Wechsel ist das Beständigste in Mülligen

Ueli Graf führte Mülligen wieder auf sicheren finanziellen Boden. An seiner letzten Gemeindeversammlung konnten neue Kredite bewilligt werden.

Ueli Graf am Eingang zur Gemeindekanzlei. Die Mülliger meinten: Wer eine Strafanstalt leitete, kann auch eine tausendköpfige Gemeinde führen. (Bild: hpw)

22. Dezember 2021
17:35

Zur Person

Ueli Graf wurde am 31. Dezember 2012 als Direktor der Strafvollzugsanstalt Pöschwies Regensdorf pensioniert, zügelte am 27. September 2014 nach Mülligen und übernahm am 1. Juli 2015 das Amt des Gemeindeammanns. Seine Laufbahn begann er als Sozialpädagoge und Psychologe in der Beobachtungsstation für straffällige Jugendliche in Dielsdorf. Darauf leitete er das Jugendheim Schachen in Malters und nachher die Stiftung für Schwerbehinderte Luzern. Er gehörte auch sechs Jahre der liberalen Fraktion (FDP) des luzernischen Grossen Rats an. 1997 wurde er zum Direktor von Pöschwies gewählt. Ueli Graf ist 73-jährig, verheiratet, Vater von drei Kindern und bald neunfacher Grossvater.

«Nichts ist so beständig wie der Wandel», sagte der griechische Philosoph Heraklit vor rund 2500 Jahren. Dass das Zitat immer noch gilt, mussten in jüngster Zeit die Gemeinde Mülligen und ihr Ammann Ueli Graf erfahren. In seiner sechseinhalbjährigen Amtszeit arbeitete er mit vier Gemeindeschreibern respektive -schreiberinnen zusammen, und er erlebte sechs Gemeinderatsdemissionen. Nur während zweier Jahre war die Behörde vollzählig, sonst wirkte sie zu viert oder zu dritt. Zeitweise drohte mit drei Vakanzen sogar die Einsetzung eines kantonalen Sachwalters.

«Die vielen Wechsel waren eine Herausforderung», gesteht der 73-jährige abtretende Gemeindeammann. Denn jede Rochade bedeute einen Erfahrungsverlust und Neuanfang, weil Neugewählte ungefähr ein Jahr Einarbeitungszeit bräuchten. Zudem falle die Arbeit unbesetzter Ressorts den verbleibenden Ratsmitgliedern zu. Deshalb war Ueli Graf neben der Ammann-Funktion in nahezu alle gemeinderätlichen Fachbereiche involviert. 


«Ich mache das»
Ueli Graf und seine Gattin zogen im September 2014 nach Mülligen. «Das Dorf an der Reuss war mir bis dahin völlig unbekannt», gibt der geborene Stadtzürcher zu. Durch ein Inserat wurde das Ehepaar für eine «Eigentumswohnung in ländlicher Umgebung» auf Mülligen aufmerksam. Das Angebot passte. Er war Ende 2012 als Direktor der Strafvollzugsanstalt Pöschwies in Regendorf pensioniert worden, und wie bei früheren Veränderungen seines Tätigkeitsfeldes fasste er auch dieses Mal einen Wohnsitzwechsel ins Auge.

Nach der Ankunft am neuen Ort las Ueli Graf im Gemeindeblättli den dringenden Aufruf, es möchten sich doch Interessierte für zwei frei werdende Gemeinderatssitze melden. Doch dazu schien wie bei vorherigen Vakanzen wiederum niemand Lust zu haben. Aber den Neuzuzüger Graf stach der Hafer. Er war fit, hatte jetzt Zeit für anderes und bei den täglichen Rundgängen mit dem Hund das Dorf und einige Bewohner bereits etwas näher kennengelernt. Also meldete er sein Interesse an: «Ich mache das, wenn ihr mich wollt.» Der Gemeinderat lud ihn sofort zu einer Besprechung ein und eröffnete ihm, dass es eigentlich auch noch einen neuen Ammann brauche.

Am runden Tisch stellte sich Ueli Graf der Bevölkerung vor. Die Dorfbewohner zögerten nicht. Sie fanden, wenn einer fünfzehn Jahre lang die Aufgabe als Zuchthausdirektor mit 400 Insassen erfolgreich gemeistert habe, sei er wohl auch imstande, eine tausendköpfige Landgemeinde zu leiten. Sie wählten ihn am 14. Juni 2015 «mit nordkoreanischer Einmütigkeit» als Gemeinderat und Ammann. Bereits am 1. Juli trat er sein Amt an.


Eine völlig neue Aufgabe
Er sah sich vor eine völlig neue Aufgabe gestellt, doch brachte er dafür gute Voraussetzungen mit. In der Strafvollzugsanstalt hatte er es mit Menschen zu tun, deren Selbstbestimmung eingeschränkt war. Als Anstaltsleiter besass er administrative Entscheidungsbefugnisse über sie. Aber er achtete darauf, dass ihre menschliche Würde gewahrt blieb. Der Interessenausgleich zwischen Gefangenen, Mitarbeitern und Behörden stärkte seine Krisenfestigkeit, Kompromissbereitschaft und Kommunikationsfähigkeit. Diese Stärken kamen besonders an den Gemeindeversammlungen zum Ausdruck. Immer gut vorbereitet, war er in der Verhandlungsführung sattelfest und transparent, liess die Leute ausreden und begegnete anderen Meinungen mit Respekt.

Herausforderungen gab es nicht wenige. Im Vordergrund standen finanzielle Sorgen. Die Gemeinde litt unter einem strukturellen Defizit. Sie hätte mit dem Schulhaus-Erweiterungsbau eigentlich die Steuern erhöhen müssen, tat das aber nicht. Deswegen wurde der Handlungsspielraum eng. Die Hoffnungen richteten sich auf eine neue Entschädigungsvereinbarung mit der Firma Holcim, die ihre Kiesabbau- und Deponiezone in das Gebiet «Lindacher Ost» erweiterte. Nach zähen Verhandlungen und mit Unterstützung der Bürgerbewegung IG Mülligen-Birrfeld kam eine Einigung zustande, die der Gemeinde neu eine jährliche Abgeltung von rund 670 000 Franken über die nächsten zwanzig Jahre garantiert.

Dank dieser Perspektive wagte die letztmals von Ueli Graf geleitete Gemeindeversammlung Ende November, neuen Kreditbegehren für die Wasserversorgung, die Sanierung der Mehrzweckhalle, die Anschaffung eines neuen Feuerwehrfahrzeugs, die Erschliessung des Gemeinderarchivs und für das 750-Jahr-Jubiläum Mülligens im Jahr 2023 zuzustimmen. Schon im März waren 1,8 Millionen Franken für einen Kindergarten-Neubau bewilligt worden.


Es kam anders
Eingedenk früherer Rekrutierungsschwierigkeiten legte sich Ueli Graf eine umsichtige Ablöseplanung für die Erneuerungswahl 2022/25 zurecht. Er wollte eigentlich demissionieren, entschloss sich dann aber, das Amt des Ammanns seinem Stellvertreter Stefan Hänni zu übergeben, nochmals als Gemeinderat zu kandidieren und erst Mitte Legislatur-
periode zurückzutreten. Doch es kam anders: Bereits auf Ende März traten drei Mitglieder aus gesundheitlichen, beruflichen und Wegzugsgründen vorzeitig zurück. Wieder tauchten die altbekannten Probleme auf. Zunächst konnte nur eine Vakanz besetzt werden. Der zweite Wahlgang musste mangels weiterer Nominationen abgesagt werden.

Die Bevölkerung schien der Ansicht zu sein, der Gemeinderat mit dem tüchtigen Ammann funktioniere auch zu dritt. Dieser Illusion stellte Ueli Graf die Realität gegenüber. Er erklärte auf Ende 2021 den Rücktritt und machte klar, dass ein zweiköpfiger Gemeinderat einen kantonalen Zwangsverwalter auf den Plan riefe. Das wirkte. Ende November wurde der Gemeinderat komplettiert. Damit verlor auch das Thema Gemeindefusion in Mülligen vorerst an Virulenz. Wegen des Behördemangels unterstützte bei einer Bevölkerungsumfrage noch eine Teilnehmermehrheit den Zusammenschluss mit Gemeinden im Eigenamt, allenfalls mit Windisch oder Birmenstorf. 

Ueli Graf hofft, dass die nächsten vier Jahre die gleichen Leute am Gemeinderatstisch sitzen. Erstmals sind die Frauen mit drei Gemeinderätinnen in der Mehrheit. Im Dorf fehle es nicht an fähigen Leuten, ist der Demissionär überzeugt. Manche scheuten jedoch vor der Mehrbelastung neben Beruf und Familie zurück. Natürlich sei das nicht nur eine Wochenendbeschäftigung, aber interessant. Ihm habe die Aufgabe gefallen, bestätigt der abtretende Ammann.

Bleibt er in Mülligen? «Das ist noch nicht entschieden.» Eine Walliser Ferienwohnung und ein Domizil im Burgund – mit Bootsausflügen – eröffnen Optionen. Die Gemeinde schenkte ihm zum Abschied vorsorglich eine Kapitänsmütze.

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