können, die momentan in Planung ist. Wenn sich die Corona-Situation weiter entspannt, will unser neuer Booker sogar eine Nord- und Südamerika-Tournee organisieren. Damit ginge schon wieder ein grosser Traum in Erfüllung.

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