Weben wie im Westen von Afrika

Bunte Farben, weiche Stoffe, einzigartige Muster: Das zeichnet die Webkunst Westafrikas aus. In Unterwindisch kann man daran teilhaben.

Begeistern sich für die Webtechnik und die handgefertigten Textilien aus Afrika: Die Unterwindischerinnen Susanna Fry und Anne Sutter. (Bild: aru)

27. Juli 2022
13:23

Weben wie in Afrika – im Diesellokal Unterwindisch

Beim Event «Weben wie in Afrika» ­können Kinder, Jugendliche und ­Erwachsene die Technik direkt von Koko Fofana und Ibrahim Coulibay ­lernen. Die Kurse und das offene ­Weben finden im Diesellokal statt, wo dreizehn originale Webstühle ­aufgebaut sind. Am Montag, 1., Donnerstag, 4., und Freitag, 5. August, gibts Weben für alle, jeweils von 9 bis 12 und von 14 bis 17 Uhr. Am Donnerstag und Freitag kann man sich auch fürs gemeinsame Mittagessen anmelden unter fry@artikeldesign.ch. Am Samstag findet um 9 Uhr eine Führung mit Silvia Hintermann durch die Kunstausstellung «Art à la carte» im Freien für Quartierbewohnende und weitere ­Interessierte statt. Um 10.30 Uhr bringt dann Röbi Kühnis Interessierten die Geschichte und den Wandel auf dem Fabrikareal bei. Am Samstag, 3. September, kann man den ­Webern während des Unterdorfmarkts über die Schulter schauen.


diesellokal.ch

Dort, wo Ibrahim Coulibay und Koko Fofana herkommen, webt man mitten im Geschehen – auf dem Dorfplatz. Die Männer sitzen im kleinen Dorf Waraniéné im Norden der Elfenbeinküste auf dem Boden an ihren aus Abfallholz gefertigten Webstühlen und tun das, was sie von ihren Vätern gelernt haben: Sie fertigen aus der oft handgefärbten, weichen afrikanischen Baumwolle Textilien für den Alltag und für den Verkauf. Weben hat in Afrika Tradition. Nicht nur die Technik, auch die Muster, die oft eigene Zeichen einer Sippe enthalten, werden von Generation zu Generation weitergegeben.

In Waraniéné haben sich die Handwerker in den 1970er-Jahren organisiert: So hat Ibrahims Onkel, Amidou Coulibay, die erste Webergenossenschaft gegründet. Vierzig Weber schlossen sich ihr an. Daraus hervorgegangen ist die Handwerkskooperative des Nordens (UGAN) mit über 600 Mitgliedern aus fünf Dörfern. Sie vereinigt Handwerkerinnen und Handwerker und setzt sich für deren Rechte und Honorierung ein. Trotz der schlechten Wirtschaftslage in Westafrika konnte UGAN dazu beitragen, dass junge Menschen in ihren Dörfern bleiben und einem Broterwerb nachgehen können.


Mit nackten Füssen steuern
Feuer gefangen für die Webkunst aus Waraniéné hat Susanna Fry im Garnlager in Lyssach. Im schweizweit einzigartigen Zentrum für Textilkunst und textiles Kunsthandwerk, wo unter anderem die Absolventinnen und Absolventen der Webausbildung der Zürcher Stadler AG ihre Werke ausstellen, stiess sie auf eine Ausschreibung von Ibrahim Coulibay und Koko Fofana. Damals war es der ehemaligen Handarbeits- und Werklehrerin aus Unterwindisch zwar nicht möglich, den Kurs der beiden zu besuchen, aber sie kam in Kontakt und war begeistert von der traditionellen Webtechnik und von den schlichten Schmalbandwebstühlen, die man auf dem Boden sitzend bedient und mit nackten Füssen steuert. «Ich staunte, in welch hohem Tempo die beiden Männer woben, und verliebte mich in die farbenfrohen und einzigartigen Muster ihrer Designs», schwärmt die 66-Jährige.

In der Folge beschloss sie, Ibrahim Coulibay und Koko Fofana, die seit vielen Jahren jeweils für drei Monate in die Schweiz kommen, um ihre Technik weiterzugeben und Textilien der Genossenschaft zu verkaufen, nach Unterwindisch zu holen. Diesen Sommer sind die beiden bereits zum fünften Mal im Diesellokal zu Gast. Unterstützt wird Susanna Fry beim ganz­wöchigen Programm, zu dem nebst dem freien Weben für die Öffentlichkeit auch ein Ferienpass-Angebot und eine Tagung gehören, unter anderem von Anne Sutter. Die 69-Jährige, die vor ihrer Pensionierung als Primarlehrerin tätig war, interessiert sich nicht zuletzt dank ihrer Schwester, die ausgebildete Handweberin ist, sehr für die Arbeit am Webstuhl. Sie wohnt seit zwölf Jahren in Unterwindisch und hat Susanna Fry beim Pendeln nach Zürich kennengelernt.

 

  • Impressionen (Bilder: zVg)
  • Impressionen (Bilder: zVg)
  • Impressionen (Bilder: zVg)
  • Impressionen (Bilder: zVg)
  • Impressionen (Bilder: zVg)
  • Impressionen (Bilder: zVg)
  • Impressionen (Bilder: zVg)
  • Impressionen (Bilder: zVg)
  • Impressionen (Bilder: zVg)


Diesellokal wird zum Dorfplatz

In den nächsten Tagen haben die beiden engagierten Frauen alle Hände voll zu tun. «Die Organisation einer ganzen Webwoche braucht viele Ressourcen», sagt Susanna Fry. Sie freue sich aber auf die vielen Anlässe und ganz speziell auf den Unterdorfmarkt am Samstag, 3. September. «Ibrahim und Koko werden zum ersten Mal mit dabei sein», erzählt sie. «Das Diesel­lokal bietet die perfekte Location fürs Weben auf dem Boden», ergänzt Anne Sutter. «Hier können Erwachsene, Kinder und Jugendliche ganz unverbindlich und spontan reinschauen und den Webern über die Schulter gucken oder sich für einen Kurs anmelden und tiefer ins Handwerk eintauchen.»

Und so entsteht kommende Woche in Unterwindisch ein Dorfplatz wie in Waraniéné – mit dem einzigen Unterschied, dass die Tradition der Webkunst nicht nur Männern vorbehalten ist.

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