«Vor uns lag ein weisses Blatt»

Nikola Weisse und Benjamin Engeli spannen zusammen: Die Schauspielerin liest Hoffmanns «Sandmann»; der Pianist unterstützt sie mit Musik.

Er zählt zu den vielseitigsten Pianisten der Schweiz: Benjamin Engeli. (Bild: zVg | Marco Borggreve)

von
Feller, Elisabeth

19. Januar 2022
16:26

Was macht eigentlich der Pianist? Spielen, lautet die lapidare Antwort. Aber dieses Spielen ist ein anderes, wenn Benjamin Engeli weder ein Solorezital, noch ein Orchester- oder Kammermusikkonzert gibt, sondern als feinfühliger, musikalischer Begleiter eine Schauspielerin wie Nikola Weisse im Kurtheater Baden unterstützt. Und dies, indem die Musik einerseits das von Weisse Gesprochene unterstreicht, andererseits Zäsuren zum Verschnaufen setzt, denn: «E.T.A. Hoffmanns Sprache ist in seiner Erzählung ‹Der Sandmann› zwar unglaublich farbig und facettenreich, aber sie ist alles andere als leicht.» Viele Male gab der mit seltsamen, skurrilen, aber auch verstörenden Figuren ausgestattete, 1816 erstmals veröffentlichte Text Anlass, um Opern zu komponieren, Theaterstücke zu schreiben oder Filme zu drehen.


Gut zwei Stunden
Doch nun ist «Der Sandmann» im Original zu hören. Die grosse, im Januar 81 gewordene Schauspielerin Nikola Weisse liest den Text integral, was – mit Pause – gut zwei Stunden in Anspruch nimmt. Dass ihr Benjamin
Engeli zur Seite steht, verdankt sich schönen Zusammenarbeiten, u. a. mit einem Balladenabend zu Annette von Droste-Hülshoff. Im Unterschied zu damals, als Daniel Fueter für die Dramaturgie zuständig war, liegt diese nun in den Händen von Weisse und Engeli. «Vor uns lag ein weisses Blatt», schildert der Pianist die anfängliche Situation des Ausprobierens. «Schon bald stiessen wir aber auf Frédéric Chopin, weil dieser in etwa die gleiche Ästhetik aufweist wie E.T.A. Hoffmann.»

Engeli rühmt Chopins «kurze, teils geradezu irrsinnige, spukhafte Préludes», die nun zusammen mit Nocturnes und anderen Werken dieses Komponisten Eingang gefunden haben in einen poetisch-dichten Abend, der in eine andere Zeit entführt. «Alles in allem ist die Musik im Programm viel kürzer als das Gesprochene, aber durch die Intensität der Kompositionen und eine Art leitmotivischer Ordnung bekommt sie doch ihr Gewicht», sagt Engeli und verweist auf Chopins berühmten Minutenwalzer, der dann zum Einsatz kommt, wenn E.T.A. Hoffmann von Olimpia spricht und der Walzer die Komik der Situation unterstreicht.


Eine leblose Puppe
«Der Sandmann», ein Märchen der Schwarzen Romantik, kreist um die Figur des Physikstudenten Nathanael, der – bereits mit dem Bürgermädchen Clara verlobt – sich am Studienort in die Tochter eines Professors, die schöne Olimpia, verliebt. Aber dann stellt sich heraus, dass Olimpia kein Mensch, sondern ein Automat ist: eine «leblose Puppe». «Sie könnte für schön gelten, wenn ihr Blick nicht so ganz ohne Lebensstrahl, ich möchte sagen, ohne Sehkraft wäre. Ihr Schritt ist sonderbar abgemessen, jede Bewegung scheint durch den Gang eines aufgezogenen Räderwerks bedingt. Ihr Spiel, ihr Singen hat den unangenehm richtigen geistlosen Takt der singenden Maschine und ebenso ist ihr Tanz. Uns ist diese Olimpia ganz unheimlich geworden», durchschaut Nathanaels Freund Sigmund das Automatenhafte an dieser jungen Frau. Nathanael wiederum kann die Täuschung nicht verkraften, weshalb sie ihn in den Wahnsinn und am Ende in den Tod treibt.

Eine verrückte Geschichte? «Das auf jeden Fall», sagt Engeli und wird nachdenklich. «Vielleicht mutet es etwas merkwürdig an, aber ich hatte seit jeher einen stärkeren Bezug zur Musik als zur Literatur der Romantik. Vieles von dieser Gefühlswelt lässt sich – für mich wenigstens – besser in der Musik ausdrücken.»


Hochkarätiges Künstlertreffen
Umso spannender wird das hochkarätige Künstlertreffen zwischen der Schauspielerin Nikola Weisse und dem Pianisten Benjamin Engeli im Kurtheater Baden sein. An einen eventuellen, pandemiebedingten Ausfall mag man gar nicht denken, obgleich der in Aarau lebende Ostschweizer in den letzten zwei Jahren mit Unsicherheiten leben gelernt hat. Nicht nur als Pianist, sondern auch als künstlerischer Ko-Leiter der renommierten Kammermusikreihe im Zimmermannhaus Brugg. «Es gab vor jedem Konzert Diskussionen: Sollen wir absagen oder nicht? Aber letztlich haben nur zwei Konzerte nicht stattgefunden.» Halt gab das «tolle Engagement der Stadt Brugg, die auch in schwierigen Zeiten hinter uns stand und steht». Berührt hat den Pianisten auch das «treue Publikum, das selbst dann ins Zimmermannhaus strömte, als die Pandemiesituation – wie im November 2020 – sehr heikel war». Eine solche Zustimmung wirkt als Motivation – gerade dann, wenn alles bis zur letzten Minute als unsicher erscheint.


Samstag, 22. Januar, 20 Uhr, Kurtheater Baden, kurtheater.ch

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