«Was nach 2047 kommt, weiss niemand»

Der Auensteiner Tobias Brandner wirkt als Gefangenenseelsorger in Hongkong. Auf Heimaturlaub berichtet er von aktuellen Vorkommnissen.

Tobias Brandner: «Hongkong ist eine Gesellschaft auf Zeit» (Bild: zVg/Corina Dillier)

von
Peter Belart

10. Juli 2019
09:00

Tobias Brandner

Geboren 1965 in Préverenges VD. Aufgewachsen in Auenstein; vom 5. bis 21. Lebensjahr dort wohnhaft. Bezirksschule in Schinznach-Dorf. Seit 1996 in Hongkong.Verheiratet; drei erwachsene Kinder.

Herr Brandner, bitte skizzieren Sie Ihre berufliche Tätigkeit in Hongkong.

Im Vollamt bin ich als Theologie-Professor an der Chinese University of Hongkong tätig. Ich doziere über die Geschichte des westlichen und asiatischen Christentums sowie über missionswissenschaftliche Erkenntnisse. Im Nebenamt arbeite ich als Gefangenenseelsorger in den Hochsicherheitsgefängnissen von Hongkong.

 

Wie kam es zu Ihrer Auswanderung nach Hongkong?

Als junger Mann wohnte und arbeitete ich in Zürich. Meine damalige Freundin und heutige Ehefrau ermutigte mich, dem Leben noch einen weiteren Horizont zu geben. Die Basler Mission bot mir einen Aufenthalt in Hongkong an; allerdings verbunden mit einer fünfjährigen Vertragsdauer, denn allein das Erlernen des Kantonesisch beansprucht viel Zeit. Ich nahm die Stelle an und habe es nie bereut.

 

Hat Ihre Tätigkeit nebst der theologischen und pädagogischen auch eine politische Dimension?

Mehrfach! Verschiedene Anführer der «Regenschirm-Revolution» von 2014 betreue ich in den Gefängnissen. Die meisten von ihnen sind übrigens Christen. Meine Arbeit als Theologe hat grundsätzlich politische Aspekte, sowohl im Gefängnis als auch an der Universität. Ich selber bin ein politisch interessierter Mensch.

 

Lässt sich der politische Zustand von Hongkong mit demjenigen der Schweiz vergleichen?

Nein, nicht unbedingt. In der Schweiz sind die Strukturen und die politischen Abläufe tief verankert und deshalb sehr stabil. In Hongkong dagegen ist vieles im Fluss, im Aufbau. Es ist eine Gesellschaft auf Zeit. Die vertraglich vereinbarte Sonderverwaltung ist auf 50 Jahre begrenzt, also bis 2047. Was danach kommen wird, weiss niemand. 

  

Wie ist unter diesen Umständen die Sicherheitslage in Hongkong?

Total gut. Hongkong ist weltweit eine der sichersten Städte. Man kann sich ohne Bedenken zu jeder Tages- und Nachtzeit in jedem Stadtteil bewegen. Die Menschen verhalten sich sehr rücksichtsvoll und hilfsbereit. Keine Spur von Aggression. 

 

Wie haben sich die Sicherheits- und die politische Lage in den 23 Jahren Ihres Dortseins verändert?

Die Sicherheitslage war immer eins a. In politischer Hinsicht beobachte ich jedoch eine schleichende Verschlechterung, indem China langsam mehr Einfluss gewinnt. Immerhin herrscht in Hongkong ein gutes Rechtssystem, das keinerlei Willkür zulässt.

 

Wie haben Sie die Massendemonstrationen der letzten Tage und Wochen erlebt?

Grossartig! Das war eine ganz tolle Erfahrung. Etwa eine Million Menschen waren auf der Strasse. Es war eine riesige Solidarität spürbar; die Leute ermutigten sich gegenseitig. Alles verlief friedlich, obwohl scharfe Parolen skandiert wurden. Die Kirchen und andere öffentliche Institutionen boten offene Toiletten und Rast-Zonen an.

 

Ist China denn tatsächlich eine Bedrohung für Hongkong?

Ja. Leider. Hongkong will unbedingt eine freiheitliche Stadt bleiben mit freien Zugängen zu allen Informationsquellen. Die Menschen in Hongkong lieben jede Art von Freiheit, etwa die Demonstrations- oder die Religionsfreiheit, und es ist ihnen durchaus bewusst, dass die chinesische Gesellschaft nichts dergleichen kennt. Ich weiss, dass eine erhebliche Anzahl von Menschen in Hongkong bereit ist, für freiheitliche Rechte ihr Leben einzusetzen.

 

Wird China irgendwann eingreifen?

Nein, das kann ich mir nicht vorstellen. Die «Regenschirm-Revolution» vor fünf Jahren verlief auch ohne Intervention Chinas. Eine gewaltsame Aktion wäre für China ein PR-Debakel ohnegleichen, und es ist nicht ganz auszuschliessen, dass dann der «freiheitliche Funke» auf China überspringen würde.

 

Wie sehen Sie die zukünftige Entwicklung von Hongkong?

Prognosen sind extrem schwierig zu formulieren. Es gibt pessimistische Äusserungen, die erwarten, dass Hongkong nach 2047 jeglichen Sonderstatus verliert. Ich bin eher optimistisch, denn ich bin mir sicher, dass sich die Menschen von Hongkong ihre Freiheitsrechte nicht «einfach so» nehmen lassen.

  

Was macht Hongkong für Sie lebens- und liebenswert?

Es ist eine unerhört lebendige und spannende Stadt mit extrem viel Potential. Diese Suche nach Strukturen und deren Aufbau fasziniert mich genau gleich wie der Gegensatz von dicht bevölkerter Weltstadt und der dschungelähnlichen Natur, die hier auch anzutreffen ist. 

  

Existiert die Region Brugg trotzdem noch in Ihrem Bewusstsein?

Auf jeden Fall! Ich stehe in Kontakt mit meinen Auensteiner Jahrgängern und natürlich mit meinen Verwandten, die in der Region Brugg leben. Ich fühle eine Verbundenheit mit der Natur, mit der Gegend, in der ich meine Jugend verbracht habe. Mein Daheim ist gleichermassen in der Schweiz und in Hongkong, ja in ganz Südostasien.

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