Vom Dorf- zum Quartierverein

Der Verein für euses Dorf Umiken konnte sein 40-jähriges Bestehen feiern. Am 24. Januar 2019 wird es um die Zukunft dieser wichtigen Vereinigung gehen.

Peter Baumberger leitete 39 Jahre lang den Verein
Peter Baumberger leitete 39 Jahre lang den Verein (Bild: em)

von
Esther Meier

14. Oktober 2018
09:00

Peter Baumberger, der 39 Jahre von insgesamt 40 den Verein als Präsident leitete, beantwortete eine Reihe von Fragen von e-journal. Er zeigte auch die Stellwand, die für das 40-Jahr-Jubiläum zusammengestellt worden war, mit zahlreichen alten Fotos und weiteren Erläuterungen zu den Tätigkeiten der Vereinigung. Sechs gefüllte Ordner standen auf dem Tisch – der Verein hat vieles auf die Beine gestellt in diesen vierzig Jahren. 

Baumbergers Ausführungen zeigten, dass hier eine Handvoll Verantwortliche ein ungemein vielseitiges Programm auf die Beine gestellt hat, das die unterschiedlichsten Musikrichtungen, aber auch viele Kreative des Dorfes vereinigten. Man schaute durchaus über den Tellerrand, ob in Einsiedeln bei der Milchverarbeitung und im Kloster oder in der Sternenwarte Basel. Besuche im Opernhaus hinter dessen Bühne gehörten ebenso dazu wie Flamenco-Vorführungen in der Bossartschüür Windisch oder ein Besuch beim Elektronen-Beschleuniger SLS, bei der Rega sowie bei diversen Kunstausstellungen in Aarau, Winterthur und Zürich.

 

Verein will Bauten schützen

Die Statuten enthalten einen Zweckparagrafen, der besagt, der Verein bemühe sich um den Schutz einer natürlichen Umgebung und erhaltenswerter Bauten und Dorfteile. Anstoss zur Gründung gab der damals 17-jährige Kantischüler Hansjörg Keller, der jede Menge gute Ideen einbrachte. Das nahe gelegene Brugg bot zu damals kulturell sehr wenig, abgesehen von Jazzsessions im «Gotthard» und ähnlichen Veranstaltungen im damaligen Kino Orient. Umiken seinerseits war noch ein stark bäurisch kleinbürgerlich geprägtes Dorf, das infolge wachsend zuziehender Bevölkerung drohte, unpersönlich zu werden. So wurde denn der Verein für euses Dorf ins Leben gerufen. Inzwischen sind zwei Vorstandsmitglieder über 80, zwei über 75, der Präsident ist gesundheitlich etwas angeschlagen – kurz die Rücktritte häufen sich. 

 

Vielfalt an Anlässen

Die Jahresprogramme zeigen eine unglaubliche Vielfalt an Anlässen. So werden besondere Gärten besucht, etwa der Park der Villa Brown Boveri, die Sternwarte in Basel war einen Besuch ebenso wert wie das Schönenwerder Museum Gugelmann-Wunderwelt und das Bally-Museum. Neben Jazzkonzerten fanden auch die Musikstubete jeweils grossen Anklang. Der Zusammenhalt untereinander, der im Lauf der Jahre immer besser wurde, zeigte sich an kleinen Dingen. So sprang eine Kontrabassistin von der Örgeligruppe kurzerhand als Begleiterin bei der Jazzformation ein. In der neuen Aula der Schule konnten einige Zeit Filmabende veranstaltet werden. Doch auch hier führte die Umstellung auf sechs Primarjahrgänge zur Schulnutzung dieses Raums. 

Die Kirchgemeinde offerierte die Pfarrscheune für Anlässe, als die Aula von der Schule beansprucht wurde. Gerne verband man sich auch für einzelne Anlässe mit umliegenden Kulturvereinen, etwa mit dem Grund Schinznach, aber auch mit dem Windischer Kulturkreis oder mit dem entsprechenden Riniker Verein. Die hochstehenden Orgelkonzerte von Elisabeth Hangartner in der Umiker Kirche wurden ebenfalls finanziell unterstützt, werden sie doch von Konzertbesuchern von weitherum besucht. Sogar Pflastersteine wurden in Brugg gekauft, die hier herausgerissen wurden, um dann rund um einen renovierten Brunnen in Umiken einen neuen Platz zu finden. Für die natürliche Umgebung wurde unter dem Motto «Grün für Umiken» mit Erlaubnis des Gemeinderats rote Ahornbäume gepflanzt, für die heute alle dankbar sind.

 

Es wurde politisch diskutiert 

1988 wurde der Halbanschluss Schinznach kontrovers diskutiert. Die Bad Schinznach AG wehrte sich aus Angst um ihre Thermalquellen. Der Umiker Gemeinderat verhielt sich zurückhaltend, doch viele Bewohner von Umiken waren vehement dagegen, da sie eine Zweiteilung des Dorfes befürchteten. Für euses Dorf sammelte in drei Tagen über 500 Unterschriften dagegen, was allerdings den lokalen Behörden sauer aufstiess. Sie monierten, der Verein habe kulturelle Zwecke, nicht politische. So zogen denn etliche Einwohner Umikens auf eigene Kosten bis hinauf zum Bundesgericht, das allerdings ihren Anspruch auf Eingabe verneinte, da sie nicht direkte Anwohner seien. Nun, glücklicherweise unterblieb der Halbanschluss, was die vielen Besitzer der Terrassenhäuser bestimmt auch zu schätzen wissen. 

 

Vergangenheit beleuchtet

Auch die Vergangenheit Umikens wurde von verschiedenen Leuten beleuchtet und mithilfe von Bildmaterial anschaulich gemacht. So gab es eine Diaschau mit alten Aufnahmen von Kurt Bärtschi, dazwischen las Marie Dennler ihre launigen Gedichte. Die durchschnittlich sieben bis acht Anlässe im Jahr waren durchgehend gut bis sehr gut besucht. Besonders schön war es, wenn man nachher noch gemütlich zum Gedankenaustausch zusammensitzen konnte. Ein Restaurant fehlt leider in Umiken, was besonders bei Beerdigungen schmerzlich vermisst wird. Das frühere Feuerwehrlokal könnte vielleicht umgebaut werden, aber da sich oberhalb Wohnungen befinden, stellt dies für gastronomische Nutzungen wohl einen Hemmschuh dar. Dank alter Aufnahmen konnten auch einige Kalender für geringes Entgelt angeboten werden, so für die Jahre 2000, 2002 und 2010, die Zeugnis geben von früheren Zeiten. 

 

Fusion mit Brugg

Wie erlebten die Umiker den Zusammenschluss? Damit wurde aus dem Verein für euses Dorf ein Quartierverein, der auf der Stadthomepage aufgeführt ist. Im Grossen und Ganzen lebt es sich heute besser im Dorf. Der einzige Bauarbeiter war oft völlig überlastet mit seinen Aufgaben. Brugg geniesst inzwischen ein lebendiges kulturelles Leben, der Seniorenrat, das Dampfschiff, das Odeon und Pro Senectute bieten ebenfalls eine ganze Reihe von Aktivitäten an. Kontakt mit Einzelnen dieser Institutionen wurde vor dem Auflösungsentscheid aufgenommen. Doch auch hier fand sich niemand, der für Vorstandsarbeit zu gewinnen gewesen wäre. Laut Statuten soll das verbliebene Kapital dem Aargauer Heimatschutz in Aarau überwiesen werden. Doch dazu wird es nach der 42. Generalversammlung in der Pfarrscheune eine weitere GV brauchen, die mit einer zwei Drittel Mehrheit der anwesenden Mitglieder die endgültige Auflösung des Vereins beschliessen muss. 

Oder findet sich doch noch jemand, der sich in den Vorstand wählen lässt? Eine Vertretung dieses Quartiers wäre bestimmt wichtig. Es haben sich zwar Leute bereit erklärt, einen oder zwei Anlässe zu organisieren, aber für eine länger dauernde Verpflichtung meldete sich leider noch niemand. Doch Pendler-Schlafstädte verlieren viel, wenn der Zusammenhalt der Bevölkerung zu bröckeln beginnt. Oder wenn sich wenigstens jemand bereitfinden würde, das Restaurant zu beleben, damit die Umiker wieder einen Treffpunkt erhalten. Wünsche gibt es viele, doch scheint niemand eine längere Verpflichtung übernehmen zu wollen. So oder so werden die vielseitigen Aktivitäten des Vereins in guter Erinnerung bleiben.

Kommentare (0)

Keine Kommentare gefunden!

Eine grosse Herausforderung

Unter der Regie von Christa Crausaz präsentiert die Theatergruppe Bözberg ein... Weiterlesen

Eindrückliches Zeitdokument geschaffen

Drei Kantischülerinnen gehen mit ihrer Maturarbeit auf Spurensuche. Entstanden... Weiterlesen

region

Landschaftsgärtner investieren 2,9 Mio.

An einer ausserordentlichen GV der Regionalsektion JardinSuisse Aargau fiel der... Weiterlesen

region

Von Bözen bis Neuenhof: Sänger vereinigt

Der Bezirksgesangsverein Brugg wurde aufgelöst. Er fusioniert mit demjenigen von... Weiterlesen

region

Von Höhenflügen und Abstürzen

Im Proberaum von «Flamencos en route» fand die erste Begegnung von Choreograf... Weiterlesen