Von der Leidenschaft fürs Leben

Als Schöpferin der Mumins wurde Tove Jansson weltberühmt. Warum die Trolle die Künstlerin in eine Krise führten, erzählt der Film «Tove».

Tove Jansson (Alma Pöysti) bei ihrer Arbeit im Saal des Schwedischen Theaters Helsinki: Filmstill aus «Tove». (Bild: zVg)

10. Dezember 2021
08:43

Wer kennt sie nicht, die Mumins? Die knuddeligen Trolle der finnlandschwedischen Autorin Tove Jansson erobern seit den 50er-Jahren die Welt und wurden ausgerechnet in Japan zu einem regelrechten Boom. Dass die Geschichten der Mumins, die mittlerweile in 33 Sprachen übersetzt und für Fernsehen, Hörfunk, Film und Theater bearbeitet wurden, die Künstlerin in eine existenzielle Sinnkrise stürzten, mag man fast nicht glauben.
Im Schatten des Vaters
Hier setzt der Film «Tove» der finnischen Regisseurin Zaida Bergroth an, der 2020 sein Debut feierte und nun in den Schweizer Kinos anläuft. Er erzählt die Geschichte einer Selbstfindung. Protagonistin ist die «Mutter der Mumins», die Kunstschaffende Tove Jansson, die 1914 in Helsinki geboren wurde. Sie stammt aus einer bekannten Künstlerfamilie: Ihr Vater war der Bildhauer Victor «Faffan» Jansson (1886–1958), ihre Mutter die Zeichnerin Signe «Ham» Hammarsten-Jansson (1882–1970). Tove kam über die Malerei zum Schreiben. Sie besuchte die Kunstgewerbeschulen in Helsinki und Stockholm und wurde von ihrem Vater gleichwohl gefördert wie unterdrückt. Lange stand sie in seinem Schatten, malte und suchte in den Künstlerkreisen der finnischen Hauptstadt nach Identität, künstlerischer Freiheit und sexueller Selbstbestimmung.
Lose liiert mit dem Journalisten und Politiker Atos Wirtanen (gespielt von Shanti Roney) und zugleich unsterblich verliebt in die Theaterregisseurin Vivica Bandler (gespielt von Krista Kosonen), beginnt sie – zuerst in Form einer spontanen Krizzelei – mit dem Zeichnen der Mumins, zu denen sie auch Geschichten schreibt. Ihrem Vater sind die Trolle ein Dorn im Auge. «Das ist keine Kunst», moniert er. Vivica hingegen findet Gefallen an den drolligen Figuren und ihren lustigen und zugleich tiefgründigen Erlebnissen und motiviert Tove, ein Theaterstück zu schreiben. Die Premiere im Schwedischen Theater in Helsinki begeistert – und Tove Jansson wird zur bekannten und beliebten öffentlichen Person.
Zwischen 1954 und 1957 zeichnete Tove Jansson einen in täglichen Drei-Bild-Streifen erscheinenden Mumin-Comicstrip für die englische Zeitung «Evening News», eine zuerst spannende Tätigkeit, die zunehmend zu einem «Brotjob» wird, mit dem die Künstlerin hadert. Immer stärker legt man sie auf die Zeichnerin der «Mumins» fest, obwohl sie eine ebenso begabte Autorin wie Malerin ist.
 

Eines der bekannten Muminbücher von Tove Jansson in deutscher Übersetzung. (Bild: zVg)

 

Wind kommt auf
Innerlich zerrissen reist Tove Jansson nach Paris, wo sie zufäligerweise im Ausgang auf Vivica trifft. Diese ermutigt sie, ihrer vielseitigen Begabung  nachzugeben, dem Leben zu folgen und frohgemut alle Konzepte über den Haufen zu werfen. Nun kommt wieder Wind auf in Toves Leben, und befreit beginnt sie eine neue Etappe. Innerlich kehrt zunehmend Ruhe ein. Mit ihrer neuen Freundin Tuulikki Pietilä (gespielt von Joanna Haartti), die mit beiden Beinen auf dem Boden steht, lebt sie bis zu hrem Tod 2001 zusammen. Einen grossen Teil des Jahres verbringt das Paar in einer einfachen Holzhütte auf einer Insel weit draussen im Schärengarten.


Gegenwelt zum Krieg
Ganz anders als die BBC-Dokumentation «Moominland Tales: The Life of Tove Jansson», die unter anderem auf Youtube verfügbar ist, fokussiert sich der Film «Tove» nicht auf den ganzen Lebensstrang der Künstlerin, sondern auf die intensiven Jahre der Selbstfindung, auf das Dilemma zwischen Kunst und Verdienst, die Ambivalenz zwischen Befreiung und Enge, auf das  Pendeln zwischen Mut und Schüchternheit. Am Ende siegt die Freiheit – und mit ihr der Sturm, den die Protagonistin zutiefst liebt. Die Szenen, in denen Tove Jansson durch die Räume wirbelt und sich dem wilden Tanz hingibt, zeigen auf intensive Weise, wie sie sich zu einer tiefgründigen Persönlichkeit herausschält, die am Ende weiss, was sie will, und mitten im Leben steht.

Die wundervollen Geschichten derMumins durchziehen den Film in Zitaten und machen Lust auf eine Welt, die sich immer wieder von neuem zu entdecken lohnt. Eine Welt, die inmitten der vom Krieg erschütterten Jahre auf Wertschätzung setzt, in der Eigenbrödler wie Schüchterne, Traumatisierte wie Behütete, Erwachsene wie Kinder willkommen sind. Eine Welt, in der gerade die Kleinsten oft die Frechsten und Mutigsten sind. Dass diese Welt, die Tove Jansson zum internationalen Durchbruch verholfen hat, im Film nicht den Platz einnimmt, den man sich gewünscht hätte, hängt wohl damit zusammen, dass der Film aus Finnland stammt – wo die Geschichten der Mumins zum allgemeinen Repertoire gehören und in zahlreichen Filmen und literarischen bis hin zu psychologischen Abhandlungen thematisiert wurden. In Finnland hat die Autorin längst Kultstatus erlangt. Dafür zeugen auch die zahlreichen Auszeichnungen. Für ihr Werk wurde Tove Jansson mit vielen Preisen geehrt und auch mit der Ehrendoktorwürde geehrt. So erhielt sie 1952 den von Stockholmer Tageszeitungen gestifteten Literaturpreis für das beste Kinderbuch, 1952 die zum Andenken an Selma Lagerlöf gestiftete Nils-Holgersson-Medaille und 1996 den Internationalen Hans-Christian-Andersen-Preis.

Tove Janssons Welt ist wild, tiefgründig und bunt. Ihre Art, mit dem Leben den Rank zu finden, bereichert und ermutigt. So sagt Tooticki, die Mumin-Figur, die Tove Jansson wohl am ähnlichsten ist, an einer Stelle: «Alle Dinge sind doch äusserst ungewiss, und genau das gibt mir das Gefühl der Beruhigung.»


Der Film «Tove» läuft zurzeit im Trafo Baden und im Odeon Brugg
trafobaden.ch
odeon-brugg.ch

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