Vom Hilfsbuchhalter zum Direktor

Ernst Götti, Direktor der Chemia Brugg von 1968 bis 1982, ist einen Monat vor dem 101. Geburtstag verstorben.

Wie rüstig Ernst Götti war, zeigt die Aufnahme an seinem 99. Geburtstag. (Bild: zVg)

19. Januar 2022
14:27

Die 1886 in das Handelsregister eingetragene «Chemische Fabrik Brugg» – die heutige Chemia AG an der Aarauerstrasse – zählt zu den ältesten Brugger Unternehmen. Sie ging 1893 aus der «Schweizerischen Zündholzfabrik» in Brugg hervor, die täglich bis zu acht Millionen Zündhölzer anfertigte. Damals lag der Betrieb noch in der Gemeinde Altenburg, die 1900 mit Brugg fusioniert wurde. Das Unternehmen gehörte 1918 zu den Gründern des Verbands der Industriellen von Brugg und Umgebung. Dieser half wesentlich mit, dass die Höhere Technische Lehranstalt (HTL) Anfang der 1960er-Jahre nach Brugg-Windisch kam.


Ein sozialer Patron
Ernst Götti prägte einen 40-jährigen Abschnitt der Firmengeschichte. Zum Bankkaufmann ausgebildet, trat der gebürtige Stadtzürcher als Hilfsbuchhalter mit 450 Franken Monatslohn in das Unternehmen ein und leitete es schliesslich von 1968 bis 1982 als Direktor. Es war eine wirtschaftlich bewegte Zeitspanne. Der aufblühenden Hochkonjunktur versetzte die Erd­öl­krise Mitte der 1970er-Jahre einen jähen Dämpfer. Die Chemia AG bekam die Auswirkungen vor allem im volatilen Mineralölgeschäft, dem Benzin-, Diesel- und Heizölhandel, zu spüren. Dieser Bereich wies immer wieder Schwankungen auf; sie hingen nicht zuletzt mit der für die Schifffahrt ausreichenden Wasserführung des Rheins zusammen.

Das Unternehmen verstärkte seine Basis durch Diversifikation in der Chemiesparte. Es baute in Nischen Kompetenzen auf und betätigte sich nicht nur als Lieferant, sondern auch als Lösungsanbieter in den Bereichen Wasseraufbereitung, Schwimmbäder, Hygiene, Industrie und Konsumgüter. Ernst Götti war ein sozial eingestellter Patron. Das belegen seine traditionellen Neujahrsbriefe an die Mitarbeitenden. Darin informierte er redlich über den Geschäftsgang, liess die Belegschaft am Erfolg teilhaben, begründete aber in schwierigeren Situationen auch notwendige Massnahmen, immer mit dem Willen, Entlassungen möglichst zu vermeiden.


Bewundernswert rüstig
Dem Pensionär war ein langer, erfüllter dritter Lebensabschnitt bei bewundernswerter geistiger und körperlicher Rüstigkeit beschieden. Er hielt sich sein Leben lang mit Sport fit, in jüngeren Jahren mit Tennisspiel, später mit Golfen. Vor sieben Jahren starb seine Gattin, zuvor hatte er sie jahrelang daheim gepflegt und sie schliesslich schweren Herzens in ein Heim geben müssen. Bis letzten August haushaltete er selber im Eigenheim am Weiermattring und unternahm noch mit 98 grosse Spaziergänge, etwa nach Hausen zum Sohn und seiner Familie und zurück. Kurz vor Weihnachten, knapp einen Monat vor seinem 101. Geburtstag, ist er im Pflegeheim Süssbach verstorben.

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